Ich sehe nicht, dass sich Grundlegendes geändert hat. Aber um das klar zu sagen: Ich möchte nicht derjenige sein, der nur noch unter dem Aspekt dieses Boykotts gesehen wird. Es gibt viele Orchester und Menschen in den Vereinigten Staaten, mit denen ich mich gut verstanden habe und deren Verschwinden aus meinem künstlerischen Leben ich als Verlust empfinde. Sobald ich Gelegenheit bekäme, mich mit einem Statement vom Podium oder im Programmheft zu äußern, oder wenn es Chancen gäbe, Auftritte als Benefizkonzerte zugunsten benachteiligter Gruppen wie zum Beispiel der somalischen Community in Minnesota umzuwidmen, die Trump als „Müll“ bezeichnet hat und denen er die Bundeszuschüsse kürzen will, wäre ich sofort wieder dabei. Doch aktuell scheint das noch nicht möglich; die einzigen Kunstbranchen, aus denen man kritische Äußerungen zur Politik hört, sind Film und Popmusik. In unserem Bereich dagegen, wo dortzulande vieles vom großen Geld abhängt, herrscht nach wie vor weithin Schweigen.
Weil die meisten der Großsponsoren auch wirtschaftliche oder sogar direkt politische Akteure sind und sich deswegen nicht mit der Administration anlegen wollen? Solche Verflechtungen gab es allerdings auch schon vor Trump und wird es nach ihm weiter geben.
Das Enttäuschende für mich ist die moralische Fallhöhe auch bei Menschen, die eigentlich ein Sensorium für die humanistischen Werte unserer Musik haben müssten. Natürlich gibt es unterschiedliche Weltsichten, und natürlich steckt in jedem – auch bei uns Künstlern, da bin ich illusionsfrei – ein Stück Opportunismus. Aber hier geht es um Existenzen, im Extremfall sogar um Leben und Tod, und da kann schweigende Bequemlichkeit irgendwann in Richtung Augenauswischerei und Feigheit gehen. Ich habe ja Minnesota schon angesprochen. Dort, in Minneapolis, ist im Januar eine junge Frau von einem ICE-Beamten erschossen, den Umständen nach muss man sagen: ermordet worden. Das dort ansässige Orchester, mit dem ich auch schon konzertiert habe, hat immerhin mit einer Programmänderung im folgenden Konzert reagiert. Ein kleines, aber bemerkenswertes Signal – die Musiker dort müssen ja für ihre Familien sorgen und können nicht aus Protest in einen Generalstreik treten. Wir hier haben es einfacher und könnten sie aus der Ferne unterstützen, und das versuche ich. Wenn daraus eine breitere Bewegung würde – 50 bis 60 internationale Interpreten, die ihre Gastspiele stornieren …
… was in solcher Breite offenkundig noch nicht der Fall ist …
Nein, es gibt unter den Kollegen viele positive Kommentare und Sympathiebekundungen zu meiner Initiative, aber keine handfesten Schlussfolgerungen für ihre eigenen Pläne. Es klingt vielleicht utopisch, aber ich glaube schon daran, dass bei einer solchen Welle manche Geldgeber, die sich grundsätzlich den Werten des Humanismus verbunden fühlen – und die gibt es auch aus den Reihen der Republikaner –, noch einmal darüber nachdenken würden, ob sie nicht gerade einige ihrer Grundwerte verkaufen und zur Makulatur verkommen lassen. Man muss nicht jedes Spiel mitspielen – nicht als Sponsor, nicht als Künstler. Wenn im Kennedy-Center als eine der ersten Aktionen nach dem von Trump angeschobenen Austausch des Managements die Ausladung des LGBTQ-inspirierten San Francisco Pride Orchesters anstand, dann will ich mich nicht zum Komplizen solcher Aktionen machen, indem ich dort einige Monate später erscheine und spiele, als sei nichts weiter gewesen.
Aber aus Negation und Verweigerung entsteht ja noch nicht zwangsläufig Positives?
