
Herr Birnbaum, Sie haben immer wieder davor gewarnt, dass Deutschland dabei ist, seine Industrie zu verlieren …
… Ja, und anfangs wurde mir deshalb Schwarzmalerei vorgeworfen. Leider aber ist die Deindustrialisierung Realität. Investitionen rechnen sich in Deutschland zu wenig. Die Investitionen der Unternehmen sind niedriger als ihre Abschreibungen. Das heißt: Wir verbrauchen unsere Substanz.
Was ich eigentlich fragen wollte: Sehen Sie auch positive Signale?
Ich sehe konkret zwei positive Punkte. Erstens hat die Bundesregierung einen Vorschlag für ein Rentenpaket auf den Tisch gelegt. Es ist eine Abkehr vom Pfad der vergangenen 15 Jahre. Da wurde systematisch die Demographie ignoriert und Reform um Reform gemacht, die die Rente instabiler gemacht hat. Zweitens finde ich es gut, dass die Regierung eine Reihe von Gesetzesvorhaben für eine Anpassung der Energiepolitik für die Bezahlbarkeit der Energiewende vorgelegt hat. In den nächsten Monaten müssen beide Reformen nun auch umgesetzt werden.
Hat die Regierung von Friedrich Merz noch die Kraft für große Reformen?
Gegenfrage: Wenn diese Regierung die Reformen nicht schafft, welche denn dann? Ich kann mir nicht vorstellen, dass danach eine käme, die dann plötzlich alles besser hinbekommt. Ich bleibe grundsätzlich optimistisch.
Bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland droht ein Rechtsruck. Ist die AfD ein Thema, wenn Sie mit Wirtschaftsvertretern aus anderen Ländern über Deutschland sprechen?
Erstaunlicherweise spielt diese Partei in den Diskussionen kaum eine Rolle. Auf die AfD wurde ich im Ausland eigentlich noch nie angesprochen. Vielleicht deshalb, weil andere Länder selbst genug Herausforderungen haben. In Frankreich gibt es Le Pen, in Großbritannien Farage, in den USA Trump. Was ich dagegen international oft gefragt werde, ist: Schafft es Deutschland wieder, an Stärke zu gewinnen? Wir sind zu schwach. Ich will im Ausland sagen können: Ich komme aus Deutschland – und will dafür wieder beneidet werden. Ich will keine sarkastischen Witze über verspätete Züge hören oder über den Berliner Flughafen und keine Fragen, ob die Bundeswehr verteidigungsbereit ist.
Als neues Problem kommen hybride Angriffe auf das Stromnetz hinzu. Diese Woche gab es gleich zwei Sabotagefälle in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Wie können wir solchen Bedrohungen begegnen?
Energieinfrastruktur ist deshalb als Angriffsziel interessant, weil man mit Anschlägen auf die Versorgung direkt Unternehmen und Bevölkerung trifft. Wir müssen sehr wachsam sein, die Bedrohung ist real. Ausschließen lassen sich solche Anschläge nie – auch nicht bei bester Vorsorge. Deswegen ist die richtige Antwort jetzt nicht der Aufbau doppelter oder dreifacher Infrastruktur, sondern weniger naive Transparenzpflichten. Bislang sind unnötig viele sensible Informationen zum Stromnetz online für alle einsehbar. Außerdem muss unsere Branche noch besser dabei werden, zusammen mit staatlichen Stellen und Sicherheitsbehörden Krisen zu managen.
Der Irankrieg wiederum hat zu Engpässen bei Öl und Gas auf dem Weltmarkt geführt. Wie kritisch ist die Versorgungslage?
Die regelt sich über den Preis. Hohe Preise sorgen dafür, dass die Nachfrage sinkt, beim Öl und auch beim Gas. Die Märkte funktionieren. Aber natürlich tut das weh. Als Erstes wird die asiatische Industrie den Gasverbrauch drastisch senken, danach die europäische Industrie. Europa wird sich auf dem LNG-Spotmarkt eindecken, also sehr kurzfristig. Das wird auch in Deutschland und Europa zu hohen Gaspreisen führen, möglicherweise werden wir noch höhere Preise sehen als derzeit. Es ist schwierig, sich vorzustellen, warum Gas in den nächsten zwei Jahren günstig werden sollte. Von einer physischen Gasknappheit gehe ich aber aktuell nicht aus.
