Es gehört zum Standardrepertoire eines Tennisprofis, im Negativen immer zügig das Positive zu suchen. Wer zu viel hadert, gerät schnell in eine Spirale aus Selbstzweifeln und mit zu viel Selbstzweifeln lassen sich schlecht Matches gewinnen. Insofern war es durchaus nachvollziehbar, dass Alexander Zverev eine ziemlich optimistische Sicht der Dinge offenbarte, als er einer der bittersten Niederlagen seiner Karriere und dem Erstrunden-Aus bei den US Open gerade noch so entkommen war. Das sei „genau das Spiel, das ich jetzt gebraucht habe“, sagte er, nachdem ihn Lorenzo Sonego über fünf Sätze und fast fünf Stunden gefordert hatte.
Man konnte das so sehen wie Zverev. Dass er beim 6:4, 3:6, 6:7 (7:9), 7:5, 6:4 gegen den Italiener jene Widerstandsfähigkeit bewiesen hat, die einen später im Turnier weit tragen kann. Dass er nach schwachen Leistungen in den Vorbereitungsturnieren nun einen Weg gefunden habe, „eine unglaubliche Schlacht“ zu gewinnen. Man konnte es aber auch anders herum sehen. Nämlich dass er gezeigt hat, warum ihn viele Experten trotz seiner exponierten Rolle als Nummer eins der Setzliste nicht zu den ersten Anwärtern auf den Titel zählen.
„Das war eine unglaubliche Schlacht“
Dienstagabend, Arthur Ashe Stadium. Night session, das bedeutet in New York normalerweise, dass alles ein bisschen aufregender, ein bisschen lauter, ein bisschen aufgedrehter ist. Wenn der Himmel dunkel und die Lichter hell sind, soll es in der Stadt, die angeblich niemals schläft, die beste Tennis-Unterhaltung des Tages geben. Stattdessen plätscherte das Match in den ersten beiden Sätzen eher dahin. Zverev gewann den ersten Satz einigermaßen souverän, verlor dann aber den zweiten nach einem späten Break. Und plötzlich geriet etwas ins Rutschen.
Sonego ist ohne Zweifel ein talentierter Tennisspieler. Vor einigen Jahren klopfte er schon einmal energisch an das Tor der Top-20 in der Weltrangliste, fiel in diesem jedoch bis auf Rang 89. „Er ist ein fantastischer Spieler, der in diesem Jahr schlecht hat“, sagte Zverev. „Heute hat er dann wieder so gespielt, wie ich das von ihm kenne.“ Für gewöhnlich ist Sonego trotzdem keiner, der sich mit einem wie Zverev auf Augenhöhe messen kann. Die bisherigen sechs Duelle mit dem Deutschen hatte er allesamt verloren.

Es ist eine der kleinen Gemeinheiten des Tennis, dass an dem Spiel, dass den Profis so viel Spaß macht, dass sie ihm ihr Leben verschrieben haben, im direkten Duell meistens nur einer Spaß hat. Und an diesem Dienstagabend, der irgendwann zum Mittwoch wurde, war das Sonego. Der Italiener lachte, er jubelte, er spielte mit dem Publikum, das er schon bald mehrheitlich auf seiner Seite hatte. Zverevs Mimik dagegen blieb weitgehend ausdruckslos. Man konnte sehen, dass er versuchte, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Man konnte aber auch sehen, wie ihm das zunehmend misslang.
Im dritten Satz, als das Spiel dann buchstäblich auf Messers Schneide tänzelte, war es plötzlich als spüre Zverev nun die ganze tonnenschwere Last der Favoritenrolle auf seinen Schultern. Er hatte sich in den Tiebreak gekämpft, führte dort bereits, ehe ihm kurzzeitig die Nerven versagten. Den letzten Punkt des Durchgangs verlor er mit einem Doppelfehler. Im vierten Satz fehlten Sonego zwischenzeitlich nur noch zwei Punkte zum Sieg. Dann fing der Italiener jedoch an, immer mehr Fehler zu machen, während Zverev ein Spiel spürbar stabilisierte. Nach 4:52 Stunden verwandelte er seinen ersten Matchball.
Zverev sprach hinterher von „ein bisschen Gesamtmüdigkeit nach einem intensiven Jahr“, die er gespürte hatte in jener Phase, in der ihm das Match zu entgleiten drohte. Nach Wimbledon, als er das Finale erreicht hatte, habe er sich ein wenig zu sehr entspannt und es sei schwer, danach „wieder reinzukommen“. Auch deshalb war Zverev froh, dass ihn das Erstrundenmatch in New York, das erst um zwei Uhr nachts endete, gründlich wachgerüttelt hat. Der Wecker namens Sonego war nicht zu überhören.
