Norbert Cymbalista erinnert sich, wie er das erste Mal nach Frankfurt kam. Am Hauptbahnhof hielt der Zug, der ihn und seine Familie an die deutsch-polnische Grenze bringen sollte. Eine Gruppe jüdischer Frauen stand am Bahnsteig. Sie hatten Tische aufgebaut, mit weißen Decken darauf und mit vorbereitetem Essen. Die Menschen durften die Waggons nicht verlassen, darum reichten die Frauen das Essen durch die Fenster hinein. Dann fuhr der Zug weiter. „Und drei oder vier Jahre später saßen vermutlich auch diese Damen in den Eisenbahnwagen und wurden deportiert“, sagt Cymbalista.
Im Oktober 1938 wollte man ihn und seine Familie aus dem Land vertreiben. Die „Polenaktion“ gilt als die erste organisierte Massendeportation von Juden durch die Nazis. Cymbalistas Vater stammte aus Polen, in Worms hatte er in einer Zigarettenfabrik gearbeitet. Cymbalistas Mutter war in Galizien geboren. Nun zwang man die Familie zur Ausreise.
Doch als die Züge mit den Juden das Land erreichten, schloss Polen seine Grenzen. „Die SS hat versucht, uns mit Hunden durch die Wälder zur Grenze zu treiben, die Polen haben von vorne geschossen“, erinnert sich Cymbalista. Es war ein Grauen, „aber jetzt rede ich darüber, als wenn das ein Kasperletheater wäre“.
Die Bilder sind noch immer in seinem Kopf
Er habe zum Glück ein „phänomenales Gedächtnis“, sagt Cymbalista. Noch heute, im Alter von 100 Jahren, könne er sich gut an alles erinnern, noch immer seien die Bilder in seinem Kopf. Doch eigentlich sei das gar nicht sein Ziel. „Nicht zurück, sondern nach vorne schauen“: Das nennt Cymbalista sein Lebensmotto. „Ich bin überzeugt: Für jedes Unglück gibt es eine Lösung, man darf sich nur nicht unterdrücken lassen. Natürlich geht manchmal etwas schief, aber dann sucht man einfach nach einer neuen Lösung.“

Dieser Lebensmut hat Cymbalista oft gerettet, bei der Flucht aus Nazideutschland, im Exil, bei seinem Neuanfang nach dem Kriegsende. So gut wie ohne Schulbildung hat er in der Immobilien- und in der Finanzbranche Karriere gemacht. Bis heute geht Cymbalista jeden Tag eine Stunde wandern, mit zwei Nordic-Walking-Stöcken in den Händen, in den Schweizer Alpen. Die Bergluft und die Bewegung tun ihm gut. „Wer gesund bleiben will, muss dafür auch etwas machen“, sagt er.
Cymbalista spricht klar und schnell, in druckreifen Sätzen, zwischendurch lacht er immer wieder laut auf. Er erzählt vom jüdischen Gelehrten Maimonides, sinniert über die Eigenarten der schweizerischen Kantone oder über die Streitigkeiten zwischen Orthodoxen und Liberalen in Israel. Vor allem aber spricht er über seine Sammlung, seine Schätze.
Seit mehr als 40 Jahren sammelt Cymbalista Thora-Aufsätze, die sogenannten Rimonim. Mit ihnen werden die zwei hölzernen Stäbe der Thorarolle „gekrönt“. Das hebräische Wort Rimonim bedeutet Granatäpfel. Deren Form ist oft Vorbild für die Thora-Aufsätze. Es gibt holzgeschnitzte Rimonim, häufiger aber werden sie aus Silber oder anderen Metallen gefertigt.
Norbert Cymbalista hat Rimonim aus aller Welt zusammengetragen, Stücke aus Deutschland, aus West- und Osteuropa, aus dem Maghreb, aus China, Indien, dem Irak, Afghanistan, Israel. Schon länger besitzt er die größte Privatsammlung von Thora-Aufsätzen weltweit, umfangreichere Bestände gibt es nur im Jewish Museum in New York und im Israel Museum in Jerusalem. Das Einzige, was Cymbalista noch fehlt, sind Rimonim vom südamerikanischen Kontinent. Seit Jahren steht er mit Antiquitäten- und Kunsthändlern dort im Kontakt – vergeblich. „Es ist mir ein Rätsel, warum das nicht gelingt“, sagt er.
