Eigentlich mache sie das schon immer, sagt Rabia Malik. Seit sie als Neunjährige mit ihren Eltern aus Pakistan nach Deutschland kam, übersetzte sie und half ihnen bei Behördengängen und im täglichen Leben. Der Vater kochte bei einem großen Caterer für Firmenkantinen, die Tochter engagierte sich in der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde und leitete dort die Frauenorganisation. Sie gab Kochkurse im Stadtteilbüro und mischte beim Siedlungsfest mit. So wuchs sie in die Stadtgesellschaft hinein.
„Ich habe selbst erlebt, wie es ist, wenn man in ein fremdes Land kommt“, sagt Malik. Inzwischen ist sie Projektleiterin für die Integrationslotsen im Stadtteilbüro der „Siedlung“ südlich der Bahnlinie und koordiniert die zehn Ehrenamtlichen und vier Anwärter, die eine erstaunliche Sprachenvielfalt mitbringen. Sie sprechen Ukrainisch und Urdu, Amazigh und Arabisch, daneben wissen sie, wie man Kinder für die Schule anmeldet und wie das deutsche Hausarztsystem funktioniert. Die Integrationslotsen seien Brückenbauer, sagt Malik, und geben Hilfe zur Selbsthilfe. „Wir wollen, dass die Menschen ihre Möglichkeiten kennenlernen und zunehmend selbständig werden.“
Seit 20 Jahren läuft das Projekt in Hattersheim. Im Jahr 2000 wurde das Stadtteilbüro mit Fördermitteln der „Sozialen Stadt“ gegründet. Schon damals habe es einen großen Bedarf an türkischen Übersetzungen gegeben, sagt Heike Bülter. Sie hat das Büro mitgegründet und lange Zeit geleitet, bis sie vor drei Jahren in den Ruhestand ging. 2006 schrieb sie den Antrag auf Ausbildung von Integrationslotsen und begann mit fünf Personen das „Hattersheimer Modell“ – viel Erfahrung gab es nicht, man verrichtete Pionierarbeit. Die Hattersheimer waren zwar nicht die ersten in Hessen, aber die ersten im Kreis. Um das Modell bekannt zu machen, besuchten die Lotsen Vereine, Ämter und Elternabende.
Zum runden Geburtstag gab es eine Feierstunde im Stadtmuseum, auf der die hessische Ministerin für Arbeit und Soziales, Heike Hofmann (SPD), den amtierenden Lotsen ihre Zertifikate überreichte. Dazu wird die Ausstellung „Wege in die Fremde“, die im Jahr 2010 konzipiert worden war, in erweiterter Form mit zahlreichen ergänzenden Gegenständen aus der Sammlung noch einmal gezeigt. Migranten aus verschiedenen Ländern erzählen ihre Geschichte, Fotos und Werkszeitungen der Betriebe bilden Leben und Arbeit der Gastarbeiter ab.

Anlass der Ausstellung ist auch, dass sich das Abwerbeabkommen mit der Türkei Ende Oktober zum 65. Mal jährt. Damals, so fasst es Alexander Quirin vom Vorstand des Hattersheimer Geschichtsvereins zusammen, habe sich auch Hattersheim verändert. Viele Gastarbeiter arbeiteten bei der Wellpappe-Fabrik, der Schokoladenfabrik Sarotti, der Glashütte oder im damals noch florierenden Rosenanbau. Die Gewerkschaften hätten das Abwerbeabkommen aber durchaus kritisch gesehen, ergänzt Christopher Savage vom Ausländerbeirat, selbst seit zwei Jahren Integrationslotse. Sie hätten damals durchgesetzt, dass die Gastarbeiter den gleichen Lohn bekommen sollten wie die Einheimischen.
Ein Grußwort steuerte auch Hans Franssen (SPD) bei, erster Vorsitzender des Geschichtsvereins und Altbürgermeister. Die Gastarbeiter hätten wesentlich zum Wohlstand der Stadt beigetragen, hebt er hervor. Und blickte zu diesem Anlass nach Sachsen-Anhalt, wo im AfD-Wahlkampf auch Integrationslotsen als Feinde gesehen würden und abgeschafft werden sollten. „Es ist wichtig, dass wir ehrenamtliches Engagement würdigen und Haltung zeigen“, sagte Franssen.
Die Ausstellung „Wege in die Fremde“ ist noch bis 17. September zu sehen. Das Stadtmuseum ist donnerstags und sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
