
Es ist heiß am Viktualienmarkt in München. Die schattigen Plätze sind belegt. Eine kurze Abkühlung in Nähe der Feinkoststände ist kaum noch möglich. Da hilft ein Besuch im Traditionskaufhaus Kustermann, das gleich gegenüber dem Viktualienmarkt liegt. Hat es draußen deutlich über 30 Grad Celsius, ist die Temperatur in dem auf hochwertige Haushaltswaren spezialisierten Kaufhaus angenehm kühl, aber nicht so kalt, wie es oft bei Klimaanlagen der Fall ist. Es sind angenehme Temperaturen von Mitte 20 Grad Celsius.
Das lädt zum Verweilen und zum Begutachten der Haushaltswaren ein, bei denen Kustermann Wert auf die Qualität legt, was sich an den Preisen ablesen lässt. Dass es so angenehm in dem Kaufhaus an diesem heißen Augusttag ist, hat einen Grund: Das Kaufhaus ist an das Fernkältenetz der Stadtwerke München angeschlossen. Damit sieht sich die bayrische Landeshauptstadt in einer bundesweiten Vorreiterrolle, auch wenn Hamburg und Berlin nach Angaben von Professor Dirk Müller von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen größere Fernkältenetze besitzen.
Der Gebäudetechnikexperte hält München trotzdem für einen Vorreiter, wenn es um die leitungsgebundene Kälteversorgung geht. „Mit einem bestehenden Fernkältenetz von rund 25 Kilometern und einer gezielten Ausbauoffensive positionieren sich die Stadtwerke München klar als Pionier in einem Segment, das hierzulande nur von wenigen Versorgern konsequent verfolgt wird“, antwortet Müller auf eine Anfrage der F.A.Z.
Stadt plant weiteren Ausbau
Einen Ausbau hat der neue Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) schon angekündigt. „Fernkälte passt gut zu einer dichten Innenstadt mit vielen Büros und Handelsgeschäften, weil dort Kühlung stark nachgefragt wird und viele einzelne Klimageräte vermieden werden können“, antwortete er auf Anfrage. In München wird nach seinen Angaben für die Fernkälte unter anderem natürliche Kälte aus Grundwasser oder Stadtbachwasser genutzt, was die Lösung zusätzlich nachhaltig macht.
Anders als viele dezentrale Klimaanlagen blase Fernkälte keine zusätzliche Wärme in die ohnehin aufgeheizte Stadt, es entstehe also keine Abwärme. „Das städtische Referat für Klima- und Umweltschutz erarbeitet gerade einen Plan zur Erweiterung des Fernkältenetzes und wird diesen vermutlich noch in diesem Jahr dem Stadtrat zur Beschlussfassung vorlegen“, bekräftigt Krause die Ausbaupläne. Angesichts der jüngsten Hitzewellen beschäftigt sich die Münchner Kommunalpolitik neben der Wärmeplanung verstärkt mit einer Kälteplanung.
Die Stadtwerke München befassen sich schon jetzt mit konkreten Ausbauplänen. Einem Sprecher zufolge wird derzeit intensiv an einer weiteren Verdichtung des Fernkältenetzes in der Münchner Innenstadt gearbeitet. Hierbei liege der Fokus auf der Nachverdichtung des bereits 25 Kilometer langen Fernkältenetzes. Dieses decke mittlerweile die gesamte Altstadt ab. Zusätzlich zur Nachverdichtung sollen dem Sprecher zufolge auch Gebiete erschlossen werden, in denen sich relevante Kunden befinden. Es gebe gegenwärtig schon zwei größere Untersuchungsgebiete im Norden und Süden Münchens, in denen Kunden bereits großes Interesse an einer Kälteversorgung bekundet hätten.
Steigende Nachfrage
Der Sprecher der Stadtwerke München berichtet von einer in den vergangenen Jahren kontinuierlich steigenden Nachfrage nach Fernkälte. Mittlerweile haben die Stadtwerke München nach eigenen Angaben für zahlreiche Kunden bereits mehr als 100 Gebäude an das Fernkältenetz angeschlossen. Insbesondere im Bereich der Projektentwicklung gehöre es für viele Investoren inzwischen zum Standard, bereits zu Beginn eines neuen Projekts die Verfügbarkeit eines Fernkälteanschlusses zu prüfen, teilte der Sprecher mit.
Die Nachfrage kommt nach seiner Aussage überwiegend aus dem Bereich größerer Gewerbeimmobilien, häufig mit gemischter Nutzung, beispielsweise Einzelhandel, Gastronomie und Büroflächen. Darüber hinaus bestehe eine hohe Nachfrage bei reinen Bürogebäuden sowie Hotels. „Insgesamt versorgen wir bereits heute eine sehr breite Palette unterschiedlicher Nutzungen – von Einkaufszentren über Museen bis hin zu großen Hotels oder Rechenzentren“, sagt der Stadtwerke-Sprecher.
Um dem Kältebedarf der Kunden gerecht zu werden, speisen aktuell drei Kältezentralen in das Verbundnetz der Stadtwerke ein. Eine vierte Anlage wird dem Sprecher zufolge ab 2027 neu hinzukommen. Weitere Anlagen befänden sich aufgrund der großen Nachfrage bereits in Untersuchung. Für Professor Müller entlastet die Fernkälte den urbanen Raum. Lokale Rückkühlanlagen auf den Dächern und in den Innenhöfen der Gebäude fielen vollständig weg, und es müssten keine Klimasplitgeräte installiert werden.