Deutschland ist inzwischen stark von Flüssiggas-Importen aus den USA abhängig. Wie groß ist das Trump-Risiko?
Solange Trump mit dem Erdgas ein Geschäft macht, wird er liefern. Aber dass Sie diese Frage überhaupt stellen, zeigt, was Trump kaputt gemacht hat. Er hat das Vertrauen in die USA in praktisch jeder Dimension beschädigt. Europa muss alles daransetzen, so schnell wie möglich unabhängiger zu werden. Wollen wir zum Beispiel mit unserer Armee vom Starlink-Internet Elon Musks und seinen Launen abhängig sein? Und wir müssen eine vernünftige Energiepolitik machen. Das bedeutet auch: Wir müssen unabhängig von Öl und Gas werden und elektrifizieren. Wärmepumpen statt Gasheizungen, E-Autos statt Benzin und Diesel.
Wird Eon seine Kunden diesen Winter verlässlich mit Erdgas beliefern können?
Ja, unsere Erdgaskunden können sich auf uns verlassen. Eon hat seinen Bedarf fest an den Großhandelsmärkten abgedeckt. Die Importeure, mit denen wir Verträge geschlossen haben, sind uns gegenüber lieferpflichtig. Wir haben uns nicht nur die notwendigen Mengen gesichert, sondern auch zu fix vereinbarten Preisen eingekauft. Bis Jahresende wird es keine Preiserhöhungen für unsere Kunden geben.
Das ist der zweite Preisschock bei Öl und Gas in vier Jahren. Müsste die Regierung deshalb die Energiewende nicht viel stärker forcieren?
Die Elektrifizierung ist ohne jeden Zweifel der richtige Weg. Aber Deutschland hat unterschätzt, wie schwierig es ist, das Erdgas zu ersetzen. Es wird ja vor allem für die Wärmeerzeugung benötigt. Da geht es um Gasthermen in Wohnungen und Gebäuden. Der Ausbau erneuerbarer Energien führt nicht automatisch dazu, dass die Wärmeerzeugung elektrisch wird. Die skandinavischen Länder sind uns bei der Wärmewende voraus, weil sie früher angefangen und stark auf Fernwärme gesetzt haben.
Gerade beim Heizungsgesetz tritt die Bundesregierung doch auf die Bremse.
Das halte ich für einen Mythos. Das ursprüngliche Heizungsgesetz und wie es kommuniziert wurde hat einen unglaublichen Vertrauensverlust angerichtet. Deshalb musste es geändert werden. Substanziell ist die neue Regelung aber nicht so völlig anders, wie es teilweise dargestellt wird. Eine Gasheizung einzubauen, ist zwar nicht mehr verboten, aber ökonomisch weiterhin nicht sinnvoll. Wenn in Zukunft dem Erdgas grünes Gas beigemischt wird, wie jetzt von der Regierung angekündigt, dann wird dieses Gas teuer sein – und die elektrische Wärmepumpe sich weiterhin rechnen.
Was muss sich ändern bei der Energiewende in Deutschland?
Wir müssen sie stärker an der Realität ausrichten. Niemand kann die Zukunft voraussagen, deshalb ist es wichtig, Pläne regelmäßig zu überprüfen und anzupassen, statt an starren Ausbauzielen festzuhalten. Ich finde es gut, dass die Regierung das jetzt macht. Dafür hat sie ein Monitoring durchgeführt. Aktuell deutet alles darauf hin, dass Deutschland 2030 deutlich weniger Strom benötigen wird als vor fünf, sechs Jahren erwartet. Wenn wir nicht gegensteuern, werden wir ein überdimensioniertes und deshalb viel zu teures Stromsystem bekommen. Wir würden zu viele Offshore-Windparks und überdimensionierte Stromtrassen bauen.
Stromtrassen und Umspannwerke zu bauen, braucht Zeit. Da muss man doch vorausplanen.
Und dennoch können wir die Planung flexibler machen. Genehmigungsverfahren für die Stromnetze dürfen nicht mehr wie derzeit acht oder neun Jahre dauern, sondern drei Jahre oder weniger. Das gilt insbesondere für die 110-Kilovolt-Netzebene, also die regionalen Stromverteilnetze, in die die Erneuerbaren einspeisen. Wenn wir nicht schneller auf Veränderungen reagieren können, machen Planungen keinen Sinn.
