Herr Broemme, Sie waren 14 Jahre lang Landesbranddirektor in Berlin. Könnten Sie mit Ihrer Kenntnis der kritischen Infrastruktur die Hauptstadt lahmlegen?
Ja. Da ich genau weiß, wo wir angreifbar sind, könnte ich als Terrorist oder ausländischer Saboteur Berlin vier Wochen lang vom Stromnetz abschneiden. Wenn ich die richtigen Masten ansäge, gehen in der Hauptstadt die Lichter aus. Was wir im Januar hier erlebt haben, war nur ein Vorgeschmack auf das, was möglich ist.
Damals gab es einen Brandanschlag im Südwesten, der mitten im Winter 45.000 Haushalte und 2200 Betriebe vier Tage lang ohne Strom und ohne Heizung ließ.
Es hätte noch weitaus dramatischer kommen können, da die Terroristen auch das Trinkwasser im Visier hatten. Nun kann man sagen: alles halb so wild, weil nur zwei Prozent der Berliner getroffen wurden. Aber der Anschlag hat 20 Prozent unserer Polizei und 50 Prozent der Feuerwehr beschäftigt. Das zeigt, wie schlecht wir auf solche Anschläge vorbereitet sind.
Was sind die neuralgischen Punkte?
Immer dort, wo die Reparatur und Ersatzteilbeschaffung Wochen oder Monate dauert. Zum Beispiel in Umspannwerken, wie sie gerade in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen attackiert worden sind. Gott sei Dank sind die Terroristen oft zu blöde, um mehr Unheil anzurichten. Der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt 2016 hatte einen Lkw mit automatischem Bremssystem gestohlen. Nicht auszudenken, was mit einem weniger modernen Fahrzeug passiert wäre. Eins ist aber auch klar: Wenn Mächte wie Russland Anschläge professionell angehen, kann es sehr schnell sehr heikel werden. Die Gefahr wird enorm unterschätzt.
Haben Sie das schon erlebt?
Ende November 2025 wurde hier an einem U-Bahnhof ein so präziser Brand gelegt, dass die Züge zwei Monate lang nicht fuhren. Erst hieß es, das seien Obdachlose gewesen. Aber viel spricht dafür, dass ein sogenannter ausländischer Wegwerfagent dahinterstand, der extrem gut instruiert war und das für ein paar Hundert Euro getan hat.
Was können wir besser machen?
Wir könnten vom Ausland lernen. Die Ukraine ist ein Riesenvorbild in der Resilienz. Dort werden Umspannwerke mit Netzen gegen Drohnen geschützt. Bei uns geht das oft wegen des Vogelschutzes nicht. Ich finde aber, die Abwägung zwischen Schwänen und Menschen fällt leicht. Zumal Vögel lernfähig sind und solche Anlagen dann meiden. Schon ein Kinderluftballon kann schwere Schäden verursachen, wenn er heliumgefüllt und metallbeschichtet ist. Bei Dresden ist das schon einmal passiert.
Gibt es auch Vorbilder ohne Kriegszustand?
Es wäre fatal, erst dann resilient zu werden, wenn Krieg herrscht. Das friedliebende Schweden verteilt sehr sinnvolle Broschüren zum Verhalten „im Falle von Krisen und Kriegen“. Unsere Behörden trauen sich nicht, auf ähnliche Weise jeden Haushalt anzuschreiben, weil es verunsichern und als Kriegstreiberei gelten könnte. Das ist Humbug, aber leider die Realität.
Was sollte die Bevölkerung tun?
Sich wappnen, ohne Panik, aber mit vorausschauender Vernunft. Ich spiele mit meinem Enkel Stromausfall. Dann bringt er die Notlampe und das Kurbelradio. Haushalte sollten Wasser- und Essensvorräte anlegen und sich möglichst warme Schlafsäcke besorgen. Auch gegen einen guten Rotwein als Krisentröster ist nichts einzuwenden. Jetzt ist außerdem ein geeigneter Zeitpunkt, endlich die Keller zu entrümpeln, damit sie als Schutzräume dienen können. In Wohnblocks wäre ein Konzept gut, um in Gefahrenlagen schnell Fahrradkeller freizuräumen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe macht inzwischen einen sehr guten Job in der Aufklärung.

Welche technische Aufrüstung ist nötig?
Moderne Glasfaserkabel an gefährdeten Leitungen oder Einrichtungen könnten messen, ob sich verdächtige Geräte oder Personen nähern, und dann Alarm schlagen. Auch sollte man Stromleitungen mit Drohnen abfliegen und von Satelliten aus kontrollieren. Sinnvoll wären autonome Drohnenflüge, auch über Bahnstrecken. Solche Anwendungen, ohne dass ein Pilot das Gerät sehen und steuern kann, sind in Deutschland aber verboten. Das sind jämmerliche Vorschriften, die gehören beseitigt.
Aber die Politik reagiert doch, etwa mit dem Dachgesetz zur kritischen Infrastruktur (KRITIS).
