Gerade erst ist Guido Richter, Leiter der Orankesee-Grundschule in Berlin-Lichtenberg, auf den Schulhof getreten, da kommen die ersten Kinder zu ihm. Eine verheulte Schülerin berichtet, dass ihr ein Mitschüler die Jacke weggenommen habe, die wird ihr noch während des Gesprächs zurückgebracht.
Dann kommen zwei kleine Jungs, die dringend auf die Toilette müssen, obwohl sie eigentlich draußen bleiben sollen. Der eine trippelt schon nervös mit den Füßen. Er solle nicht rennen, und er solle wiederkommen, mahnt der Schulleiter. Eine Sechstklässlerin (die Grundschule in Berlin erstreckt sich über sechs Schuljahre) sitzt allein auf einer Bank und gähnt in einem fort. Danach gefragt, ob sie nachts gezockt hat, bejaht sie lächelnd.
Die Orankesee-Grundschule mit einem Migrantenanteil von 53 Prozent hat alles getan, um die Konflikte während der Pausen einzudämmen. Fünf Lehrer führen Aufsicht, es gibt einen Fußballplatz, einen Spielplatz und viele Möglichkeiten, sich auszutoben und zu bewegen. Außerdem wurden die mehr als 500 Schüler geteilt. Während die erste Hälfte in der 40-Minuten-Pause rausgeht, frühstücken die anderen und umgekehrt.
Konflikte eskalieren schneller
Trotzdem nähmen die Kinder die Konflikte der Pause mit in den darauffolgenden Unterricht, berichtet Richter, der auch Vorsitzender des Berliner Grundschulleiterverbandes ist. Die Lehrer ringen um die Konzentration auf den Lehrstoff, was nur denen gelingt, die ein straffes „Classroom-Management“ haben. So nennen Bildungsforscher die Disziplinierung im Klassenzimmer.

Als erstes Bundesland hatte Berlin genauer wissen wollen, wie viel Gewalt es an den Schulen gibt und wie sie sich auswirkt. Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) hatte dafür beim Institut für Demoskopie Allensbach ein Gewalt- und Konfliktbarometer in Auftrag gegeben, dessen Ergebnisse aufhorchen ließen.
Vor allem Grundschulen, Gemeinschaftsschulen und Sekundarschulen ohne Oberstufe sahen sich von einer deutlichen Zunahme der Gewalt betroffen. 91 Prozent der Grundschullehrer berichteten in der Studie von einer sehr kurzen Zündschnur der Schüler: Impulskontrolle und Frustrationstoleranz haben stark nachgelassen. Konflikte eskalieren schneller.
Häufig empfinden Schüler gar nicht mehr als Gewalt, was massiv gewalttätig ist; Schreien, Lästern, Schubsen, Auslachen findet die Mehrheit der Befragten nicht schlimm. Es gibt allerdings bestimmte Trigger-Schimpfworte wie „Hurensohn“, die vor allem muslimische Schüler als tiefste Form der Beleidigung empfinden.
„Gravierende Fälle von Gewalt werden gnadenlos zur Anzeige gebracht“
„Der Umgang mit Gewalt bindet vielfach so viele Ressourcen, dass das Funktionieren der Schule beeinträchtigt wird“, heißt es in der Studie. An Schulen, die starke Regeln haben und sie auch durchsetzen, kommt es seltener zu Gewaltvorfällen. Gezeigt hat die Studie auch, dass Berliner Schulen sich der Gewaltproblematik bewusst sind und jede Schule eigene Reaktionsmuster entwickelt hat. Wenn es allerdings darum geht, das Jugendamt, den Bezirk oder andere Institutionen einzubinden, hakt es mancherorts.

„Entscheidend an unserer Schule sind Verbindlichkeit und Konsequenz. Wir haben uns im Kollegium jetzt in diesem Jahr darauf verständigt, dass gravierende Fälle von Gewalt gnadenlos zur Anzeige gebracht werden“, sagt Richter. Schüler, die immer wieder gewalttätig würden, hätten dann schon nach der Grundschulzeit eine Akte, die im Wiederholungsfall an der weiterführenden Schule auch von einem Jugendrichter eingesehen werden könne.
„Wer schon aus der Grundschule sechs Einträge hat, kommt nicht mehr mit 15 Stunden gemeinnütziger Arbeit davon, sondern wird härter bestraft“, gibt er zu bedenken. Das kommuniziert der Schulleiter auch den Eltern, die häufig nicht wissen, dass solche Einträge aus der Zeit der Strafunmündigkeit bei der Polizei vorliegen.
Die konsequente Umsetzung der schulinternen Regeln sei allerdings mit viel zusätzlicher Dokumentationsarbeit für die Lehrer verbunden. Bevor ein Kind vom Unterricht suspendiert werde, müsse eine Klassenkonferenz anberaumt werden. „Wir überarbeiten gerade unseren Maßnahmenkatalog. Aber wenn wir nichts machen, ändert sich nichts“, gibt der erfahrene Schulleiter zu bedenken, der vorher schon 25 Jahre lang eine Brennpunktschule im Problemstadtteil Wedding geleitet hat.
