
Dass das Wahlergebnis der AfD alle Umfragewerte übertreffen könnte, deutete sich erstmals am Sonntag um 12 Uhr an. Da lag die Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt mit 35 Prozent schon deutlich höher als zur selben Zeit vor fünf Jahren. Bis 18 Uhr wuchs sie dann auf historische 77,8 Prozent an. Dass bisherige Nichtwähler auch in dieser Wahl vor allem von der AfD mobilisiert wurden, war keine Überraschung. Das Ausmaß aber war es: Etwa 170.000 Nichtwähler wurden laut Schätzungen in dieser Wahl zu AfD-Wählern, das macht mehr als ein Drittel ihrer Stimmen aus.
„Wir haben genau das geschafft, was wir schaffen wollten: Wir haben in diesem Land Geschichte geschrieben“, sagte AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund kurz nach den ersten Prognosen. Wie das endgültige Wahlergebnis einige Stunden später bestätigte, verfehlte die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei zwar ihr Ziel von „45 Prozent plus X“. Allerdings knapp: Sie erreichte ein Rekordergebnis von 43,8 Prozent. Dass ihr das gelang, lag zum einen an ihrem ungewöhnlich beliebten Spitzenkandidaten. Aber auch an einer großen Unzufriedenheit im Land, die sich vor allem gegen die Bundesregierung richtet.
„Es ist für uns eine Niederlage“, sagte ein sichtlich getroffener Ministerpräsident Sven Schulze am Sonntagabend. Die CDU rutschte in dieser Wahl auf 17,2 Prozent ab, noch deutlich weiter als zuvor von Meinungsforschern geschätzt. Einen schwarzen Tag wollte Schulze den Sonntag aber nicht nennen. Er verwies auf die hohe Wahlbeteiligung: „Ich sage, das ist Demokratie.“ Es sei ein extrem harter Wahlkampf gewesen, so etwas habe er in 25 Jahren Politik noch nicht erlebt.
Tatsächlich war eine der Besonderheiten dieses Wahlkampfes, dass er zumindest an der Spitze schon früh entschieden schien. Ein Duell jedenfalls, wie es SPD und CDU vor ostdeutschen Wahlen zuletzt immer wieder gegen die AfD forciert hatten, gab es dieses Mal nicht. Zu früh und zu weit lag die AfD dafür vorn und hielt ihren Vorsprung konstant über die vergangenen Wochen aufrecht.
Einen Amtsbonus konnte Schulze nicht ausspielen. Ende Januar übernahm er die Regierungsgeschäfte von Reiner Haseloff, der nach 15 Jahren in der Magdeburger Staatskanzlei so beliebt war wie kaum ein anderer Ministerpräsident. Sein Nachfolger konnte das in 222 Tagen im Amt nicht aufholen. Das verdeutlichen Schulzes Zufriedenheitswerte. Die liegen nicht nur weit unter Haseloffs – sondern auch nur knapp vor Siegmunds.
37 Prozent der Wähler zeigten sich in Nachwahlbefragungen zufrieden mit dem AfD-Fraktionsvorsitzenden. Für einen Herausforderer ohne Regierungsamt ist das ungewöhnlich viel; für einen AfD-Spitzenkandidaten ist es ein Höchstwert. Nie zuvor war ein Politiker der AfD so beliebt. Vielmehr wurde sie in der Vergangenheit ganz überwiegend wegen der Partei und nicht wegen ihres Führungspersonals gewählt.
Mit Siegmund ergibt sich ein anderes Bild: 39 Prozent der AfD-Wähler gaben an, sich seinetwegen für die Partei entschieden zu haben. Verglichen mit den Kandidaten in anderen Bundesländern, in denen die AfD zuletzt am besten abschnitt, mobilisierte Siegmund also überdurchschnittlich stark.
Der Fünfunddreißigjährige tourte im Wahlkampf wochenlang durch die Landkreise, trat auf Marktplätzen und in Stadthallen auf, gab sich nahbar, sympathisch, lächelte viel. Über Inhalte sprach er wenig, dafür betonte er oft, man wolle zurück in ein „altes, sicheres Deutschland“. So gut wie täglich postete er authentisch wirkende Videos von sich in den sozialen Medien, wo er mit zusammengerechnet knapp zwei Millionen Followern mittlerweile einer der reichweitenstärksten Politiker in Deutschland ist. Das zahlte sich nun vor allem in jungen Wählergruppen aus.
Ganz anders sah es bei Schulze aus: Zwar schnitt auch die CDU ihren Wahlkampf stark auf ihren Spitzenkandidaten zu. Doch im Unterschied zu Siegmund wollte Schulze vor allem Erfahrung und Sachkompetenz vermitteln. Die AfD griff er mehrmals mit dem Vorwurf an, inkompetent und nicht regierungsfähig zu sein. Man müsse gute Lösungen bieten, statt auf Tiktok zu funktionieren, so Schulze.