Diese Anlagen verursachten nicht nur Lärm für Anwohner, sondern gäben ihre Abwärme auch direkt an die Stadtluft ab und seien somit ein Treiber des städtischen Wärmeinseleffekts. „Fernkälte verlagert dieses Problem an zentralisierte und besser steuerbare Standorte außerhalb der engsten Bebauung“, fügt Müller hinzu.
Erhebliche Investitionen unvermeidbar
Die Fernkälte hat eine ähnliche Funktionsweise wie die Fernwärme: zentrale Erzeugung, Verteilung über ein unterirdisches Leitungsnetz und dezentrale Nutzung. Da fangen aber auch schon die Nachteile an, weil ein unterirdisches Netz an Rohrleitungen viel Geld kostet und die Baumaßnahmen mit Behinderungen des Verkehrs verbunden sind. Weitere erhebliche Investitionen sind nach Ansicht von Müller für Pumpstationen und Kältezentralen erforderlich. „Diese Kosten schlagen sich über die Nutzungsentgelte auf die Verbraucherinnen und Verbraucher nieder“, warnt Müller. Zudem bedeute der Netzausbau jahrelange Tiefbaumaßnahmen in der ohnehin strapazierten innerstädtischen Infrastruktur.
Doch die an das Fernkältenetz in München angeschlossenen Gewerbekunden sind begeistert: „Ein großer Vorteil der Fernkälte ist, dass keine Maschinen mehr auf dem Dach nötig sind“, sagt ein Sprecher von Kustermann und fügt hinzu: „Dadurch werden Kosten für Wartung und Instandsetzung gespart.“ Fernkälte ist aus Sicht von Kustermann eine umweltfreundliche Technik, nicht zuletzt, weil kein Strom zur Kühlung benötigt wird. Außerdem könne mit Fernkälte stärker gekühlt werden. Herkömmliche Splitgeräte hätten eine geringere Leistung.
Nachhaltige und effiziente Alternative
Zu den Referenzkunden des Fernkältenetzes führen die Stadtwerke München auf ihrer Website auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern auf. Ein IHK-Sprecher berichtet von guten Erfahrungen mit der Klimatisierung der Büros mithilfe der Fernkälte, unter anderem dank der hohen Versorgungssicherheit und der zuverlässigen Kälteversorgung – auch bei Hitzeperioden. Das ermögliche einen stabilen Betrieb.
„Die Münchner Fernkälte ist eine nachhaltige und energieeffiziente Alternative zur eigenen Kälteerzeugung, reduziert den umfangreichen technischen Anlagenbestand mit Wartungs- und Instandsetzungsaufwand im Gebäude und verringert den Stromverbrauch inklusive weniger CO₂-Emissionen“, sagt der IHK-Sprecher. Auch der Autokonzern BMW nutzt die Fernkälte für sein Forschungs- und Innovationszentrum in München. Ein BMW-Sprecher spricht von einer „zuverlässigen und effizienten Lösung für die Kühlung energieintensiver Bereiche, insbesondere Rechenzentren“.
Seinen Worten zufolge hat sich die Fernkälte bewährt. Sie trage zu einem ressourcenschonenden Gebäudebetrieb bei. Je nach Anwendungsfall könne Fernkälte eine ökologisch sinnvolle und effiziente Methode der Kälteversorgung für die Gebäudekühlung darstellen. „Hohe Stromverbräuche für den Einsatz von ansonsten notwendigen mechanischen Kältemaschinen werden vermieden“, betont der BMW-Sprecher. Trotzdem ist der Ausbau der Fernkälte teuer und aufwendig, wie der IHK-Sprecher einräumt. Trotzdem lohne er sich in dicht besiedelten Gebieten. Dazu zählt der IHK-Sprecher Innenstädte mit Einkaufshäusern, Hotels und Büros sowie Gegenden mit hoher Gewerbedichte.
25.000 Tonnen weniger Emissionen
Deutlich größere Fernkältenetze weisen in Europa Paris und Stockholm auf, wie Gebäudetechnikexperte Müller berichtet. Auch Wien verfügt über ein 33 Kilometer großes Verteilnetz, dessen installierte Leistung bis zum Jahr 2030 von 250 auf 370 Megawatt ausgebaut werden soll. Das Münchner Fernkältenetz kommt auf ein Kältepotential von 150 Megawatt. Die Einsparungen an CO₂-Emissionen im Vergleich zu dezentralen Klimaanlagen geben die Stadtwerke mit 25.000 Tonnen an.
Die Unternehmen als Kunden des Münchner Fernkältenetzes würden sich über einen weiteren Ausbau freuen. Das Kaufhaus Kustermann war nach eigenen Angaben einer der ersten Gewerbekunden in München, die das Angebot der Stadt München zur Fernkälte angenommen haben. „Damit hat das Kaufhaus F.S. Kustermann, aber auch der ganze Kustermann-Block am Viktualienmarkt eine Vorreiterrolle übernommen“, betont der Sprecher. Kustermann verwendet ihm zufolge Fernkälte im Geschäft, aber auch in den Büroimmobilien und im Handel. Demnächst würden auch das Louis Hotel und damit alle Immobilien des Kustermann-Blocks mit Fernkälte ausgestattet sein. „Für das Hotel ist das in der heutigen Zeit auch ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Häusern in der Stadt“, zeigt sich der Sprecher zuversichtlich.
