Das 21. Jahrhundert begann am 11. September 2001. An der US-amerikanischen Ostküste war der Tag gerade erst angebrochen, als Mitglieder des islamistischen Terrornetzwerks Al-Qaida vier Passagierflugzeuge entführten. Sie überwältigten das Bordpersonal, übernahmen die Cockpits und steuerten die Maschinen in symbolträchtige Gebäude wie das World Trade Center in New York oder das Pentagon in Washington, D.C. Dicker Rauch quoll in den tiefblauen Himmel Manhattans, rund 3000 Menschen starben an diesem Tag.
9/11, so die gängige Bezeichnung für die Terroranschläge, teilte die westliche Zeitrechnung in ein Davor und ein Danach ein. Amerikanische Streitkräfte und ihre Verbündeten marschierten 2001 in Afghanistan und 2003 in den Irak ein. Doch der „Krieg gegen den Terror“, den der damalige US-Präsident George W. Bush als unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse ausrief, ging schon bald weit über die Suche nach Verantwortlichen hinaus. Die Rechtmäßigkeit des Irakkriegs ist bis heute umstritten, in den Gefängnissen in Guantánamo Bay und Abu Ghraib folterte das US-Militär systematisch Gefangene.
Als eine „Weltverdüsterung“, die „die Gesellschaften des Westens überfallen“ habe, bezeichnet der Schriftsteller Rainald Goetz die politischen Prozesse nach 9/11. In seinem 2020 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführten Theaterstück „Reich des Todes“ verlegt er die Geschehnisse in eine Unterwelt und verwebt sie mit weiteren historischen und gegenwärtigen Beispielen zu einem dunkelschimmernden Kaleidoskop des Machtmissbrauchs. Gemeinsam mit dem Regisseur Henri Hüster hat Goetz das Stück für den NDR in eine Hörspielversion umgearbeitet, die nun auf „ARD Sounds“ zur Verfügung steht und bei NDR Kultur läuft. Sie ist ein intellektueller Kraftakt und eine brillante Zumutung zugleich.
„Meine Weltsicht ist düster“
„Meine Weltsicht ist düster. Ich weiß nicht, warum, wo das herkommt. Aber es ist so, und es ist auch egal. Ich frage mich immer nur, was folgt daraus, was kann ich daraus machen“, mit diesen Worten leitet Goetz in „Reich des Todes“ ein und setzt den Ton für die kommenden zwei Stunden. In der Unterwelt findet man weder Lichtblicke noch Hoffnungsschimmer. Goetz konzentriert sich auf die „Kaputtheit“ der Menschen, ihre vergiftete Bösartigkeit.
Die Terroranschläge vom 11. September bilden den Ausgangspunkt der fragmentarischen Handlung, bei der Realität und Fiktion verschwimmen. Rollen wie Präsident Grotten (Fabian Hinrichs), Vizepräsident Selch (Burghart Klaußner) und Sicherheitsberaterin Frau von Ade (Maria Schrader) sind an damalige politische Akteure wie George W. Bush, Vizepräsident Dick Cheney und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice angelehnt. Andere hingegen weisen auf Persönlichkeiten aus anderen Epochen hin, so wie der Kriegsminister Roon (Gustav Peter Wöhler) auf den preußischen Generalfeldmarschall Albrecht von Roon oder Justizrat Dr. Schill (Gabriel Schneider) auf den Hamburger Juristen, Politiker und späteren Dschungelcamp-Teilnehmer Ronald Schill.
Universale Praktiken des Machtmissbrauchs
Die Verflechtung der Namen steht für die Austauschbarkeit der Personen, für eine Kontinuität von Gewalt, für universale Praktiken der Macht und des Machtmissbrauchs – unabhängig davon, ob sie von einem US-Präsidenten oder einem preußischen General ausgeübt werden. 9/11 indes markiert einen Kipppunkt: Der „Krieg gegen den Terror“ eröffnet die Möglichkeit zu einem totalitären Handeln neuen Ausmaßes. Gesetze und Normen werden außer Kraft gesetzt, rechtliche und politische Grenzen unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung verschoben.

„Es war ein Schlag, von dem das Land sich lange nicht erholen sollte, das sind die Bilder, das sind die Folterer von Abu Ghraib, das ist Amerika, so sehen Sieger aus, da redet Roon, da redet Selch, das ist der Hochmut dieses Landes, Stärke, Macht, die Fratze seiner Politik, da zeigt sich Grotten tief erschüttert, und keiner hat von nichts gewusst, das war die Tat, das Böse neu zu definieren, und Finsternis vermehrte sich, verdunkelte die Lebenden, die Toten“, so spricht der Chor nach einer Pressekonferenz über den Folterverdacht in amerikanischen Gefängnissen.
