
Komödien handeln von Liebeskomplikationen. Dargestellt werden die Schwierigkeiten zweier Individuen zusammenzukommen, die vielen Hemmnisse, die sie in ihrer Mitwelt und in sich selbst finden. Es geht um die Unwahrscheinlichkeit der Ehe. Die Komödie ist das Gelächter am Hochzeitsabend. Es ist heiter und grausam zugleich.
Selten war eine Komödie grausamer als „Frenzy“. Hier läuft nichts auf eine Heirat hinaus, sondern alles von der Ehe weg. Es gibt den geschiedenen Barkeeper Blaney, der eine Affäre mit der ebenfalls ehelosen Barfrau Barbara hat. Es gibt seine Ex-Frau Brenda, die ein Institut für Eheanbahnung führt, das unglückliche Ehen anbahnt, und die von einem Kunden erwürgt wird. Ebenso wie die Barfrau. Es gibt den Kommissar von Scotland Yard, der die Faszination seiner Gattin durch französische Rezepte mit seinem Brechreiz angesichts ihrer wässrigen Fischsuppe, zähen Wachteln und ekelhaften Schweinsfüße abwägen muss. Liebe geht hier nicht durch den Magen.
Die Gattin des Kommissars hält den Barmann für unschuldig am Mord seiner Ex-Gattin, denn nach zehn Jahren Ehe sei kein „crime de passion“ mehr denkbar. Im Französischen hat „consommer“ eine mindestens doppelte Bedeutung. Beziehung heißt auf Englisch „tie“, wie die Krawatte, mit der im Film die Frauen erdrosselt werden. Gleich eingangs wird erwähnt, dass die Londoner Männerklubs eigene Krawatten haben. Wenn der Täter die seine löst, beginnt endgültig die Raserei, „frenzy“.
Die einzige Nacktszene in Hitchcocks Werk
Sein Film ist ein sarkastischer Versuch über die Rohheit der Engländer. Sie haben keinen Geschmack. Das zeigt sich nicht nur in den Attentaten der Kommissarsgattin auf Barsch, Aal und Wachtel, denen der Ehemann, Chief Inspector Tim Oxford (!), zu dem entflieht, was die Engländer Frühstück nennen: verbrannte Würste mit gebackenen Bohnen, in deren Tomatensoße ein Spiegelei schwimmt. Während die erste Leiche angetrieben kommt, fragt sich ein Gaffer, ob Jack the Ripper eine Niere oder eine Leber seines Opfers der Polizei per Brief zugestellt hatte. Der Barmann schüttet schon vormittags Brandy in sich hinein, um kurz danach mit einem dreifachen Brandy nachzuspülen. In seinem alten Pub beschweren sich die Gäste über vergammeltes Essen.
Reise ins sexuelle Herz der Finsternis
So roh geht es weiter. Zwei Gäste machen beim Bier einen drastischen Witz über die Opfer. Wenn der Mörder in panischem Schweiß versucht, der todesstarren Leiche, die er in einem Kartoffelsack auf einem Lieferwagen deponiert hat, die Krawattennadel zu entreißen, in die sich die Finger der Sterbenden in der Agonie verhakt hatten, geht das Schreckliche mittels makabrer Choreographie ins Groteske über. Der Täter ist im Gemüsegroßhandel tätig und beißt vor wie nach der Tat gern in einen Apfel. Er heißt Rusk, Zwieback.
Die Reise ins sexuelle Herz der Finsternis war für Hitchcock eine sentimentale. Sein Vater war Gemüsehändler in Covent Garden (!) gewesen. Bei der Suche nach Drehorten klagte der Regisseur, es fänden sich kaum noch Pubs, die mit dunklem Holz ausgeschlagen waren. Dass ihm abgerungen wurde, für das Polizeihauptquartier und das Hilton Hotel moderne Gebäude zu akzeptieren, hat er bereut.
Ein Film voller Erinnerungen an das alte London
Alfred Hitchcock war mit „Frenzy“ filmisch nach England zurückgekehrt, das er zuletzt 1950 in „Dial M for Murder“ als Schauplatz gewählt hatte. Zu Beginn des Films fliegt die Kamera geradezu in London ein. Der Rückkehr vorausgegangen waren filmische und finanzielle Misserfolge: „Torn Curtain“ und „Topaz“. Sein letzter großer Film lag acht Jahre zurück, „Die Vögel“ von 1963. Wie „Psycho“, „Vertigo“, „North by Northwest“ war das ein sehr amerikanischer Film. Mit „Torn Curtain“ und „Topaz“ hatte er sich auf den Ost-West-Konflikt als Stoff eingelassen. Nun drehte er einen Film voller Erinnerungen an sein altes London, das gerade dabei war zu verschwinden.
Es ist der Schauplatz des Schreckens. Kein Film Hitchcocks ist so gewalttätig wie dieser, in keinem werden Frauen stärker erniedrigt. Die erste Leiche treibt als Umweltverschmutzung im Fluss. Die zweite wollte Hitchcock mit heraushängender Zunge zeigen, an der Speichel herabläuft, was ihm ausgeredet werden konnte. Die dritte wird Kopf voran in den Kartoffelsack gesteckt. Die Gattin von Inspektor Oxford hingegen erscheint als ungenießbar. Andere Frauen im Film sind prüde, dominant, gehässig.
Es ist darum nicht von der Hand zu weisen, wenn Tania Modleski in ihrem Buch „The Women Who Knew Too Much“ schreibt, die sexuelle Befreiung der Sechzigerjahre habe ihre verstörende Wirkung auf Hitchcock getan. Die sexuell aktive Frau erscheint in „Frenzy“ als Quelle von Angst. Dass Hitchcock diesem Empfinden eine gewalttätige Komödie abzugewinnen vermochte, kann die Zuschauer erstaunen, erschrecken oder ratlos zurücklassen. Es ist diese Ambivalenz, die „Frenzy“ zu einer fortwährenden Provokation macht.