Meist gebe es bei den Eltern mit Migrationshintergrund eine klare Rollenverteilung: Die Mutter sei für die Schule zuständig, der Vater arbeite. „Häufig verheimlichen die Frauen die Schulprobleme des Kindes vor dem Vater, damit sie nicht auch noch Ärger mit ihrem Mann bekommen. Die Kinder denken sich dann gelegentlich: ‚Papa kriegt’s nicht mit, dann kann ich ja weitermachen.‘“
Im Grunde lüden die Eltern – auch jene ohne Migrationshintergrund – alles auf die Schule ab, was früher einmal in der Familie stattgefunden habe: Sexualaufklärung, Zahnprophylaxe, Gesundheitsvorsorge, Fahrrad fahren lernen und Schwimmen lernen. „Ich frage Eltern dann: ‚Wo ist denn Ihr Anteil?‘“, so der Schulleiter.

Zu den jetzt schon existierenden Regeln gehört ein Handy- und Smartwatch-Verbot. „Sobald Geräte Geräusche machen, werden sie eingezogen, und die Eltern müssen sie hier abholen“, sagt Richter, der morgens jeden einzelnen Schüler an der Tür begrüßt.
Seine Schule versucht seit einiger Zeit, viel enger mit Kitas zusammenzuarbeiten. „Wenn wir in der Gewaltstudie sehen, dass das Schulleben an der Grundschule extrem beeinträchtigt ist, muss im Umkehrschluss auch der größte Input an Material und Personal in Kitas und Primarschulen fließen“, fordert er.
Schulleiter Richter will, dass die Kita wichtiger genommen wird
Während die Verantwortlichen damit rechneten, dass Erstklässler ohne ausreichende Deutschkenntnisse im Sprachbad des Schulbetriebs lernten, führt Sprachlosigkeit im wahrsten Sinne des Wortes aus seiner Sicht auch zu Gewalt, weil Gefühle und Bedürfnisse keinen Ausdruck finden können. „Die einen ziehen sich dann in sich selbst zurück, sind still und verschlossen und die anderen extrem auffällig“, beobachtet er.
„Ich kann eigentlich am Ende der ersten Klasse ein Drittel der Schüler nicht mit in die zweite Klasse nehmen, weil sie die Voraussetzungen gar nicht erfüllen. Sie kommen mit so großen Rückständen – sprachlich, motorisch, emotional und sozial – zu uns, dass wir nicht alles auffangen können“, so seine Bilanz.
Die Kita muss aus seiner Sicht als das wahrgenommen werden, was sie sein soll: als erste und besonders wichtige Bildungseinrichtung. „Wir müssen bei den Familien Druck aufbauen, dass sie ihre Kinder wirklich in die Kita schicken, dass sie an der Sprachstandserhebung und der verpflichtenden Förderung teilnehmen, wenn Defizite festgestellt werden.“ Das Problem in Berlin sei aber der Föderalismus. „Für die Erhebung von Bußgeldern sind nämlich die Bezirke zuständig“, berichtet er.
Richter wünscht sich eigentlich ein abgestimmtes, schulartenübergreifendes Vorgehen. Das wäre wirklich hilfreich. Dann müsste die Einzelschule auch nicht an entscheidenden Stellen die Zustimmung der Schulaufsicht abwarten.

An der Kolumbus-Grundschule im Stadtteil Reinickendorf liegt der Anteil der Kinder mit Migrationsgeschichte sogar bei 85 Prozent. Die Schule war binnen weniger Jahre von gut 400 auf 730 Schüler gewachsen, heute sind es 630 Schüler. Der Schulhof ist riesig groß, grün und hält zahlreiche Spiel- und Sportmöglichkeiten bereit. Überall sieht man leuchtend gelbe Schilder mit der Aufschrift „Aufsicht“.
Sylvia Betzing leitet die Schule seit dem Jahr 2011 und hat auch die Mitarbeiter der Sozialstation, den Förderschullehrer, den Konrektor und den Klassenlehrer einer im vergangenen Schuljahr besonders gewalttätigen sechsten Klasse zum Gespräch mit der F.A.Z. eingeladen. Von über 100 Sechstklässlern waren 24 problematisch, für die sich die Schule verschiedene Maßnahmen überlegt hat. Einige Eltern haben offenkundig kein Vertrauen in die Institution und stellen das Fehlverhalten ihres Kindes in Frage, auch wenn es unabhängige Zeugen dafür gibt.
„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Kind zu Hause seine Version anbietet. Und das ist die einzige, die gilt“, sagt Betzing. Die Lehrer gerieten oft in eine Rechtfertigungssituation, weil die Eltern sie für das Verhalten ihres Kindes verantwortlich machten.