Das verfing bei den Wählern nicht. Im Gegenteil: War es 2021 noch mit Abstand die CDU, der man in Sachsen-Anhalt die meiste Kompetenz zusprach, hat sich das Verhältnis über die vergangenen Jahre zugunsten der AfD umgekehrt. 35 Prozent der Befragten trauen nun am ehesten der AfD zu, die wichtigsten Aufgaben im Land zu bewältigen.
Ganz oben auf der Liste steht dabei die Lage der Wirtschaft. In Nachwahlbefragungen der Forschungsgruppe Wahlen nennen 21 Prozent der Befragten sie als wichtigstes Problem und sprechen der AfD auch diesbezüglich mehr Kompetenz zu als der CDU. Auf Wirtschaft folgt Bildung. Erst an dritter Stelle wird Zuwanderung genannt, was bei einem AfD-Stimmanteil von 43,8 Prozent auffällt.
Denn traditionell ist die Migrationspolitik für AfD-Anhänger nicht nur das größte Problem, sondern auch wahlentscheidend. So war es zwar auch jetzt in Sachsen-Anhalt wieder. Unter allen Wählern jedoch tritt sie hinter einem anderen Thema zurück: Jeder Vierte gab laut Infratest Dimap an, die Frage der sozialen Sicherheit sei entscheidend für die eigene Stimmabgabe gewesen.
Das eher bundes- als landespolitische Thema dominierte in Sachsen-Anhalt schon die vergangenen beiden Wahlen. Dieses Mal wurde es jedoch begleitet von viel Groll gegen Berlin.
87 Prozent gaben an, unzufrieden mit der Bundesregierung zu sein, nur 11 Prozent sahen das anders. Der Ärger richtet sich dabei vor allem gegen die CDU: 84 Prozent sagen, die Partei habe vor der Bundestagswahl viel versprochen, aber wenig gehalten. Allen voran Friedrich Merz erhielt eine desaströse Bewertung aus Sachsen-Anhalt: Lediglich neun Prozent zeigten sich zufrieden mit dem Bundeskanzler.
So hatte Schulze es im Wahlkampf weitgehend vermieden, mit Merz aufzutreten. In seiner Distanzierung ging er sogar noch einen Schritt weiter: Ende Juli stellte Schulze sich prominent gegen die Abschaffung der sogenannten Rente mit 63. Damit konnte er punkten. In Nachwahlbefragungen fanden es 71 Prozent gut, dass der Ministerpräsident sich gegen die Bundesregierung auflehnte.
Das allerdings war auch weitgehend das Einzige, das man Schulze in Sachsen-Anhalt positiv anrechnete. Insgesamt gaben zwei Drittel an, unzufrieden mit seiner Landesregierung zu sein – deutlich mehr als noch vor fünf Jahren. Dass die CDU in ihrer Gesamtheit abgestraft wurde, zeigt sich auch daran, dass sie kein einziges Direktmandat gewann.
Die AfD wusste den allgemeinen Verdruss zu nutzen. Siegmund inszenierte sich im Wahlkampf als „Retter“ des Landes und die AfD als Kontrast zu allen anderen Parteien, versprach Aufbruch und einen grundlegenden Politikwechsel. Das stieß besonders in strukturschwachen Regionen auf breite Resonanz, etwa dem südwestlich gelegenen Mansfeld-Südharz: Wie in vorherigen Wahlen erzielte die AfD hier ihr stärkstes Zweitstimmenergebnis. In den Städten wie Magdeburg oder Halle hingegen, die mit Blick auf Einkommen, Bildung, Durchschnittsalter und Bevölkerungsdichte stärker abschneiden, war die AfD verhältnismäßig schwach.
Insgesamt ist Sachsen-Anhalt im gesamtdeutschen Vergleich besonders strukturschwach, was sich auch schon in der Bundestagswahl 2025 zeigte. Nirgendwo sonst sind die Menschen im Schnitt so alt, nirgendwo sonst ist der Bevölkerungsverlust seit 1990 so hoch, nirgendwo sonst ist der Anteil von Schulabsolventen mit Hochschulreife so gering. Auch mit Blick auf andere sozioökonomische Faktoren rangiert Sachsen-Anhalt vielfach auf den unteren Plätzen, oft vor oder hinter Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen.
Im Wahlkampf wurden Ost-West-Unterschiede bewusst hervorgehoben – dabei wurde allerdings weniger sozioökonomisch als identitätspolitisch argumentiert. Vor allem das BSW und die AfD betonten in den vergangenen Monaten immer wieder eine ostdeutsche Identität. Plakatierte das BSW breitflächig sein Kampagnenmotto „Der Osten bleibt anders“, fuhr Siegmund regelmäßig mit dem DDR-Kultmoped Simson vor. Das fand Anklang: Vor fünf Jahren war es noch die Linkspartei, denen die Sachsen-Anhalter zutrauten, ostdeutsche Interessen am besten zu vertreten – jetzt ist es die AfD.
