Leicht haben es die Fraport-Vertreter nicht gehabt. Gut 600 Bürger waren am Donnerstagabend in die Flörsheimer Stadthalle gekommen, in der noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden mussten, dennoch standen zahlreiche Besucher am Rand. Die Flörsheimer machten ihrem Unmut über das neue Betriebskonzept des Frankfurter Flughafens Luft. Es soll zum Tragen kommen, sobald die Zahl der Flugbewegungen pro Stunde auf 108 bis 110 steigt – derzeit sind es 104. Dann würden die Flugzeuge Flörsheim nicht nur im Landeanflug überqueren, sondern auch vermehrt nach dem Start.
Stadtverordnetenvorsteher Michael Kröhle (CDU) hatte die undankbare Aufgabe, den Abend zu moderieren, das Publikum im Zaum zu halten und dennoch deutlich zu machen, dass er die Interessen der Stadt Flörsheim vertritt. „Eine massive zusätzliche Belastung genau dort, wo die Belastungsgrenze schon erreicht und überschritten ist, ist mit den Interessen der Stadt nicht vereinbar“, sagte er. Zudem habe es vor 15 Jahren, beim Bau der Landebahn Nordwest, Zusagen gegeben, eine Doppelbelastung in Flörsheim zu vermeiden. „Wenn politische Zusagen nicht eingehalten werden, stärkt das die politischen Ränder“, sagte Kröhle.
Keine Absprachen über Doppelbelastung
Die einzige noch undankbarere Aufgabe hatte Regine Barth, Fluglärmbeauftragte vom hessischen Ministerium für Energie, Verkehr und ländlichen Raum. In dieser Eigenschaft sitzt sie als Fachbeamtin zwischen allen Stühlen. Sie soll die Entscheidungen der Regierung umsetzen und dafür sorgen, dass dies in einem rechtlich korrekten Rahmen geschieht. Im Zweifel muss sie externe Fachleute zurate ziehen und zudem die Impulse der Fluglärmkommission, in der unter anderem die Kommunen vertreten sind, aufnehmen.
Barth muss auch prüfen, ob das neue Betriebskonzept mit dem ursprünglichen Planfeststellungsbeschluss für die Nordwestlandebahn zu vereinbaren ist. Eine Änderung des Betriebskonzepts stelle keinen Widerspruch dar, sagte sie. Es hätten der Planfeststellung zwar Annahmen zum Betriebskonzept zugrunde gelegen. Aber es seien keine konkreten Festlegungen getroffen worden, dass Gebiete nicht überflogen werden dürften und welche Flugrouten zu welchen Anteilen zu nutzen seien. Auch dazu, dass Kommunen von Doppelbelastungen durch An- und Abflüge zu verschonen seien, sei nichts konkret vereinbart worden.

Das allerdings hat Bürgermeister Bernd Blisch (CDU) anders in Erinnerung. Es habe einen Konsens gegeben, Flörsheim neben dem Landeverkehr nicht auch noch Abflüge zuzumuten, sagte er. Die zusätzliche Belastung durch mehr Starts sei nur aufgefallen, weil sich Wickerer Bürger an die Politik gewandt hätten. Diese habe daraufhin auf Nachfrage von dem neuen Betriebskonzept erfahren. Daher wolle sich die Stadt zusammen mit den Nachbarkommunen rechtlich beraten lassen und zusammen mit dem Regierungspräsidium ausloten, welche Entwicklungsmöglichkeit sie noch habe.
Momentan nutzen 25 Prozent der Starts von der Centerbahn aus die Südumfliegung, zehn Prozent die Route nach Westen über Flörsheim und Hochheim, die restlichen 65 Prozent starten von der Startbahn West nach Süden. Perspektivisch werde sich das Verhältnis umkehren, sagte Jörn Muthmann, der bei der Fraport für die Weiterentwicklung des Betriebskonzepts verantwortlich ist.
Das bedeute, dass nur noch zehn Prozent die Südumfliegung nutzen würden und 25 Prozent den Abflug über Flörsheim. Besonders bei hohem Verkehrsaufkommen werde man auf der Centerbahn die Nordwestroute nutzen. Man könne sich das vorstellen wie eine Weiche, die von der Flugsicherung umgelegt werde und immer mindestens eine Stunde in ihrer Position verharre.
Steffen Wendeberg, Leiter Kapazitätsmanagement, rechnet damit, dass das neue Konzept etwa um das Jahr 2028 bis 2030 eintreten wird. Dann werde es zu ein bis zwei Starts mehr pro Stunde nach Nordwest kommen. Insgesamt seien das etwa 40 bis 60 Starts pro Tag nach Nordwest. Gleichzeitig, so erklärt Ute Felscher-Suhr, Leiterin für Lärm und Luftschadstoffe, habe Fraport ein Paket für baulichen Schallschutz geschnürt.
Dass Statistik und Lebenswirklichkeit unterschiedliche Dinge seien, bemerkte Stadtverordnetenvorsteher Kröhle angesichts der zugrunde liegenden Dezibelzahlen. In Flörsheim herrsche ein Dauerschallpegel von 60 Dezibel, das entspreche ungefähr einer normalen Unterhaltung. Allerdings sei das ein gemittelter Wert. Wenn morgens um fünf der erste Flieger über das Haus donnere, sei man natürlich trotzdem wach, berichtete ein Bürger. Vor allem nach einem Sommer, in dem man frühmorgens lüften musste, um überhaupt noch etwas Kühle in die Wohnung zu bekommen.
In Rüsselsheim und Raunheim wird es leiser
Allerdings sind die gemittelten Dezibelzahlen bei der Messung von Verkehrslärm üblich, so Barth. Gemittelt werde es in Rüsselsheim und Raunheim leiser, was den Flörsheimern natürlich nicht nütze. Die Zahl der Abflüge nach Nordwest befände sich allerdings im rechtlichen Rahmen. Auch, weil man damals für das Jahr 2020 mit 701.000 Flugbewegungen gerechnet habe. Momentan liegt die Zahl bei 460.000, im Jahr 2033 rechnet Fraport mit 560.000 Flugbewegungen pro Jahr.
Zwei fehlten an diesem Abend. Das war zum einen Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD), der auf einen anderen Termin verwiesen habe. Auch die deutsche Flugsicherung habe sich entschuldigen lassen, richtete Kröhle aus. Sie besuche keine Bürgerversammlungen mehr, da sie dort nicht mit ihrer Fachexpertise durchdringe.