72 Objekte werden im Jüdischen Museum in Frankfurt gezeigt
Seine Sammlung hat Cymbalista nun weitergegeben, als Dauerleihgabe, an das Jüdische Museum in Frankfurt. Seit gut drei Monaten wird dort eine Ausstellung der Schmuckstücke vorbereitet. Die Bibliothek des Museums wird dafür umgebaut, ein großer Schaukasten mit Platz für die 72 Objekte aus der Cymbalista-Sammlung entsteht. Ein Restaurateur reinigt seit Wochen die Objekte, entfernt Farbflecken, legt die Oberflächen frei. Im Kellergeschoss werden die Stücke fotografiert. Sie sollen auch in die Onlinesammlung des Museums aufgenommen werden, dafür braucht es die Fotos aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Eva Atlan, die stellvertretende Direktorin des Jüdischen Museums, und Oliver Sukrow, am Haus für das Sammlungsmanagement zuständig, holen ein besonderes Stück aus einem Karton, die „Nummer elf“. Norbert Cymbalista hat die Reihenfolge, in der er seine Rimonim gekauft hat, dokumentiert. „Nummer elf“ ist ein Einzelstück, das zweite Exemplar ist verschollen. Das Objekt stammt aus Venedig, wurde im 17. Jahrhundert gefertigt. Es ist größer als die anderen Rimonim. Silberglöckchen hängen daran, der Künstler hat die Formensprache des Rokokos aufgegriffen, die dargestellten Pflanzen sind in feinsten Details herausgearbeitet.
„Hochkarätige Objekte“ nennt Eva Atlan die Stücke aus Cymbalistas Sammlung. Das Museum besitzt schon lange eine Vielzahl an jüdischen Ritualobjekten, die meisten stammen aus dem deutschsprachigen Raum. Mit der Dauerleihgabe des Schweizer Sammlers wird der Blick sich nun weiten – in die ganze Welt. Im Museum will man die Stücke genau untersuchen, noch mehr herausfinden zu ihrer Herkunft, zu den Künstlern, die sie anfertigten, zur Geschichte der Objekte.
„Schönheit, Symmetrie, Religion, Geschichte“
Was fasziniert Norbert Cymbalista, den in Worms geborenen Holocaustüberlebenden, so sehr an den Rimonim? Gemeinsam mit seiner Frau Paulette, einer Kunsthistorikerin, die im vergangenen Jahr gestorben ist, hat er schon früh mit dem Sammeln angefangen. Werke von französischen Impressionisten haben sie gekauft, aber auch Zeitgenössisches. Die Rimonim jedoch liegen Cymbalista besonders am Herzen. „Sie vereinen so vieles: Schönheit, Symmetrie, Religion, Geschichte“, sagt der Sammler. „Und sie gehören zu den Objekten, die von Juden in der ganzen Welt benutzt werden, von aschkenasischen Juden genauso wie von sephardischen.“
Die Preise für die Thora-Aufsätze auf dem Kunstmarkt sind in den vergangenen Jahren heftig gestiegen. Überhaupt sind Judaica heute stark gefragt. Das bestätigt auch Cymbalista. Er erzählt davon, dass das Museum Fine Arts in Boston und das New Yorker Jewish Museum vor drei Jahren gemeinsam ein besonderes Paar Rimonim gekauft haben, hergestellt von Abraham Lopes de Oliveyra (1657–1750), dem ersten bekannten Juden, der in England als Silberschmied arbeitete. Allein hätte sich keines der Museen die Rimonim leisten können. Nur werden sie mal in einem, dann im anderen Haus ausgestellt. „Das ist heute wie beim Fußball: Da kaufen manche Vereine auch schon gemeinsam Spieler.“

Mit seiner Familie wurde Cymbalista im Oktober 1938, als Polen sich weigerte, die aus dem Westen Deutschlands kommenden Juden ins Land zu lassen, zurück nach Worms gebracht. Kurz darauf kam es zu den Novemberpogromen. Die Wormser Synagoge brannte, Juden wurden angegriffen, ihre Häuser verwüstet. Der Familie wurde klar: In diesem Land können wir nicht bleiben. Sie versuchten, an Visa zu gelangen, um in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Entfernte amerikanische Verwandte haben ihnen dabei geholfen, eine Art Garantie für die Familie ausgestellt. Doch die Warteliste war unendlich lang.
