
Wer wie Johan Simons, der scheidende Intendant des Bochumer Schauspielhauses, das Theater als Ort der permanenten Transformation versteht, ist im Ruhrgebiet gut aufgehoben. Vor bald fünfzig Jahren ist er in seiner niederländischen Heimat angetreten, um an Orten, die nicht dafür gedacht waren, Theater für Menschen zu machen, die normalerweise nicht ins Theater gehen. 2002, im Gründungsjahr der Ruhrtriennale, inszenierte er erstmals in der Bochumer Jahrhunderthalle, einem Denkmal der Industriekultur und einem frühen Beispiel einer Architektur, die sich ganz den Zwecken unterordnet, für die sie geschaffen wurde.
Für Simons, der ein Vierteljahrhundert lang mit der von ihm mitbegründeten „Theatergroep Hollandia“ (und deren Vorläufern) durch die Niederlande gereist war, um in Zelten, Kirchen, auf Schrottplätzen und unter Brücken Theater zu spielen, war sie ein idealer Ort. Mit seinem Theaterkollektiv hatte er in den Achtziger- und Neunzigerjahren zunächst regionale Stoffe und Themen der Provinz auf improvisierte Bühnen gebracht, später aber auch Stücke von Kroetz, Achternbusch oder Büchner inszeniert. Im Ruhrgebiet war der Niederländer mit seiner Überzeugung, dass Theater überall stattfinden kann, wo ein Publikum Platz findet, am richtigen Ort.
Das Leben ein Traum
Auf seine Inszenierung der „Bakchen“ des Euripides (2002) folgten ebenfalls in der Jahrhunderthalle unter anderem Calderons „Das Leben ein Traum“ (2006) und „Merlin oder Das wüste Land“ (2008) von Tankred Dorst. Als er von 2015 bis 2017 selbst Intendant der Ruhrtriennnale war, stellte er das Festival unter ein Motto, das als euphorische Einladung ebenso wie als sanfte Drohung verstanden werden konnte: „Seid umschlungen!“, und eröffnete seine Intendanz mit einem Musiktheaterstück, das er nach Pasolinis Film „Accattone“ in der ehemaligen Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg in Dinslaken aufführte.
Damals kam er aus München, wo er als Nachfolger von Frank Baumbauer an den Kammerspielen Schauspieler aus halb Europa engagierte, das Haus für Experimentelles und internationale Kooperationen öffnete und mit Stücken von Sarah Kane und Elfriede Jelinek die Gegenwartsdramatik pflegte.Auf die Leitung der Ruhrtriennale folgte 2018 die Intendanz am Bochumer Schauspielhaus. Hier integrierte er brillante niederländische Schauspieler wie Guy Clément, Pierre Bokma, Viktor IJdens oder Elsie de Brauw, seine Ehefrau, in das Ensemble und arbeitete in weithin gefeierten Inszenierungen wie „Hamlet“, „Penthesilea“ oder „Alkestis“ mit Schauspielgrößen wie Sandra Hüller, Jens Harzer und Steven Scharf zusammen.
Die Ausdauer des nicht ohne Grund als belastbar und aufgeschlossen geltenden Bochumer Publikums stellte er mit mehrstündigen Theaterereignissen mehrfach erfolgreich auf die Probe: Seine Adaption von Elena Ferrantes Romanzyklus „Meine geniale Freundin“ dauerte sechs Stunden, wer „Die Brüder Karamasow“ nach Dostojewski miterleben wollte, musste dafür noch eine Stunde mehr mitbringen, konnte sich aber in einer der Pausen mit einer Portion Borschtsch stärken.
Ende des Jahres wird Johan Simons in Bochum George Taboris Hitler-Groteske „Mein Kampf“ inszenieren. Als das Stück 1987 in Wien vom Autor selbst uraufgeführt wurde, zog Simons mit seiner Theatergroep Hollandia gerade noch durch die niederländische Provinz. Seitdem hat er Theater in Deutschland, Belgien und den Niederlanden geleitet, Ensembles geformt, in Wien, Salzburg, Paris und Madrid Theaterstücke und Opern inszeniert und zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter auch eine der höchsten künstlerischen Ehrungen der Niederlande: den Preis des ehemaligen Prins Bernhard Cultuurfonds.
Dass der weltläufige Theatermann als Sohn eines Bauern in einem kleinen Dorf im Süden der Niederlande geboren wurde, hat Johan Simons nie vergessen. Seiner Herkunft verdankt er unter anderem eine dialektische Einsicht: „Wer die Welt nicht kennt, kennt sein Dorf nicht – und wer sein Dorf nicht kennt, kennt die Welt nicht.“
