
An und für sich ist es ja eine interessante Frage, die Angela Merkel da eben in einer Veranstaltung der Berliner Thementage aufgeworfen hat, die Frage nämlich, worüber wir von morgens bis abends reden, und näherhin: warum wir so viel über die AfD reden, von früh bis spät. Mit Blick auf den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt hatte Merkel, wie hier nachzutragen ist, erklärt, dass die AfD es zum Teil geschafft habe, „alle unsere Gespräche von morgens bis abends zu bestimmen“. Fragt sich: Wie kommt’s? Und wer sind „wir“ und „unsere“ Gespräche?
Um diese Fragen politisch gewichten zu können, wäre einerseits von Luther auszugehen: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Wir hätten bei der AfD demnach ein Reizthema zu unterstellen, das in Seelentiefen gründet, auch wenn nicht unbedingt „wir“, sondern die politisch-medialen Protagonisten das Thema bewirtschaften, den Ton jeweils setzen. Die Kanzlerin a. D. schüttelt den Kopf natürlich nicht selbstlos über die öffentliche Dominanz des AfD-Diskurses. Als Mutter aller AfD-Ressentiments arbeitet man sich an ihr persönlich bis heute ab, ob implizit oder explizit. Angela Merkel ist die Nemesis des AfD-Palavers.
Gut, mal darüber gesprochen zu haben
Andererseits sagt es auch noch nicht so viel, wenn alle Welt über die AfD redet. Sprechen doch persönliche Diskretion und politische Klugheit dafür, es habituell mit Léon Gambettas Parole zu halten: Immer daran denken, nie davon sprechen. Das Ausgesprochene kann demnach in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu dem stehen, was den Sprechenden inhaltlich wichtig ist. Auch unentwegte Thematisierung – von morgens bis abends – erlaubt demnach noch keine Rückschlüsse auf Dringlichkeit und Eingriffstiefe des jeweiligen Themas.
Es lebendig zu halten, kann auf persönlicher Ebene ein soziales Schmiermittel sein, auf medialer Ebene ein Quotenbringer. Es ist dann einfach schon gut, mal drüber gesprochen, in die eine oder die andere Richtung Haltung gezeigt zu haben. Linguisten reden hier von der phatischen Sprachfunktion, der es nicht so sehr um Informationsaustausch als solchen geht, sondern um soziale Nähe, um auch ökonomisch profitablen Zusammenhalt durch sprachliche Beschallung. Persönliche und mediale Ebene verschränken sich: Wie oft quasselt man nur das medial Gehörte nach, um im Gespräch zu bleiben?
Störanfällige Bürgerdialoge des Kanzlers
So kann man, Hand aufs Herz, nie genau wissen, was mit dem Verlautbarten gerade gemeint ist. Als tägliches Hintergrundrauschen ist AfD-Gerede von morgens bis abends nicht generell zuweisbar, von der Faschisierung über den Smalltalk bis zur unabsichtlichen Wahlhilfe ist zunächst einmal alles drin. Weswegen eine Kommunikation, in welcher direkt oder indirekt die AfD vorkommt, ein hochgradig störanfälliger Vorgang ist, wie sich beispielsweise immer dann zeigt, wenn Friedrich Merz Bürgerdialoge führt. Es spielt halt der AfD in die Hände, wenn der Kanzler mit Bürgern spricht und die Bürger danach als Kollateralschäden zurückbleiben wie neulich bei RTL, als Merz einer alleinerziehenden Kinderärztin mit juristischem Unterton viermal beschied, ihre Vorhaltungen gingen jetzt aber zu weit.
Solch ein obrigkeitliches Gebaren, sobald man wie berechtigt oder unberechtigt auch immer angegriffen wird, übergeht die emotionale Ebene, die anzusprechen des Kanzlers Amt wäre, soll die düpierte Zuschauerschaft nicht durch einen Vorfall wie diesen in die Arme einer Partei getrieben werden, die vorgibt, das bürgerliche Ungemach in seiner psychologischen Tiefengrammatik zu verstehen, statt es abzukanzeln. Das Politische wird auf diese Weise sehenden Auges vom Vorpolitischen usurpiert.
Aber wen kümmert’s? So spricht man auch deshalb von früh bis spät über die AfD, weil das Bedürfnis nach emotionaler Selbstvergewisserung durchschlägt und die Analyse politischer Versprechen ersetzt, welche das Thema abzuräumen in der Lage wäre. Widerstand gegen die Dominanz des Diskurses ist zwecklos, ja kontraproduktiv, wie das Zeitschriften-Cover mit Ulrich Siegmund als dem angeblich gefährlichsten Mann Deutschlands zeigt, das im Nu zur Autogrammkarte wurde.
Über die AfD wird weiter palavert, als gebe es im politischen Wortsinn kein Morgen. Doch mischt sich Angela Merkel wie jetzt in Berlin in den AfD-Diskurs ein, gibt man sich seitens der Parteianhänger existenziell affiziert und agiert nicht etwa im Small-Talk-Modus: Soll die AfD den ganzen Laden, in dem systemisch über mich hinweggeredet wird, doch ruhig an die Wand fahren! In der AfD-Trotzgemeinschaft heißt es von morgens bis abends, der Untergang müsse erst eintreten, bevor die Verhältnisse sich bessern könnten.