Im Jahr darauf, in der Karnevalsnacht, flüchtete Cymbalista. Allein, zu Fuß, zwölf Jahre war er damals gerade einmal alt. Die Karnevalsnacht hatte er gewählt, „weil ich hoffte, dass die Grenzsoldaten dann alle betrunken sind“. Über Belgien schaffte er es nach Frankreich. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs kehrte er zurück nach Worms und traf dort wieder auf seine Eltern. Gemeinsam mit ihnen flüchtete er erneut, alle drei überlebten die Schoa. Sein Leben nennt Cymbalista trotzdem „eine Katastrophe“. Zahlreiche seiner Verwandten wurden ermordet.
Israel ist für Cymbalista wie „eine Versicherung“
Mit Israel, dem 1948 gegründeten Land, das vielen Überlebenden nach der Schoa eine neue Heimat bot, fühlt sich Cymbalista eng verbunden – auch wenn er selbst nie dort lebte. Als „eine Versicherung“ bezeichnet er das Land. „Wir Juden sollten immer einen Ort haben, an dem es eine offene Tür für uns gibt“, sagt er. Darum sehe er sich als Zionisten.
Ende der Neunzigerjahre hat Cymbalista dem jüdischen Staat ein Geschenk gemacht: Auf dem Campus der Universität in Tel Aviv ließ er Mario Botta, einen der renommiertesten Architekten von Sakralbauten, eine Synagoge und ein Begegnungszentrum bauen. Mit dem Komplex wollte Cymbalista orthodoxe und säkulare Juden zu einem Dialog bringen. Sie sollten einander besser kennenlernen, hoffte der Stifter. „Ob das gelungen ist, sei dahingestellt“, sagt Cymbalista. „Aber miteinander reden, das tun sie dort.“
Cymbalista ist betrübt, wenn er auf das heutige Israel schaut. Auf den Kampf zwischen Liberalen und Strenggläubigen, den Krieg, die Gewalt. „Es muss sich etwas ändern“, sagt er über das Verhältnis zwischen arabischer und jüdischer Bevölkerung, zwischen Palästinensern und Israelis. „Vielleicht könnte man das Land aufteilen wie in der Schweiz“, malt der Kunstsammler sich aus. Ein Staat aus lauter Kantonen mit eigenen Bevölkerungsgruppen, mit viel Autonomie, Freiheiten und Eigenarten, ein loser, aber verbindlicher Bund. Eine Utopie.
Mehrere Museen wollten sich die Sammlung sichern
Viele, auch deutlich größere Häuser als das Frankfurter Jüdische Museum, hätten sich um seine Rimonim-Sammlung „gerissen“, erzählt Cymbalista. Für Frankfurt habe er sich entschieden, weil das Museum „erstklassig“ sei und „auf besondere Weise geführt“ werde. Und: In einem großen Ausstellungshaus wären seine Stücke vielleicht ein Aufreger für einen Augenblick. In Frankfurt würden sie nun dauerhaft, in einem passenden Rahmen, präsentiert.

Einen dritten Grund für seine Entscheidung nennt Cymbalista außerdem: die Nähe zu seinem Geburtsort Worms. Der Sammler reist noch immer ab und zu in die Stadt am Rhein, seine Großmutter ist dort auf dem jüdischen Friedhof begraben. Er ist heute das einzige Mitglied der Vorkriegsgemeinde, das noch lebt.
Ist es seltsam für ihn, dass er seine Schmuckstücke, die er über einen so langen Zeitraum zusammengetragen hat, jetzt weggibt? Cymbalista verneint, er sieht seine Rimonim in den richtigen Händen. Und außerdem werde er ja nicht aufhören zu sammeln. Er sei längst wieder auf der Suche nach neuen Rimonim, erzählt er. Und seine Ärzte seien zuversichtlich, dass er noch lange gesund bleiben könne. „Das Leben kann noch amüsant werden“, sagt Cymbalista.
Die Ausstellung der Rimonim-Sammlung von Norbert Cymbalista ist vom 3. September an in der Bibliothek des Jüdischen Museums in Frankfurt zu sehen.
