Welche Rolle spielt die Sprache, wenn von Exil die Rede ist? Gilt der Begriff nur, wenn die Menschen, die ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen haben, eine fremde Sprache sprechen müssen? Oder können auch DDR-Flüchtlinge, die ihr Leben in der damaligen Bundesrepublik fortgesetzt haben, Exilanten genannt werden? Steffi Barthel, Jahrgang 1956, 1972 aus der DDR geflohen, sucht noch nach einer Antwort. Am Donnerstag, 3. September, wird die in Frankfurt lebende Künstlerin mit Doris Illian und Marie-Luise Leberke, die ebenfalls vor Jahrzehnten aus der DDR geflüchtet sind, von 17 Uhr an in der Bibliothek der Generationen im Historischen Museum die Suche fortsetzen. Die Veranstaltung mit dem Titel „Frei sein“ ist Teil der „Tage des Exils“, die in diesem Jahr zum zweiten Mal in Frankfurt stattfinden.
Vor etwa zehn Jahren hat Steffi Barthel begonnen, in der Bibliothek der Generationen, in der Personen der Zeitgeschichte ihre Erinnerungen hinterlegen können, ein Regalfach zu füllen. Um, wie sie sagt, hier den verschwundenen Staat sichtbar zu machen. Aktuell gehe es auch darum, die Deutungshoheit über die DDR nicht allein der AfD zu überlassen. Zu Barthels Generationen-Fach gehören ein noch unvollendetes Buch, in dem sie mit Texten, Aquarellen und Collagen ihre Biographie schildert, und eine Kassette mit Publikationen und Erinnerungsstücken. Ein Jahr lang habe sie ihre Geschichte in zwei deutschen Staaten zu Papier gebracht, erzählt Barthel, die nach ihrer Geburt von den aus politischen Gründen in den Westen geflohenen Eltern bei Verwandten in der DDR zurückgelassen wurde. Sie war eines von etwa 2300 Kindern, die nach dem Bau der Mauer 1961 von Vater und Mutter abgeschnitten waren – ohne Hoffnung, jemals bei ihnen leben zu können.
Auch ihre Stasi-Akte hat Barthel künstlerisch verarbeitet
Eines der Bücher in Barthels Kassette, das den Titel „Seidenkind“ trägt, enthält Abbildungen von mehr als 80 ihrer Kunstwerke. In „Familienaufstellung“ geht der Riss mitten durch die hier dargestellten fünf Menschen – oder sind es sechs? Das junge Mädchen in der Mitte besteht aus zwei Hälften. Der Leerraum, der die Personen voneinander trennt, zerteilt es von oben bis unten. „Ein Riss / Ein Mauer-Riss / Teilt uns / in Familie Ost / Und / Familie West“, steht neben der Collage, zu der auch ein Stück schwarz-rot-goldene Fahne gehört. Das Mädchen mit dem Mauer-Riss ist niemand anderes als die Künstlerin selbst.
Auch ihre Stasi-Akte hat Barthel künstlerisch verarbeitet. Nach der Lektüre des etwa 500 Seiten umfassenden Konvoluts im Jahr 2000 habe für sie nach Jahrzehnten als Lehrerin an Frankfurter Schulen festgestanden: „Jetzt werde ich Künstlerin.“ Für eine ihrer ersten Ausstellungen – „Schwarz.Rot.Gold“, 2008 in Berlin eröffnet, danach unter anderem auch in Wiesbaden und Gießen zu sehen – entstanden Collagen, in die sie Fetzen oder ganze Bögen der Akte integriert hat. Ein paar Kopien hat sie aufgehoben, den Rest aber verbrannt. „Es ist für mich abgearbeitet.“
Manchmal konnten die Eltern noch zu Besuch kommen
In Bleicherode, einer Kleinstadt am südlichen Rand des Harzes, ist Barthel in der Obhut ihrer Großmutter aufgewachsen. Sie wurde Pionier, trat in die Organisation Freie Deutsche Jugend ein – und blieb doch immer ein Außenseiter. Einerseits habe sie zur „Generation der erfolgreich Indoktrinierten“ gehört und in der Schule gelernt, ihre Eltern als Feinde zu sehen und die Mauer als antifaschistischen Schutzwall. Andererseits war da eine riesige Sehnsucht nach Vater und Mutter. Manchmal durften die Eltern, wenn ihr Antrag von den DDR-Behörden genehmigt wurde, die Verwandten in Bleicherode besuchen. Nach ein paar Tagen fuhren sie dann wieder gen Westen. „Bis heute“, sagt Barthel, „bedeutet der Anblick eines Bahnhofs, dass ich weinen muss.“

Als 1972 das im Vorjahr zwischen der Bundesrepublik und der DDR geschlossene Transitabkommen in Kraft trat, sahen die Eltern, die sich nach 1961 mithilfe des Deutschen Roten Kreuzes und auch von Politikern und des Rechtsanwalts Wolfgang Vogel vergeblich um eine Ausreisegenehmigung für ihre Tochter bemüht hatten, ihre Chance gekommen. Sollten doch Reisende, die über die Transitstrecken von der Bundesrepublik in die DDR fuhren, nun nicht mehr routinemäßig durchsucht werden.
Flucht unter der Hutablage im VW Käfer
15 Jahre alt war Barthel, als der Vater ihr bei einem Treffen in Ostberlin seine Pläne offenbarte. Noch am selben Abend fuhr sie mit einem Taxi zur Transitraststätte Michendorf, wo die Eltern in ihrem VW Käfer auf sie warteten. Auf der Rückbank lag die neun Jahre alte Schwester, die sie kaum kannte, zur Tarnung von Spielzeug umgeben. Unter der Hutablage war ein Hohlraum vorbereitet. Am Rande der Raststätte, im Dunkel der Nacht, quetschte Barthel sich dort hinein. Tatsächlich konnte die Familie die Grenze unbehelligt passieren.
Doch der Mauer-Riss ließ sich nicht vollständig kitten. „Unsere Heimat“ heißt eine der mehrteiligen Collagen Barthels mit Worten aus dem gleichnamigen Lied, das sie wie alle Kinder in der DDR in der Schule gesungen hat. War sie nach ihrer Flucht eine Exilantin? Als Antwort zitiert Barthel Günther Uecker, der die DDR nach dem Volksaufstand 1953 verlassen hat: Er habe, war der 2025 gestorbene Maler und Objektkünstler überzeugt, seine Freunde in der DDR verraten. „Für mich waren sie Vorbilder, weil sie tapfer in der DDR geblieben waren, sie haben das neue Deutschland aufbauen wollen. Ich fühlte mich so beschämt. Aber das kann man einem Westdeutschen nicht erklären.“
Im Berliner Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung wird gar nicht erst der Versuch einer Erklärung unternommen: DDR-Flüchtlinge spielen hier keine Rolle. Doch hält Direktor Roland Borchers es für „völlig berechtigt, darüber nachzudenken, dieses Thema zu integrieren“. In Frankfurt, bei den „Tagen des Exils“, ist man in dieser Hinsicht schon einen Schritt weiter.
