„Ich will es alles zurückhaben, Geoff“, sagt Edward (Theo James), Herzog von Halstead, in der zweiten Staffel von „The Gentlemen“ zu seinem treuen Consigliere (Vinnie Jones). Alles – das sind die einst weitläufigen Ländereien der Familie Horniman. In seiner Tour de Force durch die britische Unterwelt hat Eddie sein Talent für kriminelle Geschäfte entdeckt, und das gedenkt er nun einzusetzen, um die Glorie der Familie Horniman wiederherzustellen.
„Eddie breaks bad“, könnte man die zweite Staffel der Serie auch überschreiben. Der Herzog zeigt seine dunklen Seiten. Eine „volatile Entwicklung“, wie seine Geschäftspartnerin Susie Glass (Kaya Scodelario), Tochter und rechte Hand des inhaftierten Gangsterbosses Bobby Glass (Ray Winstone), mit einigem Understatement befindet. Und so bemerkt Geoff denn auch: „Das Ganze fordert einen beachtlichen Preis, Euer Gnaden.“
Ohne Marihuana überlebt die Aristokratie nicht
Nichts anderes freilich war zu erwarten von dieser ebenso blutigen wie schwarzhumorigen Geschichte von Guy Ritchie, die ihren Ursprung mit dem gleichnamigen Film von 2019 mit Hugh Grant, Matthew McConaughey, Colin Farrell und Charlie Hunnam nahm. Im Hintergrund steht, im Film wie in der Serie, ein Marihuana-Imperium, mit dessen Hilfe sich die moderne britische Aristokratie über Wasser hält, nachdem ihr Ausbeutung, Krieg und Plünderungen als Einkommensquellen abhandengekommen sind: Mit der Bereitstellung von Flächen für den heimlichen Drogenanbau im großen Stil lassen sich Ländereien und verfallende Schlösser finanzieren. Im Film war es der amerikanische Drogenbaron Mickey Pearson (McConaughey), der sein Imperium mit verborgenen Farmen auf den Anwesen verschiedener britischer Herzöge, Grafen und Lords zu verkaufen hoffte und damit in eine amüsante und äußerst brutale Auseinandersetzung mit einem ganzen Ensemble weiterer Halbweltler geriet.
Die Serie wechselt die Perspektive: Hier steht der junge Herzog von Halstead, ein früherer Armeehauptmann mit ausgesuchter Contenance und beachtlicher Risikobereitschaft, im Mittelpunkt. In Staffel eins erbte er nach dem Tod seines Vaters Archibald überraschend das Familienanwesen, den Titel und die Verbindlichkeiten aus Archibalds geheimen Drogengeschäften mit Bobby Glass, aus denen er die Familie erfolglos zu lösen suchte. Er bekam es mit Bobbys Tochter Susie, einem wahnsinnigen Prediger, der Chefin einer Autodiebesbande, einem exzentrischen Geldwäscher, einem Boxpromoter und einem Methamphetamin-Dealer (Giancarlo Esposito) zu tun.
Mehrmals wird die Logik des Geschehens verbogen
Auch in der zweiten Staffel gibt es wieder schillernde Nebenfiguren, darunter eine italienische Contessa, ein Mafiaboss, ein erpressbarer Aristokrat im House of Lords, ein peruanischer Koksbaron sowie altbekannte Charaktere aus der ersten Staffel. Aber man merkt Guy Ritchie die Mühe an, seine Gangsterballade noch einmal weiterzudrehen, in dezidiert finstere Gefilde. Das zeigt sich in gestelzten Dialogen, die das Offensichtliche verdoppeln. „Die Befehlskette ist verführerisch“, sagt Eddie zum Beispiel einmal, „aber sobald man einmal die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernimmt, gibt es kein Zurück.“ Wer hätte das gedacht? Dass man außerdem Eddie und Susie jeweils romantische Partner zur Seite stellt, um die sexuelle Spannung zwischen den beiden zu thematisieren, wirkt aufgesetzt, mehrmals wird die Logik des Geschehens verbogen, um die Geschichte in den gewünschten Bahnen voranzutreiben.
Ein optischer Genuss ist diese Serie, wie bei Ritchie üblich, indes allemal, von den vielen Einstellungen im Gegenlicht bis hin zur opulenten Ausstattung und zur schrägen Couture, die die Figuren tragen dürfen. Ritchie zügelt sein Vergnügen am Überdrehten nicht. Unter anderem lassen sich hier sowohl Eddie wie auch Bobby Glass und Espositos Meth-Maestro Stanley Johnston von esoterischen Erwägungen leiten (oder verleiten); ein „Experiment“ von Susies dauerbekifftem Cannabis-Chefzüchter Jimmy (Michael Vu) mit Halluzinogenen mündet fast in eine Psycho-Katastrophe; und der Streik der Farmbelegschaft, die angesichts fehlender Sozialleistungen nur noch in Zeitlupe arbeiten will, bringt einige spitze Dialoge über die Spannung zwischen der arbeitenden Klasse und der englischen Aristokratie hervor.
Eddie muss derweil eine brutale Selbstfindung durchmachen, als er sich überschätzt und einen lukrativen Deal auf eigene Faust unter Dach und Fach bringen will. Susie und ihr Vater wollen ihn erneut für ihre kriminellen Zwecke einspannen, und die Frage, wer in dieser Intrige, die sich um die anstehende Legalisierung von Marihuana durch das englische Parlament dreht, die Fäden zieht, fordert einen hohen Preis von den meisten Beteiligten. Für Netflix indes dürfte das alles von Gewinn sein – die dritte Staffel von „The Gentlemen“ ist schon in Arbeit.
The Gentlemen läuft bei Netflix.
