In keinem anderen Bundesland sind die Menschen so alt wie in Sachsen-Anhalt. Im Schnitt blickt man dort auf 48,4 Jahre zurück. Damit sind die Sachsen-Anhalter 3,4 Jahre älter als die Bundesbürger. Es folgen Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Brandenburg und schließlich Sachsen. Kurz und knapp: Der ganze Osten ist stärker ergraut als der Westen der Republik.
Die wenigen Jahre machen einen großen Unterschied: Auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter kommen in Sachsen-Anhalt gut 53, die schon 65 oder mehr Jahre leben. In Hamburg sind es knapp 29. Die Stadtstaaten sind das gegensätzliche Extrem, aber auch der Bundesdurchschnitt liegt mit etwas unter 40 deutlich darunter. Das sind alarmierende Zahlen. Denn dieser „Altenquotient“ vermittelt einen Eindruck davon, wie viele Rentner von jungen Menschen versorgt werden müssen, sei es finanziell oder ganz praktisch in den Pflegeheimen und Krankenhäusern.
Daran schließen sich elementare Fragen an: Wie kann man Fachkräfte gewinnen, die die alternde Bevölkerung in den kommenden Jahren umsorgen? Denn die sind rar. Man sollte meinen, wer künftig in Sachsen-Anhalt regieren will, weiß um seine Verantwortung und bringt vernünftige Maßnahmen ins Spiel, liefert Lösungsansätze. Oder um die Erwartungen auf ein Minimum zu reduzieren: Zumindest eine ernst zu nehmende Idee davon, wie man diesen Themen begegnen will.
In der vergangenen Woche strahlte der MDR ein Streitgespräch zwischen den beiden Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund (AfD) und Sven Schulze (CDU) aus. In seinem Eingangsstatement erklärte Letzterer: Die Themen der Zukunft seien „Jobs und Arbeitsplätze“, er warne vor einer Politik der Abkopplung unter der AfD. Schon zu vielen Gelegenheiten sprach sich Schulze für Zuwanderung aus. Er hält sie mit Blick auf Sachsen-Anhalts Demographie für unverzichtbar. Sein Herausforderer setzt auf einen anderen Kurs: Er will ausgewanderte deutsche Fachkräfte zurück „nach Hause holen“, durch KI und Automatisierung sei der Bedarf in Zukunft geringer. Vor einigen Wochen wurde er bei der Frage, woher die fehlenden Arbeitskräfte in seinem Land kommen sollen, besonders konkret: „Ganz sicherlich nicht aus dem Ausland.“
„Mit der gravierendste Wert aller Bundesländer“
In Sachsen-Anhalt ist das Gesundheitswesen die größte Branche, und eine, die die Demographie auf direktem Wege trifft, sagt Joachim Ragnitz. Ragnitz ist der Ost-Experte des Münchner Ifo-Instituts. Doch die Alterung sei ein strukturelles Phänomen, das auf allen Ebenen des wirtschaftlichen Lebens wirken werde. 2035 werde es in Sachsen-Anhalt 12,5 Prozent weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter geben. „Das ist mit der gravierendste Wert aller Bundesländer“, so Ragnitz, „und das sind allein die Arbeitskräfte, die in den nächsten zehn Jahren fehlen.“

Daran gekoppelt ist die Tatsache, dass immer weniger Kinder geboren werden. Das lässt sich zwar bundesweit beobachten, in den westdeutschen Flächenländern sind die Geburtenzahlen aber noch etwas höher. Während eine Frau aus Sachsen-Anhalt in ihrem Leben rechnerisch 1,27 Kinder bekommen wird, sind es im Bundesdurchschnitt 1,32, so die jüngsten Zahlen. Um die Bevölkerung stabil zu halten, brauchte es eine Rate von 2,07.
„Mittel- bis langfristig wird die Bevölkerung weiter schrumpfen, weil einfach zu wenig Kinder nachkommen“, sagt Ragnitz. Für ihn laufe das auf zwei mögliche Schlussfolgerungen hinaus. „Sachsen-Anhalt ist entweder auf Produktivitätsgewinne angewiesen oder eben auf Zuwanderung, um die Auswirkungen abzuschwächen.“ Doch große Sprünge in Sachen Produktivität sind eine vage Hoffnung. „Es wird wenig investiert, unternehmerische Innovationsaktivitäten sind gering, und bei älteren Erwerbstätigen ist auch die Fähigkeit und die Bereitschaft eingeschränkt, den Umgang mit neuen Technologien zu erlernen“, sagt Ragnitz. Mit anderen Worten: Es bleibt nur die Zuwanderung.
