
Der Fall startete mit Relativierungen und endete mit Tränen. In seinem dritten Statement-Video verkündete der 45 Jahre alte Auto-Youtuber und Unternehmer Jean Pierre Kraemer am Dienstag weinend sein Karriereende. Nach den Gewaltvorwürfen seiner fünfundzwanzigjährigen Ehefrau Julia Meck wolle er alle seine Unternehmen schließen, sagt er im Video. Ihm tue die Gewalt leid, die er ihr angetan habe.
Die richtige Konsequenz, finden die einen. Ganz anders sieht das ein Großteil seiner Fans.
Unter den Beiträgen schreiben sie: „Lasst den Mann jetzt in Ruhe! Waren genug Hetzbeiträge“ – „Wir zeigen, dass er weitermachen soll. Helft alle mit. <3“, „Mach weiter, Bruder!“ – „Alles richtig gemacht, JP“ – „Es geht doch sowieso nur ums Geld“ – „Wie toxisch muss die Frau sein, ihren Mann überhaupt dahinzutreiben?“
Nur langsam gelangte die Wahrheit an die Öffentlichkeit
Einige loben Kraemers Mut, all das öffentlich zu machen. Dabei erschien sein erstes Video kurz vor der Veröffentlichung eines Artikels in „Bild“, in dem die Vorwürfe gegen ihn erstmalig erhoben wurden. Sein Statement war also weniger ein Akt der Selbstreflexion als vielmehr ein Versuch, Schaden zu minimieren. Was folgte, war die Trilogie eines Schuldeingeständnisses.
Nachdem er in seinem ersten Video zugegeben hatte, seine Frau geschlagen zu haben, kam das große „aber“: Die Schläge, die er durch seine Frau erfahren habe, seien um ein Vielfaches stärker gewesen. Meck gibt gegenüber „Bild“ an, sich nur verteidigt zu haben.
Nur wenige Stunden später lud Kraemer dann einen zweiten Beitrag hoch, „weil die Presse ein Video veröffentlichen wird“, wie er sagte. Darin wirkt er unsicherer. Auf diesem Video, aufgenommen von einer Sicherheitskamera des Werkstatthofes, sieht man Kraemer, der Julia Meck am Hals und an den Haaren packt und sie gewaltsam wegstößt. „Von solchen Situationen gab es welche“, gibt er zu. „Aber es sind immer zwei Personen, die dazugehören.“
Wie auch in seinem ersten Video relativiert er die Taten. Seine Frau sei oft undankbar gewesen, verschwenderisch mit Geld umgegangen. Die Beziehung sei toxisch geworden und er sei dann nicht immer „in Kontrolle“ gewesen. Erst nachdem er realisiert hatte, wie groß die Aufmerksamkeit und auch die Empörung vieler war, veröffentlichte er sein drittes und letztes Video, um unter Tränen sein Karriere-Aus zu verkünden. Nur langsam gelangte die Wahrheit an die Öffentlichkeit, Stück für Stück und mit viel Druck von außen.
Viele Fans suchen nach vermeintlichen Begründungen für seine Taten
Eigentlich kann niemand infrage stellen, dass die Gewaltvorwürfe gegen ihn wirklich zutreffen. Schließlich gibt Kraemer selbst zu, seine Frau geschlagen zu haben, und durch das Videomaterial kann sich jeder selbst ein Bild von seinem aggressiven Verhalten machen. Trotzdem bestehen die ersten Reaktionen seiner Fans darin, sich mit ihm und nicht mit seiner Frau zu solidarisieren.
Viele finden vermeintliche Begründungen, um Kraemers Taten zu erklären: Ein Nutzer schreibt: „Man darf auch nicht vergessen, unter welchem Druck dieser Mann täglich steht“, ein anderer: „Ich finde die psychische Gewalt, die gegen JP seit Tagen geführt wird, schlimmer als das, was er getan hat.“ Eine Influencerin führt aus, Kraemer habe Probleme mit Depressionen gehabt und ohnehin eine schwere Vergangenheit. Sollte das in letzter Konsequenz bedeuten, dass es legitime Gründe dafür gibt, seine Partnerin zu schlagen?
Den meisten scheint es nicht darauf anzukommen, ob ihre Idole schuldig oder unschuldig sind. Am Ende legen sie die Schwächen als Stärke aus die Umstände als unvermeidbare Faktoren. Dahinter steckt die Angst, sich einzugestehen, dass auch in Menschen, die wir mögen, denen wir uns nahe fühlen, die wir vielleicht sogar als Vorbilder sehen, etwas Schlechtes stecken kann. Von diesem Gedanken ist es nicht mehr weit zu uns selbst und der Frage, ob nicht auch wir zu Dingen fähig sind, vor denen wir Angst haben.
Partnerschaftliche Gewalt geht vor allem von Männern aus
Besonders bei vielen Männern ist der erste Impuls, Debatten wie diese im Keim zu ersticken. Zu schnell führen sie zum eigenen Geschlecht als signifikantem Merkmal. Laut dem Bundeslagebild zu partnerschaftlicher Gewalt aus dem Jahr 2024 sind über 75 Prozent der Tatverdächtigen männlich. Aber gerade Momente wie diese wären doch eine Möglichkeit, Solidarität zu zeigen. Anzuerkennen, dass Gewalt in Partnerschaften uns alle betrifft und vor allem von uns Männern ausgeht.
Dabei geht es nicht vorrangig darum, einzelne Personen öffentlich zu verurteilen, zumal das die Aufgabe von Gerichten ist. Aber kann ein Schuldeingeständnis, wie es Kraemer hochgeladen hat, nicht für sich stehen, ohne seine Aussagen direkt zu seinen Gunsten zu relativieren?
Am Ende seines Statements sagt Kraemer: „Ich bin kein böser Mensch.“ Und wahrscheinlich gehört auch das zur Wahrheit. Aber auch ein guter Mensch, der Schlechtes tut, kann sich nur verbessern, wenn er sich mit der Realität auseinandersetzt. Hoffentlich tut er das, genauso wie seine Fans. Zeit wird dafür nun erst einmal genug da sein.