Die Linke, die 2021 unter anderem noch mit dem Slogan „Nehmt Wessis das Kommando“ geworben hatte, führte nun einen gemäßigteren Wahlkampf. Sie konzentrierte sich vorrangig auf sozialpolitische Themen und wollte sich als Bastion gegen die AfD verstanden wissen. Mit mäßigem Erfolg: 8,6 Prozent erzielte sie am Sonntag – dritter Platz. Damit verschlechterte sie sich im Vergleich zu 2021 um 2,4 Prozentpunkte und blieb weiter deutlich unter ihren Ergebnissen vorheriger Jahrzehnte, in denen sie zwischen 20 und 25 Prozent pendelte.
Dieses Mal kam für die Linke noch ein weiteres Problem dazu: das BSW, das erstmals in Sachsen-Anhalt antrat und sich vor allem mit Stimmen früherer Linken-Wähler gerade so über die Fünfprozenthürde hievte.
Die Grünen hingegen freuten sich am Wahlabend über ihr bestes Ergebnis jemals in Sachsen-Anhalt: 8,9 Prozent. Diesen Erfolg verdanken sie allerdings überwiegend der Angst vor einer absoluten Mehrheit der AfD. Dass über den Sommer immer stärker die Überzeugung reifte, eine AfD-Alleinregierung nur noch durch möglichst viele Kleinparteien im Parlament verhindern zu können, half nicht nur den Grünen, sondern auch der SPD.
Gezielt befeuert wurde das von Kampagnen, die von Ende Juli an dafür warben, taktisch für SPD und Grüne zu stimmen. Die Effekte zeigen sich deutlich: Nicht nur gewannen beide Parteien in Umfragen seit Anfang August dazu. Am Wahltag gaben auch 78 Prozent an, die SPD vor allem aus Sorge vor einem AfD-Ministerpräsidenten gewählt zu haben. Bei den Grünen waren es 68 Prozent.
Die SPD zeigte sich am Wahlabend vor allem erleichtert, mit 9,3 Prozent sicher über die Fünfprozenthürde gekommen zu sein. „Noch vor drei Monaten hat der ein oder andere das Totenglöckchen schon gehört“, sagte SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann. Das Ergebnis zeige, dass man stabil dastehe. In der Bundespartei sah man in dem Ergebnis noch etwas anderes: ein Signal an Berlin, wie der Parteivorsitzende Lars Klingbeil recht früh am Sonntagabend äußerte. Das sei ein Grund, über den Reformkurs der Bundesregierung nachzudenken, so Klingbeil. „Und seien Sie sicher, das werden wir auch tun.“
An anderer Stelle zog das Wahlergebnis eine unmittelbare Konsequenz nach sich: Die FDP, bislang Regierungspartei, verfehlte den Landtagseinzug mit 2,6 Prozent deutlich. Ihre Landesvorsitzende Lydia Hüskens kündigte noch am Abend ihren Rücktritt an.
Und das BSW? Musste sich wieder einmal in Geduld üben. Bis zum vorläufigen Endergebnis in der Nacht stand sein Einzug auf der Kippe. Ihre 5,3 Prozent verdankt die Partei von Sahra Wagenknecht letztlich auch der allgemeinen Unzufriedenheit im Land. Denn von allen Parteien war sie die einzige, die eher aus Enttäuschung statt aus Überzeugung gewählt wurde. Das BSW ist nun also, was auch die AfD in ihren Anfängen war: Protestpartei.
In den Wochen vor der Wahl hatte das BSW immer wieder die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Auch, weil es in Aussicht gestellt hatte, durch Enthaltung im dritten Wahlgang einer Ministerpräsidentenwahl Siegmund ins Amt zu verhelfen. Tatsächlich könnte die Partei mit ihren fünf Sitzen im Landtag nun zum Zünglein an der Waage werden. Denn auch wenn die Linke zusammen mit Grünen, SPD und CDU für Schulze stimmten, fehlten immer noch Stimmen zur Mehrheit. BSW-Kandidatin Claudia Wittig bekräftigte am Wahlabend jedenfalls, weder Siegmund noch Schulze zum Ministerpräsidenten wählen zu wollen. Das würde den AfD-Kandidaten de-facto ins Amt heben.
Gleichzeitig blieb Wittig der BSW-Forderung nach einem überparteilichen Ministerpräsidenten treu, der mit wechselnden Mehrheiten regieren soll. Während Siegmund das als „Gewurschtel“ abtat, lobte die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel die BSW-Kandidatin schon für ihre „vernünftige Politik“. Ein Regierungsszenario mit dem BSW, so Weidel, sei „sehr interessant“.
