
Eben erst hatte er noch wie jedes Jahr die Sommermonate in Deutschland verbracht und sich, wo er konnte, energisch dafür ausgesprochen, den Geschichtslügen des Rechtsextremismus öffentlich mutiger und sichtbarer entgegenzutreten. Am 1. September 2026 starb in seiner Wahlheimat North Carolina der deutsch-amerikanische Historiker Konrad H. Jarausch. Mit ihm verliert die Geschichtswissenschaft einen ihrer produktivsten und anregendsten Köpfe der Gegenwart.
Geboren am 14. August 1941 in Magdeburg, war Jarausch nach in Krefeld abgelegtem Abitur 1960 zum Studium in die USA gegangen, weil ihm die Adenauer-Gesellschaft auf die Nerven ging, wie er rückblickend bekannte. Nach dem Studium in Princeton wurde er 1969 an der University of Wisconsin promoviert und wirkte nach ersten Lehrerfahrungen an der University of Missouri, Columbia, seit 1983 als Lurcy Professor for European Civilization an der University of North Carolina at Chapel Hill.
In der Nachfolge von Fritz Stern und Georg Iggers verstand er sich als transatlantischer Brückenbauer, der in zwei kulturell unterschiedlichen Welten zu Hause war und daraus seine fachlichen Impulse bezog. In den USA wandte er sich der deutschen Geschichte zu und schlug schon mit seiner Dissertation über Theobald von Bethmann Hollweg als rätselhaften Reichskanzler sein Lebensthema an: die querelles allemandes und die Frage nach Deutschlands Rolle in der Welt und zwischen den Polen von Zivilisation und Barbarei.
Die Deutschen im 20. Jahrhundert und ihre zerrissenen Biographien
Dieser Leitfrage widmete er sich mit einer bemerkenswerten Breite methodischer Zugänge, die von der quantitativen Geschichtswissenschaft bis zur historischen Biographik reichten. Er ging ihr aus der Distanz bietenden Perspektive eines deutsch-amerikanischen Historikers nach, der den Weg der Deutschen durch das 20. Jahrhundert und ihrer zerrissenen Leben bis in die eigene Familiengeschichte hinein verfolgte und zugleich die erfolgreiche Umkehr nach 1945 in ihren historischen Bezügen zu ergründen suchte.
Seine, wie er es nannte, hybride transatlantische Identität erlaubte ihm auch, den Umbruch von 1989/90 und die deutsch-deutsche Vereinigungsgeschichte als teilnehmender Beobachter mit Empathie und Abstand zugleich zu verfolgen und in ihr die Denkanstöße einer für Grautöne und Ambivalenzen offenen Zeitgeschichte einzubringen. Es war folgerichtig, dass er 1998 die Ko-Leitung des jungen und finanziell noch nicht gesicherten Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam übernahm, das sich eine neue DDR-Forschung in der Verschränkung von Herrschaftsstrukturen und Erfahrungsdimensionen zum Ziel setzte. Als ZZF-Direktor von 1998 bis 2006 propagierte Jarausch eine Erforschung des DDR „aus der Mitte“ heraus, die den diktatorischen Staatssozialismus weder vom vermeintlich guten Anfang noch allein vom desaströsen Ende her analysierte, und brachte den Begriff der „Fürsorgediktatur“ in die Forschung ein, um das Wesen der DDR auf den nur scheinbar paradoxen Begriff des entmündigten Kümmerns zu bringen.
Als Historiker blieb Jarausch zielstrebig und hartnäckig einer theoretischen Selbstreflexion der Geschichtswissenschaft und ihrer fachlichen Instrumente wie ihrer vorwissenschaftlichen Befangenheit verpflichtet. Als einer der Ersten wandte er sich der digitalen Geschichte zu und erprobte ihre Leistungskraft als Mitbegründer des Fachforums H-Soz-Kult und der von Beginn an hybrid erscheinenden Fachzeitschrift „Zeithistorische Forschungen“. Früh befasste er sich mit den Leistungen und Fehlleistungen der zweiten deutschen Geschichtswissenschaft in der DDR, und zusammen mit Rüdiger Hohls ging er unter dem Titel „Versäumte Fragen“ der Verstrickung deutscher Historiker in der NS-Zeit nach, der sich die deutsche Geschichtswissenschaft erst im Gefolge des Frankfurter Historikertags von 1998 dezidiert stellte.
Und nicht zuletzt befasste er sich im Zuge des cultural turn mit den Mechanismen, die Vergangenheitsdarstellungen zu historischen Meistererzählungen machen – um auf der Grundlage selbst profunde Synthesen zur deutschen und europäischen Geschichte vorzulegen. Auch nach seiner Emeritierung 2006 engagierte sich Konrad Jarausch im intellektuellen Austausch der jungen Wissenschaftlergenerationen in Deutschland und den USA. Bis zuletzt hielt er am Glauben an das kollektive Lernen fest, das nach 1945 die deutsche Rückkehr in die Zivilisation ermöglicht hatte. Unermüdlich setzte er sich dafür ein, dass die Kraft der historischen Aufklärung auch im 21. Jahrhundert ihre Wirkung entfalte, auch wenn er die Sorge, dass sie an den gegenwärtigen Entwicklungstrends auf beiden Seiten des Atlantiks zerschellen könnte, bei seiner letzten Rückkehr von Berlin in die USA mitnahm. Nun ist diese Stimme verstummt.
