Über Journalisten, die für ihren Beruf brennen, sagt man gern, sie hätten Tinte statt Blut in ihren Adern. Den Beruf umgibt manchmal ein Mythos des Heroischen, den wiederum das Kino nicht selten bekräftigt hat. Doch auch vom Gegenteil hat man schon gehört. Spätestens seit „Citizen Kane“ von Orson Welles ist vor allem der Medienmagnat eine dubiose Genrefigur. Der Bürger Kane war eine Chiffre, hinter der sich Randolph Hearst verbarg, der vor hundert Jahren wichtigste Eigentümer von Zeitungen in Amerika. Man muss sich nur das kontrastreiche Schwarz-Weiß in Erinnerung rufen, um zu erkennen, dass es sich beim traditionellen Pressewesen um ein antikes Metier handelt.
Vor diesem Hintergrund mutet es erst einmal merkwürdig an, dass die Filmfestspiele in Venedig sich dazu entschlossen haben, in diesem Jahr mit einem Film namens „Ink“ zu eröffnen: einem Drama um die Zeitung „The Sun“ in England, die 1969 von dem australischen Verleger Rupert Murdoch übernommen wurde und von dem eigens dafür verpflichteten Blattmacher Larry Lamb in schwindelerregende Auflagenhöhen geführt wurde. „Tinte“ ist nicht unbedingt der Stoff, mit dem man im Zeitalter von Silicium und neueren Informationsträgern groß renommieren kann. Allerdings hat der Regisseur Danny Boyle 2015 einen fulminanten Film über Steve Jobs gemacht, und mit ein wenig gutem Willen konnte man also einen weiteren Beitrag zu einem denkbaren medienhistorischen Langzeitprojekt erhoffen. Vielleicht denkt Boyle nach „Ink“ ja schon an ein Biopic über den Erfinder von Bitcoin nach oder über die Verfasstheit von Information in Quantencomputern.
Die Regler schön weit nach oben geschoben
„Ink“ schlug am Lido zuerst einmal akustisch ein. Bei der ersten Vorstellung für die Presse hatte jemand die Regler bewusst weit nach oben geschoben, und so krachte die Botschaft denn auch gehörig auf die Versammelten ein – allesamt Menschen aus dem System, dem Boyle offensichtlich die Leviten lesen möchte. „The Sun“, das britische Boulevardblatt, ist für ihn so etwas wie eine Sprengladung. Sie soll die alten Gewissheiten hochgehen lassen, die selbst Larry Lamb noch gelernt haben will: dass man jede Nachricht auf Herz und Nieren der fünf W-Fragen prüfen soll, auf das Wer, Was, Wann, Wo und vor allem Warum.
Boyle folgt mit seinem Drehbuch einem Theaterstück von James Graham, es wird also viel und schnell geredet, aber bei einem Film über die Fleet Street erwartet ohnehin niemand dialogarmes Slow Cinema. Als schließlich die erste barbusige Frau in „The Sun“ zu sehen ist, erreicht Lamb einen Zenit, den ausgerechnet eine feministische Redakteurin für eine Frauenseite für ihn vorbereitet hat. Gespielt wird sie von Claire Foy, die in der Serie „The Crown“ auch einmal die junge Queen Elizabeth gespielt hat.
Eröffnungsfilme bei den großen Festivals sollen in der Regel auch Stars mitbringen. „Ink“ hat dafür neben Claire Foy zahlreiche interessante Charakterdarsteller aufzuweisen. Jack O’Donnell spielt Lamb, Guy Pearce den jungen Rupert Murdoch, den man vor dem geistigen Auge als den alten Patriarchen aus der Serie „Succession“ kennt, wo Brian Cox aus der Rolle ein Meisterstück erratischen Charismas machte. Richtige Weltstars hat „Ink“ also nicht an den Lido gebracht, deswegen wurde die Eröffnung mit George Clooney aufgewertet, der einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk verliehen bekam. Danach verlagerte sich die Erwartung rasch auf Werner Herzog, dessen neuer Film „Bucking Fastard“ am Donnerstag debütierte.
