Während seiner langen Karriere hat Lionel Messi nie viel von sich preisgegeben. Blicke in seine Seele lässt er nur selten zu, so wie kürzlich nach dem Tod seines Vaters. Über das verlorene Finale der Weltmeisterschaft gegen Spanien schrieb er: „Ich habe es nicht geschafft, meine Beine haben nicht mehr mitgemacht. Dieses Mal habe ich versucht, gegen meine körperliche Verfassung anzukämpfen, aber ich konnte es nicht. Ich habe mich nie richtig wohlgefühlt.“
Der Andeutung von physischer und emotionaler Erschöpfung folgte nun ein weitreichender Entschluss. Nach 207 Länderspielen und 125 Toren – beides nationale Rekorde – beendet er seine Karriere in der Nationalmannschaft Argentiniens. Im Alter von 39 Jahren eine nachvollziehbare Entscheidung, aber doch eine, die im ersten Moment surreal wirkt. Argentinien ohne Messi, wie soll das gehen?
Mehr als zwei Jahrzehnte hat der für viele Menschen beste Fußballspieler der Moderne die Geschicke der Auswahl geprägt. Wer bei den vergangenen Weltturnieren in Qatar und den USA, Kanada und Mexiko war, den beschlich das Gefühl, die Albiceleste würden nur aus einem einzigen Spieler bestehen. Messi-Trikots, wohin das Auge reichte. Überall die Nummer zehn. Heldenverehrung jenseits der europäischen Vorstellungskraft.
Das Land am Rio de la Plata kann seine Heroen herzlich umarmen, aber es kann sie auch erdrücken mit all den Erwartungen, die es auf sie lädt. Wer wüsste das besser als Lionel Messi? Sein Erbe war das schwerste der Fußballgeschichte, trat er doch an die Stelle einer mythischen Figur namens Diego Armando Maradona. Entsprechend freudlos verliefen die ersten zehn Jahre im Nationaltrikot. In Europa, beim FC Barcelona, vollbrachte Messi Übermenschliches, gewann Wettbewerb um Wettbewerb, schoss Tor um Tor.
Messis turbulente Beziehung mit den heimischen Fans
Allein 73 in der Saison 2011/12. Zwei Jahre zuvor, bei der WM in Südafrika, war er torlos geblieben, ausgerechnet unter der Führung von Maradona. Messi sei kein richtiger Argentinier, keiner, dem sein Land am Herzen liege, ätzten sie von Buenos Aires bis nach Feuerland.
Dass er im Alter von 13 Jahren nach Spanien ging, nahm man ihm in Momenten des Misserfolgs übel. Messi, der während seiner vielen Jahre in Barcelona nie richtig Katalanisch lernte, argentinisches Essen bevorzugte und argentinisches Fernsehen schaute, litt unter den Klagen seiner Landsleute. So sehr, dass er nach dem verlorenen WM-Finale 2016 aus der Nationalmannschaft zurücktrat.
Erst im Moment der Entzweiung begriff das Land, wen es zu verlieren drohte. Die über einhunderttausend Demonstranten, die um eine Rückkehr baten, waren Liebesbeweis genug. 2021 und 2024 gewann er die Copa America, 2022 die WM in Qatar. In dem Augenblick, als Gonzalo Montiel den entscheidenden Elfmeter gegen Frankreich verwandelte, erfuhr seine Karriere die lang ersehnte Krönung.
Alles, was danach kam, war Zusatz. Aber was für einer! Bei der vergangenen WM brach er den Torrekord von Miroslav Klose, noch einmal führte er Argentinien ins Finale. Das undurchsichtige Gebaren des Weltfußballverbandes FIFA, die mögliche Bevorzugung Argentiniens, wurde den Leistungen Messis nicht gerecht.
Drei WM-Endspiele, eines mehr als Maradona, kann Messi vorweisen. Sicher, die Niederlage gegen Spanien habe wehgetan, sagte Messi. Aber sein Kreis hätte sich schon 2022 geschlossen. Nun sei es an der Zeit, den Jüngeren das Feld zu überlassen. Der neuen Generation ist am meisten geholfen, wenn Argentinien nicht von ihr erwartet, es Lionel Messi gleichzutun. Einen wie ihn wird es vielleicht nicht mehr geben.
