Heutzutage näht ja keiner mehr – dieser Satz fällt immer mal wieder, wenn Sibylle Zolles mit älteren Kundinnen im Gespräch ist. Die Chefin des ältesten Geschäfts für Kurzwaren und Schneiderbedarf in Frankfurt, W. Wächtershäuser, muss dann lachen. „Und davon lebt das Geschäft seit über 200 Jahren.“
Zolles ist zwölf Jahre alt, als sie sich das erste Mal an die Nähmaschine setzt. Das große Vorbild: eine Großtante, die als Schnittdirektrice in einer Coutureschneiderei arbeitete, „ganz fein“. Futterstoffe, Nähgarn, Knöpfe und Reißverschlüsse kauft sie an der Töngesgasse bei Horst Erb, dem damaligen Chef des Kurzwarengeschäfts – einem Freund der Familie. „Der war wie ein Onkel für mich.“

Und so kommt es, dass Zolles nach dem Abitur erst einmal eine Lehre als Kauffrau im Einzelhandel bei W. Wächtershäuser absolviert. Später sammelt sie Erfahrung im Großhandel für Kurzwaren und in der Industrie und macht noch eine Fortbildung zur Handelsfachwirtin in der Abendschule. Sie hält den Kontakt zur Töngesgasse. Und als der Besitzer fragt, ob sie sich vorstellen könne, das Geschäft zu übernehmen, sagt sie zu. 28 Jahre ist das jetzt her.
An die Anfänge kann sie die „Frankfurter Knopftante“, wie sich Zolles augenzwinkernd nennt, gut erinnern. Familie und Freunde, alle helfen dabei, erst einmal die Patina der letzten Jahrzehnte von den Wänden zu holen. Die sind gelb von Nikotin. Der Chef, die Mitarbeiter, die Kunden und sie selbst während der Lehre – „alle haben im Laden geraucht“. Die Pelzhändler aus dem Bahnhofsviertel gelegentlich auch dicke Zigarren.
Ansonsten hat die 59 Jahre alte Geschäftsführerin, die erste Vorsitzende der Interessengemeinschaft Töngesgasse ist und im Handelsausschuss der IHK Frankfurt sitzt, bis heute bewusst nicht viel verändert. Holzregale und Vitrinen sind noch original aus den Fünfzigern. Das Alte und Angestaubte gefällt ihr. „Die Butze passt zur Töngesgasse.“ Einen Onlineshop gibt es seit zehn Jahren aber auch.
„Ich liebe das Ganze hier“, sagt die Inhaberin, die lieber im Laden steht als Büroarbeit erledigt. „Wir haben so viele Dinge, die sonst niemand hat.“ Sorgen um die Miete muss sie sich zum Glück nicht machen, sie hat die Ladenfläche gekauft. Was Zolles, die gern ins Hessische wechselt, nicht mag, sind Kunden, die sich vordrängeln, nach dem Motto: „Ich hab’ da nur ’ne Fraach.“ Dann kann sie auch mal streng im Ton sein. Um Ärger vorzubeugen, müssen Kunden seit zwei Jahren an der Ladentür eine Nummer ziehen.
Einen regelrechten Boom erlebt W. Wächtershäuser während der Corona-Pandemie. In den Anfängen, als es noch nichts anderes gibt und alle wie wild Stoffmasken nähen, um sich gegen Viren zu schützen, sind die Gummibänder für die Befestigung hinter den Ohren und Metallstäbchen zum Stabilisieren der Stoffe Gold wert. Das Kurzwarengeschäft hat reichlich davon, produziert selbst „Schnuudlabbe“, wochenlang stehen Kunden vor dem Geschäft Schlange.
Zolles wohnt da bereits mit ihrem Mann und ihrem erwachsenen Sohn über dem Ladengeschäft. Es hätte auch anders kommen können. Denn ihre „große Liebe“ ist ein Sportfotograf aus Wien. Acht Jahre lebt und arbeitet sie dort, dann erfordert das Geschäft die Rückkehr nach Frankfurt. Ihr Mann, der, wie Zolles sagt, nicht verstehen könne, „warum die Frankfurter ihre Stadt so kleinreden“, kommt später hinterher. Und begeistert seine Frau fürs Tennisspielen beim TC Offenbach.
Auch im Hinblick darauf möchte die Ladenbesitzerin in fünf Jahren anfangen, weniger zu arbeiten. Den freien Montag, der inzwischen Ruhetag ist, nutzt sie jetzt für Büroarbeiten, um am Sonntag „einmal nichts zu tun“. Am liebsten sitzt sie dann auf ihrer Terrasse und legt die Füße hoch – oder näht sich ein neues T-Shirt.