Kritiker sehen Stromnetzmonopolisten wie Eon als Teil des Problems. Welche Verantwortung tragen Sie daran, dass die Netze unzureichend ausgebaut wurden?
Wir haben 2020 eine Studie vorgelegt, die klar darlegte, dass wir mehr Netze bauen müssen. Damals wurden wir dafür an den Pranger gestellt. Heute sagen uns dieselben Leute: Warum habt ihr nicht mehr Netze gebaut? Unsere damaligen Annahmen waren im Nachhinein nicht zu hoch, sondern viel zu niedrig. Wir wollen zwischen 2026 und 2030 knapp zehn Milliarden Euro pro Jahr investieren. Das gab es bei Eon und seinen Vorläuferunternehmen seit vielen Jahrzehnten nicht.
Digitale Stromzähler sind essenziell für ein modernes Stromnetz. Aber nur etwa sechs Prozent der deutschen Haushalte in Deutschland haben solche Smart Meter. Auch dafür kann Eon nichts?
Das Problem liegt eindeutig in der deutschen Regulierung. Die Bundesnetzagentur hat 2016 sinngemäß festgestellt, dass es keinen Business Case für Smart Meter gibt. Gleichzeitig wurde ein Rechtsrahmen geschaffen, der praktisch sagte: Lasst die Finger davon. In Schweden hat unser Unternehmen in zwei Jahren mehr Smart Meter eingebaut als in Deutschland in 15 Jahren.
Wie lässt sich das schneller als bisher hinbekommen?
Ich fürchte, wir haben den Zeitpunkt für einen einfacheren und günstigeren Roll-out verpasst. Jetzt müssen wir ihn, so wie er aufgesetzt wurde, durchziehen. Die Kunden, auf die es ankommt, werden wir in den nächsten Jahren mit Smart Metern ausstatten.
Im Raum Frankfurt warten Rechenzentren zehn Jahre oder länger auf einen Netzanschluss. Was läuft falsch?
Es gibt zwei große Fragen. Erstens: Bekommen wir die notwendige Leistung überhaupt angeschlossen? Zweitens: Wird diese Leistung dann tatsächlich auch abgerufen?
Die Rechenzentren brauchen gar nicht so leistungsfähige Anschlüsse, wie sie beantragen?
Ich wurde von einem Investor angerufen, der sich beschwerte, dass er keine Antwort auf seinen Antrag für ein Rechenzentrum bekomme. Es ging um eine sehr große Anschlussleistung von 400 Megawatt, die er haben wollte – ungefähr so viel, wie ganz Düsseldorf benötigt. Ich fragte ihn, wie viel er in den nächsten fünf Jahren tatsächlich brauche. Seine Antwort lautete: 80 Megawatt. Da darf man sich nicht wundern, dass wir an vielen Orten keine Anschlüsse für Großkunden mehr vergeben können.
Weil die deutsche Regulierung uns bislang dazu zwingt, Kapazitäten sehr früh zu reservieren. Wenn ich einem Unternehmen 400 Megawatt zusage, darf ich diese Kapazität nicht parallel einem anderen geben – selbst wenn absehbar ist, dass das erste Unternehmen sie zunächst gar nicht benötigt. Das führt dazu, dass jeder sein Handtuch am Pool auslegt und dann erst mal frühstücken geht. Wir stehen dann da und sagen: Es gibt keine freie Liege mehr, obwohl die Hälfte der Liegen tatsächlich unbesetzt ist. Auf jeder liegt aber ein Handtuch.
Und wie lässt sich das Problem lösen?
Aktuell pilotieren einzelne Tochtergesellschaften von uns wie auch andere Netzbetreiber neue Netzzuteilungsverfahren, die auf festgelegten Kriterien basieren. Aufgrund der Knappheit können wir nicht mehr automatisch demjenigen die Kapazität geben, der als Erster einen Antrag gestellt hat, sondern demjenigen, der tatsächlich mit einem bereits spruchreifen Projekt ans Netz will. Das betrifft Rechenzentren genauso wie Batteriespeicher oder Industriebetriebe. Fakt ist jedenfalls: So wie bisher kommen wir nicht weiter.