Das KRITIS-Dachgesetz geht in die richtige Richtung, ist aber nicht konsequent genug. So werden nur Betriebe berücksichtigt, die mindestens 500.000 Kunden haben. Viele Energieversorgungsunternehmen, darunter Stadtwerke, sind aber kleiner. Ja, es tut sich etwas, aber insgesamt muss man leider sagen: Deutschland hat aus den Anschlägen viel zu wenig gelernt. Und wir sind viel zu langsam. Mein früherer Chef, Innenminister Wolfgang Schäuble, sagte einmal: Es muss erst etwas passieren, damit etwas passiert. Es kann doch nicht sein, dass erst ein Flugzeug explodieren muss, damit die letzten Schnarchnasen aufwachen.
Haben Sie Beispiele für Schnarchnasigkeit?
Erst nach den Cyberangriffen auf die Berliner Senatsverwaltung im August wurde vielen klar, wie groß, vernetzt und anfällig die EDV hier ist. Selbst Computerexperten staunten. Das hätte man schon viel früher wissen müssen, es gab ja viele Attacken vorher und somit Anlässe, sich besser zu schützen.
Gehört die Gefahrenabwehr zentralisiert?
Ich bin dafür, das Nötige dezentral zu erledigen. Aber die Regelungen sollten schon zusammenpassen, und die Zusammenarbeit muss klappen. Wenn eine feindliche Drohe die Weser entlangfliegt, Bahnhöfe, Häfen, das Meer, Bremen, Niedersachsen und auch noch Industriebetriebe überfliegt, dann ist jedes Mal jemand anderes zuständig, Bund, Länder, Kommunen, die Wirtschaft. Die Drohne kann fliegen, wohin sie will, die holt niemand runter. Eine hat schon unbehelligt das Bundeswehrkrankenhaus in Berlin überquert. Nicht einmal die Streitkräfte können etwas tun. Das geht so nicht.
Mecklenburg-Vorpommern schafft Regeln, dass unter bestimmten Bedingungen Infrastrukturbetreiber Drohnen selbst abwehren dürfen. Ist das vorbildlich?
Gute Lösungen wie diese sollte man sofort verwirklichen, am besten kopieren die anderen Länder das. Wenn die Wirtschaft die Abwehr selbst leisten kann, sollte ihr das auch erlaubt werden, warum denn nicht? Gefährdete Einrichtungen könnten zum Beispiel sogenannte Jammer einsetzen, Störgeräte gegen Drohnen. Die funktionieren bestens und kosten nur 500 Euro.
Was täten Sie, wenn Sie das Sagen hätten?
Wir müssen alle an einem Strang ziehen. Wenn ich entscheiden könnte, würde ich übermorgen zu einer Konferenz der Ministerpräsidenten einladen, um sofort eine gemeinsame Abwehrstrategie zu erarbeiten. Und ich würde im Bund und in den Ländern „Chief Resilience Officers“ einsetzen, Leiter für Krisenfestigkeit auf Staatssekretärsebene. Die sollten eng mit der Wirtschaft vernetzt sein und permanent die Lage im Blick haben, nicht erst, wenn es Anschläge gibt. Außerdem müsste man viele gesetzliche und bürokratische Hemmnisse abschaffen.
Bauanträge, die der Widerstandsfähigkeit dienen, zum Beispiel sogenannte redundante Stromleitungen, sollten bevorzugt bearbeitet werden. Bisher gibt es die Beschleunigung erst, wenn etwas passiert, wenn etwas zerstört ist. Das ist doch absurd. Ähnliches gilt für Zäune: Sind sie höher als 2,50 Meter, ist die Genehmigung aufwendiger. Solchen Unsinn können wir uns in der Bedrohungslage nicht mehr leisten. Die Regeln müssen weg, und zwar nicht erst in zwei Jahren, sondern in 14 Tagen. Böse Mächte nutzen unsere Schwächen sonst schamlos aus.
Mehr Resilienz bedeutet mehr Geld.
Natürlich, aber das ist gut investiert. Glauben Sie mir: Stromausfälle kosten viel, viel mehr. Und Menschenleben sind unbezahlbar.
Krisenmanager der Nation
Albrecht Broemme, im Jahr 1953 geboren, ist ein Urgestein des Katastrophen- und Zivilschutzes. Noch im Ruhestand leitete er die Expertenkommission KRITIS in Berlin und das Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit, eine Denkfabrik von Bundestagsabgeordneten. Er studierte in seiner Geburtsstadt Darmstadt Elektrotechnik, trat früh in die freiwillige und in Berlin in die Berufsfeuerwehr ein. Dort stieg er im Jahr 1992 als bisher jüngster Leiter zum Landesbranddirektor auf. Im Jahr 2006 berief ihn Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) zum Präsidenten des Technischen Hilfswerks, 2019 ging Broemme in den Ruhestand. 2025 veröffentlichte er das viel beachtete Buch „Deutschland in der Krise“. Derzeit arbeitet er an einem weiteren Werk mit „Schnurren aus meinem Leben“, wie der Dreiundsiebzigjährige sagt. (itz.)