Herzog lebt seit vielen Jahren in Kalifornien und ist dort endgültig zu einem Kultpriester des Kinos geworden, mit Dokumentationen wie „Begegnungen am Ende der Welt“ oder „Die Höhle der vergessenen Träume“, ab und zu auch noch mit einem Spielfilm. Ein solcher ist nun auch „Bucking Fastard“, und zwar ein höchst merkwürdiger. Im Mittelpunkt stehen die Schwestern Jean und Joan Holbrooke (gespielt von den Schwestern Kate und Rooney Mara). Inspiration fand Herzog in der Geschichte der „York twins“, eines legendär symbiotischen Zwillingsschwesternpaars, das die englische Presse für eine Weile beinahe so auf Trab hielt wie das Königshaus. Hätte Danny Boyle von Herzogs Projekt gewusst, er hätte sicher eine Anspielung einbauen können, denn Greta und Freda Chaplin waren von der Art Menschen, an der sich die Boulevardpresse auf ihre heuchlerische Weise gern delektierte.
Welches Verhältnis wiederum Werner Herzog zu der Besonderheit zweier Frauen hat, die den ganzen Film hindurch meistens unisono sprechen, auch vor Gericht, bleibt weitgehend unklar. Das Verfahren gegen die Holbrookes wird von einem Nachbarn eröffnet, dem sie sexuell und auch in anderer Hinsicht leidenschaftlich zugetan sind. Dieser Mister Mulroney, für den Herzog den „Herr der Ringe“-Star Orlando Bloom engagiert hat, erwirkt eine Abstandsverpflichtung und verschwindet dann auch schon weitgehend aus der Geschichte.
Herzogs Karriere erhält noch einmal einen schrägen Akzent
Werner Herzog wird an diesem Wochenende 84 Jahre alt. „Bucking Fasterd“ kann man demnach auch als Geburtstagsgeschenk sehen, das der Filmemacher sich selbst gemacht hat und zu dem die Mostra in Venedig ihm die Party ausrichtet. Eine Karriere, die in den späten Sechzigerjahren in Griechenland mit dem Meisterwerk „Lebenszeichen“ begann und die Herzog über viele Stationen bis in den Rang eines Schamanen des Kinos geführt hat, erhält noch einmal einen schrägen Akzent. Der Film macht deutlich, dass Herzog sein Wahrheitspathos, das er auch mit einem entsprechenden Buch vertreten hat, immer wieder auch als Nonsens-Orakel verficht. Die Holbrooke-Schwestern dienen ihm als dramaturgisches Vehikel, um – dieses Mal auf fiktionalem Weg – neuerlich in eine Höhle der vergessenen Träume zu gelangen.
Er arbeitet dabei auch mit der Suggestion einer unterirdischen, wurmlöchrigen Verbindung aus Irland zu den mythischen Orkney-Inseln und lässt die Schwestern ein paar Jahre lang kräftig buddeln. Das Kino überbrückt ja mit einem Schnitt die absurdesten Unebenheiten in verqueren Geschichten. Wer nach „Bucking Fastards“ in eine venezianische Nacht ins Freie trat, konnte sich angesichts der aktuell idealen jahreszeitlichen Verhältnisse am Lido beinahe ein wenig erlöst fühlen. Und mochte sich vielleicht inspiriert fühlen zu Spekulationen, ob von den Orkneys vielleicht auch ein haarsträubend abstruser narrativer Tunnel nach Rapa Nui führen könnte. Auf der Osterinsel spielt nämlich „Wild Horse Nine“, ein Agententhriller von Martin McDonagh („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) mit John Malkovich, auf den nun alle schon mächtig neugierig sind und der das Wochenende bestimmen dürfte.