Bei allen Maßnahmen, bei denen sie die Eltern einbinden wollten, kam ein kleiner Bumerang zurück. „Es war wie ein Keil, der durch die Kinder zwischen Eltern und Schule getrieben wurde“, konstatiert die Schulleiterin der Schule, die Geld aus dem Startchancen-Programm erhält.
Dabei tut die Schule einiges, um die Eltern zu gewinnen: Es gibt ein Elterncafé, Projekttage, ein Willkommensfest und zweimal im Jahr Gespräche mit den Eltern, von denen manche sehr interessiert am Schulleben sind. Andere seien sehr fordernd, „sie schreiben eine Mail und erwarten umgehend eine Antwort und eine Lösung. Das setzt Lehrer zusätzlich unter Druck.“ Mitarbeiter von der Sozialstation suchen das Gespräch mit den Lehrern und versuchen zu vermitteln. Von einer durchgängigen Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Elternhaus kann auch diese Schule nur träumen.
Ein völliges Handyverbot? Könnte helfen, meinen die Lehrer
Der Klassenlehrer der sechsten Problemklasse berichtet, er habe erst einmal schauen müssen, wie er das ganze Testosteron in den Griff bekomme. Die Kinder reagieren schnell, „der schaut mich die ganze Zeit an“ reiche schon als Auslöser für die nächste Konfrontation. „Viele Kinder verfügen im Grunde über überhaupt keine Selbstregulation und geraten sehr schnell in einen gewaltbereiten Zustand“, sagt die Schulleiterin.
Zur Gewaltspirale im Schulalltag gehörten die Nackenklatscher, die zugeknallten Türen, der weggeschobene Stuhl, die vielen Beleidigungen und Provokationen im Unterricht, auf dem Schulhof oder auf dem Weg nach Hause. In der Problemklasse waren überdurchschnittlich viele Kinder mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf, aber auch viele psychisch belastete Kinder. Manchmal gehe es für den Lehrer einfach nur noch ums Überleben.
Eine kleine Gruppe von Schülern habe ihren Test nach der Rückgabe aus Wut über die schlechten Noten einfach zerrissen und weggeworfen. Ein Schüler stand auf und fragte: „Wer will denn noch was lernen?“ Den Lernstand einer vierten Klasse beschreibt einer der Lehrer als so unterdurchschnittlich, dass die Klasse insgesamt durchfallen würde, wenn er alle regulär bewerte und keine Rücksicht auf Notenschutz oder andere Sonderregeln nehme.
Ein völliges Handyverbot an der Schule wäre schon ein Schritt, meinen die Lehrer. Es gebe Schüler, die ihren maßlosen Medienkonsum selbst in der Schule nur schwer unterbrechen könnten und im Ego-Shooter-Modus waren, obwohl das Handy und die Smartwatch bei Betreten der Schule im Flugmodus sein müssen. Andererseits hat die Schule durch Zufall von einer Schüler-Whatsapp-Gruppe erfahren, an der auch fremde Männer beteiligt waren und womöglich sexuellen Missbrauch anbahnen wollten. Die Schule konnte die Polizei einschalten.
Obwohl sie mit einer Sozialstation und einem Förderschullehrer relativ gut ausgestattet ist, fehlt aus Sicht der Schulleitung personelle Unterstützung vor allem im Bereich der sozialen und emotionalen Entwicklung. „In vielen Fällen können wir nur noch den Brand löschen, eingreifen müsste man aber viel früher“, sagt Betzing. Immerhin konnte sie mit Startchancen-Geldern eine Ergotherapeutin einstellen.
Vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl hat die zuständige Schulsenatorin Günther-Wünsch ein Sofortprogramm gegen Gewalt angekündigt, in dem die Nutzung von Smartphones in Grundschulen verboten und in den weiterführenden Schulen auf Pausen und Freistunden begrenzt werden soll. Außerdem soll es spezialisierte Schulen mit Kleinklassen geben, in denen gewaltbereite und radikale Schüler außerhalb der Regelschulen unterrichtet werden sollen. „Dies muss nach festen Kriterien auch ohne Einwilligung der Schüler oder ihrer Eltern möglich sein“, heißt es in dem Papier. Notwendige Prävention dürfe auch nicht an der fehlenden Zustimmung der Eltern scheitern.
Das ist eine Konsequenz aus der Bildungslaufbahn des CSD-Attentäters, bei dem die Eltern ein psychiatrisches Gutachten in der Primarstufe verweigert hatten. Über eine Bundesratsinitiative strebt die CDU außerdem eine Änderung des Sozialgesetzbuchs an, die zu schnelleren Eingriffsmöglichkeiten für Jugendämter führen soll. Ein Datenaustausch mit Sicherheitsbehörden soll dafür sorgen, dass Schulen und Jugendämter Informationen darüber erhalten, ob ein Schüler als Gefährder eingestuft wird. Denn eines scheint allen klar zu sein: Es hilft nur eiserne Konsequenz.