Als Minimum könnte ich in Anspruch nehmen, solche diskriminierenden Aktionen wenigstens nicht noch durch die 30 Prozent Steuern, die der USA-Fiskus von unseren Honoraren einbehält, zu stützen. Aber jenseits der Tagespolitik beschädigt schlichtes Weitermachen auch die Kunst und uns als Künstler selbst. Es gibt im vorwiegend privat finanzierten Kulturbetrieb eine Tendenz zur programmatischen Verarmung, weil immer ähnliche Segmente nachgefragt werden; und es gibt diesen schädlichen, PR- und medienbefeuerten Starkult, wo es immer zuerst um Geld geht: Wie teuer können Eintrittskarten an die Leute gebracht werden, welche Gagen kann man wo und mit welchen Methoden erlösen, wie hält man sich im Gespräch, um im Geschäft zu bleiben? Wir haben jetzt bei der Fußball-WM gesehen, zu welchen Pervertierungen eines wunderbaren Sports, der ja eigentlich – wie unsere Kunst auch – Menschen zusammenbringen soll, das führen kann. Und dazu gibt es Verlogenheiten wie die, dass Gustavo Dudamel als Endspiel-Pausenclown missbraucht wird, während seine venezolanischen Landsleute nach wie vor größte Schwierigkeiten haben, in die USA einzureisen.
Wären solche Entgleisungen allein auch schon ein Grund für Sie, Auftritte abzusagen?
Nein. Ich möchte kein Apodiktiker sein und keiner, der andere Menschen belehren will. Aber natürlich geht es auch hier darum, entweder widerspruchslos mitzumachen oder wenigstens Fragen zu stellen und sich zum Beispiel dem Trend nach interpretatorischen Sensationswerten zu verweigern: schnelle Sätze noch etwas schneller, langsame noch langsamer, dynamische Spannen extrem ausgeweitet – und das alles ohne Rücksichtnahme darauf, was sich Komponisten wirklich vorgestellt und gewünscht haben. Wir sind aber als Künstler nicht für spektakuläre Rekorde auf der Welt, sondern dafür, in der Pflege tief zurückreichender Traditionen menschliche Seelen zu berühren. So etwas darf nicht kommerzialisiert werden!
Das war sicher auch für Casals, der hier in Kronberg ständig und in diesem Jahr seines 150. Geburtstages besonders präsent ist, ein bestimmendes Kriterium seiner Interpretationen. Gleichermaßen ist er für sein politisches Engagement bekannt geworden, das beispielsweise einschloss, nach Errichtung der Diktaturen weder in seiner spanischen Heimat noch in der Sowjetunion aufzutreten. Andere Ostblockländer indessen hat er durchaus bereist, und auch in den Vereinigten Staaten, die er wegen ihrer Anerkennung des Franco-Regimes lange boykottierte, hat er schließlich wieder gespielt. Da zeigte er sich also flexibel; immerhin war Eisenhower, anders als Franco, Stalin oder Chruschtschow, demokratisch gewählt – so wie Trump heute.
Das schließt für mich die Notwendigkeit zur Stellungnahme nicht aus, und es geht ohnehin nicht nur um die USA. Auch Benjamin Netanjahu ist demokratisch gewählt, und trotzdem werde ich wegen des Vorgehens seiner Regierung in den Palästinenser-Gebieten vorerst nicht mehr mit dem mir eng verbundenen Israel Philharmonic Orchestra spielen. Ich gastiere aktuell natürlich nicht in Russland, meide aber auch China, das für viele europäische Orchester ein sehr attraktives Spielfeld ist. Wir Künstler haben eine Mission als Vermittler zwischenmenschlicher Träume und Befindlichkeiten; das verträgt sich schwer mit Zuständen, wie sie in solchen Ländern herrschen. Ich würde mich übrigens auch hier, im eigenen Land, herausgefordert fühlen, wenn etwa eine Partei ans Regieren käme, die, wie angekündigt, die allgemeine Schulpflicht abschaffen würde – aber um, wie Sie das vorhin ausdrückten, nicht nur aus der Negation heraus zu argumentieren: Wenn in den nächsten Jahren ein ukrainisches Orchester auf USA-Tournee gehen könnte, wäre ich gern dabei und dann auch wieder jenseits des Atlantiks aktiv; entsprechende Hoffnungen scheinen, Stand jetzt, nicht völlig unrealistisch.