8,9 Prozent der Menschen, die Ende 2025 in Sachsen-Anhalt gearbeitet und dort in die Sozialversicherungen eingezahlt haben, hatten keinen deutschen Pass. Zehn Jahre früher betrug ihr Anteil noch 2,3 Prozent. Das haben Forscher des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft kürzlich errechnet. Der Anteil hat sich also mehr als verdreifacht. Ähnliches lässt sich auch für die anderen ostdeutschen Bundesländer aufzeigen. Im selben Zeitraum aber ging die Zahl der deutschen Beschäftigten, also einer wesentlich größeren Gruppe, in Sachsen-Anhalt um 5,3 Prozent zurück.
Viele Osteuropäer verlassen das Land
Mit 16,2 Prozent kamen die meisten ausländischen Beschäftigten aus Polen. In Sachsen-Anhalt war der Anteil noch etwas größer. Polen und Sachsen-Anhalt teilen de facto eine offene Grenze, das erleichtert die Migration. Seit dem Beitritt der neuen EU-Länder haben das auch viele Osteuropäer getan, um in Deutschland zu arbeiten. Doch das hat sich geändert. Viele kehren Deutschland mittlerweile den Rücken und in ihre Heimatländer zurück. Diese Zahl ist seit 2024 größer als jene der Zuwanderer. Unter dem Strich verliert Ostdeutschland also sogar Arbeitskräfte aus den neuen EU-Mitgliedsländern. Allein zwischen Dezember 2023 und Dezember 2025 waren es 7800 Beschäftigte, rechnen die Wissenschaftler, Tendenz steigend.
Derzeit bilden die Ukrainer die zweitgrößte Gruppe ausländischer Arbeitskräfte mit 7,4 Prozent in Ostdeutschland und 10,4 Prozent speziell in Sachsen-Anhalt. Diese Menschen integrieren sich immer mehr in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt, die Zahl ukrainischer Beschäftigter dürfte also steigen, zumal es derzeit noch einen Zustrom gibt. Doch klar ist auch: Will Sachsen-Anhalt seinen Wohlstand halten und die medizinische Versorgung seiner Bürger gewährleisten, ist das Land auf Arbeitskräfte außerhalb Europas angewiesen. Die aber stehen gerade in Ostdeutschland nicht Schlange. „Den Arbeitskräftemangel gibt es überall“, sagt Ifo-Ökonom Joachim Ragnitz. „Sachsen-Anhalt punktet nicht mit super Löhnen, und sollte es eine AfD-Regierung geben, wird das Land dadurch nicht attraktiver für ausländische Fachkräfte.“
Es ist schwer zu messen, welchen Einfluss das politische Klima einer Region auf ausländische Arbeitskräfte hat. Doch dass es einen hat, konnten Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nachweisen. Ihre Studie, die genaue Daten zu Erwerbsbiographien enthält, zeigt: Steigt in einer Gegend der Zuspruch für eine ausländerfeindliche Politik, wollen dort auch weniger Menschen aus dem Ausland arbeiten. Dabei regierten EU-Bürger stärker auf die allgemeine Stimmung als Personen aus dem nicht-europäischen Ausland. Zur Erinnerung: Die Ausländer, die in Sachsen-Anhalt arbeiten, kommen in erster Linie aus Osteuropa. Die Einstellungen der Bevölkerung leiteten die Wissenschaftler unter anderem aus deren Wahlverhalten ab, also auch am Wahlerfolg der AfD.
Der Effekt, den die Forscher gefunden haben, ist moderat, aber er lässt sich sehr solide nachweisen. Wie stark die Migration in konkreten Zahlen sinken würde, wenn sich das gesellschaftliche Klima weiter verschärft, kann man damit nicht vorhersagen. Aber die Ergebnisse belegen: Eine offene Gesellschaft ist ein Standortfaktor. Ein Land, das sich ausländerfeindlich präsentiert, wird weniger Fachkräfte anlocken. Das ist auch jenseits aller akademischer Evidenz einleuchtend. Wer würde schließlich gerne alte Menschen pflegen, wenn man davon ausgehen muss, dass sie einen am liebsten abschieben würden?