Um die Zusammenhänge und Querverweise bei „Reich des Todes“ gänzlich zu erfassen, bedarf es denksportlichen Ehrgeiz. Einen roten Faden gibt es nicht, und bis auf eine grobe Kapiteleinteilung, deren Überschriften wie „Schlucht“ oder „Leviathan“ kaum zur Orientierung beitragen, reihen sich Monologe, Dialoge und Sprechchöre nahtlos aneinander. Ein charakteristisches Merkmal des Œuvres von Rainald Goetz.
Der 1954 in München geborene und 2015 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Schriftsteller ist bekannt für seine Texte, die an ungebremste Gedankenströme erinnern. Werke wie „Irre“ von 1983 oder „Rave“ von 1998 entwickeln dadurch eine unmittelbare Wucht, verlangen dem Leser zugleich aber eine gewisse Bereitschaft ab, sich auf sie einzulassen. Ähnliches ergeht es einem mit der Hörspielfassung von „Reich des Todes“. Ohne die visuellen Möglichkeiten des Theaters, das durch seine Inszenierung über manche Verständnisschwierigkeit hinweghelfen kann, bleibt dem Hörer hier allein der Text. Die glänzende Besetzung – etwa Jens Harzer als Oberjustizrat Dr. Kelsen, der mit seiner prononcierten Betonung die Textmassen strukturiert – hilft durchaus. Dennoch fordert und überfordert „Reich des Todes“ einen unentwegt.
Aber ist dies im Endeffekt nicht die ehrlichste Form, mit der Wucht und Komplexität einer historischen Zäsur wie 9/11 und ihren Folgen umzugehen? „Weg von den Bildern, der Schnelle, der unmittelbaren Plausibilität von Verstehen; hin zum Wort, der Imagination, dem komplizierten Umweg der Verbalität, der weltgerichteten Negation, hinein in den Prozess der Kaskaden, alles zerschmetternd (…)“, hielt Goetz am Tag der Hörspielaufnahmen fest. Er wählt keine leicht zugängliche Sprache, weil die Realität selbst sperrig ist. „Reich des Todes“ reißt einen mit. Ob man will oder nicht.
Ein Plädoyer für das Hörspiel
Von Jürgen Kaube
Über alle literarischen Formen macht sich das Feuilleton Gedanken: Theater, Oper, Roman, Lyrik. Eine Form fehlt aber oft: das Hörspiel. Dabei erreichen Hörspiele ein großes Publikum. Ein jugendliches ohnehin, aber auch bei den Erwachsenen können sich die Zahlen sowohl der als Hörbücher verkauften Hörspiele als auch der Zugriffe auf die Mediatheken der Rundfunkanstalten sehen lassen.
Das liegt nicht zuletzt an der Variationsbreite dieser Gattung, die von den „???“ über das Kriminalhörspiel und die szenische Bearbeitung von Romanen bis zu avantgardistischen Tonstücken reicht. Wir denken an Georges Perecs „Die Maschine“ oder an „Roaratorio“ des nicht minder unvergesslichen John Cage.
In Deutschland hat das Hörspiel eine große Tradition. Sie begann 1924 mit „Zauberei auf dem Sender“ von Hans Flesch, reicht über die märchenhaften Stücke von Günter Eich („Träume“, „Allah hat hundert Namen“), die Hör-Collagen von Helmut Heißenbüttel („Prager Frühling“) und Ror Wolf („Der Ball ist rund“) bis zu den hinreißenden „Klangcomics“ von Natascha Stangl. Viele der ästhetisch erstaunlichsten Werke unserer Epoche sind Hörspiele.
In Zeiten permanenter Rundfunkreform im Zeichen von „Durchhörbarkeit“, zweifelhaften Hörerstudien und Einsparpolitiken, denen sie dienen, sind wir unsicher, ob das allen Sendern ausreichend bewusst ist. Was wir in dieser unsicheren Lage tun können, ist, dem Hörspiel in allen seinen Spielarten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Darum wollen wir, zusätzlich zu unserer Hörbuch-Seite, an dieser Stelle nun regelmäßig auf Hörspiele hinweisen, über sie nachdenken und sie der literarischen Kritik genauso unterziehen wie alle anderen Gattungen. Dem dient die neue Rubrik.
