
Die starken Westwinde über dem Pazifik blasen immer noch, die Voraussagen sind nach wie vor düster, sie verheißen Naturkatastrophen und Temperaturrekorde rund um den Globus bis weit ins Jahr 2027 hinein: El Niño zeigt seit ein paar Monaten sein hässliches Gesicht – das hässlichste vielleicht seit mehr als hundertfünfzig Jahren. Damals hatte das Klimaphänomen, das übersetzt aus dem Spanischen „das Kind“ heißt, weil es jeweils zur Weihnachtszeit seinen Höhepunkt erreicht, eine gigantische Wärmeblase im Pazifischen Ozean gebildet.
Über die atmosphärischen Verbindungen hat diese Wärmeanomalie im Ostpazifik weltweit zum Wetterchaos geführt: Dürren hier, Überflutungen dort, auch tödliche Blizzards und Schneeverwehungen oder riesige Flächenbrände gehören ins El-Niño-Programm. Im schlimmsten Fall bedeutet es Wetteranomalien am laufenden Band, ausgelöst von ungewöhnlichen Temperaturspitzen im Pazifik, wiederkehrend alle zwei bis sieben Jahre und offensichtlich völlig unabhängig von irgendeinem menschengemachten Klimawandel. In „milden“ El-Niño-Jahren allerdings sind die Folgen überschaubar, und das Gleiche gilt für das meteorologische Gegenstück – La Niña – eine zyklisch auftretende Kälteanomalie im Pazifik.
Die Lesart der meisten Meteorologen und Klimaforschern war bisher immer die gleiche: El Niño und La Niña – zusammen als ENSO-Zyklus bezeichnet – sind ein rein natürliches Klimaphänomen. In den vergangenen Jahren allerdings und spätestens seit 2016, als sich die Zahl besonders ausgeprägter, intensiver El Niños merklich häufte, kam ein Verdacht auf: Könnte die zuletzt überproportionale globale Erderwärmung die Intensität des ENSO-Phänomens beeinflussen?
Die Antwort lieferte in der vergangenen Ausgabe der Zeitschrift „Science“ eine amerikanische Arbeitsgruppe um Julie Cole und den renommierten Paläoklimatologen Jonathan Overpeck von der University of Michigan in Ann Arbour. Die Forscher haben nachgewiesen: Die Dynamik von El Niño und La Niña hat im Zuge des beschleunigten Klimawandels messbar zugenommen. Konkret geht es weniger um die absoluten Temperaturen als vielmehr um die Temperaturschwankungen im Laufe der Zeit. Fast eintausend Jahre lang waren diese Ausschläge relativ stabil. Von Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an allerdings nahmen die Ausschläge zu.
Ermittelt wurde der historische Verlauf mit Isotopenanalysen von alten Korallenstöcken vor der Küste von Galapagos. Die berühmten Inseln im Pazifik sind stets ein Hotspot, wenn El Niño zuschlägt. Dann können wie in diesem Sommer schon die Wassertemperaturen an der Pazifikoberfläche um sechs bis acht Grad über den Durchschnittswerten liegen. Die Folge: Immer wieder sterben Korallen vor Galapagos, wenn das Klimaphänomen im Zentralpazifik die Zwei-Grad-Schwelle zum Super-El-Niño übersteigt.
Das Team um Cole und Overpeck hat nun gezeigt, dass seit Beginn der Industrialisierung das Auftreten von El Niños mit hohen Temperaturwerten sukzessive zugenommen hat. Extreme Temperaturschwankungen liegen demnach heute um knapp 36 Prozent höher als in der vorindustriellen Zeit und inzwischen auch um 16 Prozent höher als vor 1982. Diese Zunahme der ENSO-Variabilität wird vor allem durch die Häufung von ungewöhnlich starken El Niños in Zeiten der stärksten Erderwärmung herbeigeführt. Und: In Klimasimulationen konnten die Wissenschaftler zumindest nahelegen, dass die rekonstruierte Zunahme „außerhalb dessen liegt, was die natürliche Variabilität“ hergibt – und auch jenseits dessen, was etwa Vulkanausbrüche an Klimaveränderungen bewirken können. Die analysierten Korallendaten böten, so die Forscher, ausreichend lange Vergleichsmöglichkeiten, um den Fingerabdruck des Klimawandels deutlich zu erkennen.
Klar ist: Nicht jedes ENSO-Ereignis wird automatisch durch den jüngsten, hauptsächlich menschengemachten Klimawandel energetisch aufgeladen. Aber die tiefen Spuren der Erwärmung sind nun auch in den Geschichtsbüchern des natürlichen Klimaphänomens El Niño festgeschrieben.