„Die ausländischen Arbeitskräfte tragen jetzt schon wesentlich dazu bei, dass der Arbeitsmarkt und die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt überhaupt so gut dastehen“, sagt Tanja Buch der F.A.Z. Sie gehört zum Kreis der Autoren der IAB-Studie. Für sie ist nun entscheidend, wie sich die Unternehmen verhalten. Ein restriktiver Migrationskurs wäre gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen, meint die Wissenschaftlerin. Sollte sich das politische Klima auf die Betriebe übersetzen, zum Beispiel, indem sie weniger Migranten einstellen, werde das schwerwiegende Folgen haben. „Die Arbeitgeber müssten sich positionieren und sagen: Ja, in unserer Belegschaft sind viele Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, und die tragen hier zum Erfolg unseres Betriebes bei“, erklärt Buch. Es wäre nun auch an ihnen, sich für eine Willkommenskultur auszusprechen.
Doch die Unternehmen sind vor der Wahl schmallippig. Danach gefragt, welche Rolle das Politische derzeit in ihren Belegschaften einnimmt, bleiben viele große Arbeitgeber aus Sachsen-Anhalt verhalten. Viele wollen sich öffentlich nicht äußern, manche schicken allgemein gehaltene Statements, dass sich daraus überhaupt nichts ablesen lässt. Zumindest unter dem Gebot der Anonymität finden sich aber doch auch klare Worte. So schreibt ein Unternehmen, das in Dutzenden Ländern aktiv ist, beispielsweise: „Das Thema AfD kommt in Bewerbungsgesprächen bisher nicht vor. Allerdings werden die politischen Entwicklungen in Sachsen-Anhalt von unseren internationalen Kollegen durchaus eng und teilweise mit Bedenken verfolgt.“
Deutliche Worte finden auch die Familienunternehmer, oder zumindest deren Präsidentin Marie-Christine Ostermann. „Ganz sicher braucht Sachsen-Anhalt mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland, und das wissen auch die Unternehmer“, sagte sie der F.A.Z. Ostermann verweist auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Demnach beschäftige beinah jedes vierte Unternehmen in der Region mindestens einen ausländischen Mitarbeiter. Das seien aber bei Weitem noch nicht genug, um die zunehmend klaffende Fachkräftelücke zu schließen. Zuwanderung durch Fachkräfte aus dem Ausland müsse absolute Priorität für die künftige Landesregierung haben, das Land brauche mehr Attraktivität. „Der AfD-Spitzenkandidat aber scheint auf einem anderen Stern zu leben.“
IWH-Studie: Remigration schadet der Wirtschaft
Die Remigrationspläne der AfD für Sachsen-Anhalt würden sich negativ auf den Arbeitsmarkt und die wirtschaftliche Entwicklung auswirken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Sofern die Rechtspopulisten ihre Pläne nach der Landtagswahl am Sonntag umsetzen können, rechnen die Wirtschaftsforscher bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode im Jahr 2031 mit einer um rund 50 Prozent höheren Beschäftigungslücke von 46.000 Arbeitskräften.
In der Folge würde die Bruttowertschöpfung in den nächsten fünf Jahren um bis zu 3,2 Milliarden Euro sinken. Das entspricht etwa vier Prozent der jährlichen Bruttowertschöpfung von 74 Milliarden Euro in Sachsen-Anhalt. „Die Flüchtlingsströme der vergangenen Jahre haben den Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt stabilisiert“, sagte IWH-Präsident Reint Gropp über die Bedeutung der Migration für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Um die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen, die aufgrund der demographischen Entwicklung entstehen, müsse Sachsen-Anhalt attraktiver für Arbeitskräfte aus dem Ausland werden, sagt Gropp. „Die AfD macht aber genau das Gegenteil“, sagt er. In ihrem Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt setzt die Partei auf die Rückkehr von Auswanderern aus Sachsen-Anhalt und will ihnen den Vorzug vor „kulturfremden Fachkräften“ geben.
Den Berechnungen des IWH zufolge fehlen in Sachsen-Anhalt bis 2031 bei einer Fortführung der aktuellen Politik 32.000 Beschäftigte. Bei einer migrationsfeindlichen Politik würde diese Lücke auf 46.000 anwachsen. Besonders betroffen wären demnach Branchen, in denen schon heute ein hoher Ausländeranteil und ein bundesweiter Fachkräftemangel zusammenkommen. Dazu zählen die Lebensmittelzubereitung, die Gastronomie, der Tiefbau, die Logistik sowie die Human- und Zahnmedizin.
Für ihre Prognose analysierten die Ökonomen des IWH die Folgen eines Politikwechsels nach dem Brexit-Votum, einem Wahlsieg der Lega Nord in Italien und der Amtsübernahme eines AfD-Landrats im thüringischen Sonneberg. Dort sei die Zuwanderung in den Folgejahren jeweils stark gesunken. In Sonneberg war der Rückgang mit 65 Prozent am stärksten. (par.)
