
In zwei Wochen entscheidet die amerikanische Notenbank Federal Reserve über die Spannweite ihrer Leitzinsen. So kurz vor der Entscheidung erregt eine Rede des neuen Fed-Chefs Kevin Warsh an den Märkten natürlich Aufsehen. In seinem Vortrag, den Warsh am Freitag vor dem Notenbankertreffen in Jackson Hole hielt, positionierte sich der Fed-Chef als Kämpfer gegen die weiter hohe Inflation.
Nachdem sich Warsh von der Praktik der „Forward Guidance“, also frühzeitige Hinweise auf geldpolitische Maßnahmen zu geben, verabschiedet hat, trugen seine Worte vom Freitag zu Spekulationen in Richtung steigende Zinsen bei. Laut Daten der Terminbörse Chicago rechnen nun fast 62 Prozent der Börsenhändler, die mithilfe von Termingeschäften auf Zinsschritte wetten, mit höheren Zinsen. 38 Prozent gehen von gleichbleibenden Zinsen aus. Vor einer Woche waren die Wahrscheinlichkeiten noch umgedreht.
Die Finanzmärkte reagierten nach der Rede deutlich. Die Erwartung höherer Zentralbankzinsen lässt Anleiheinvestoren hoffen, dass neu ausgegebene Staatsanleihen mit einem höheren Zinskupon ausgestattet sind als ältere. An der Börse werden ältere Anleihen infolgedessen günstiger gehandelt und rentieren im Verhältnis zu ihrem Nennwert höher. Vor allem kurz laufende Anleihen der Vereinigten Staaten fielen wegen der Zinserwartungen nach Warshs Rede am Freitag stark im Kurs, wodurch die Rendite zeitweise um 14 Basispunkte auf 4,37 Prozent stieg. Am Montag fiel die Rendite der zweijährigen US-Staatsanleihen zumindest wieder auf 4,33 Prozent.
Höchststände lang laufender Anleihen
Länger laufende Anleihen reagierten weniger empfindlich, rentieren derzeit aber auf einem hohen Niveau. Die für viele andere Finanzinstrumente richtungsweisende Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg zeitweise um sechs Basispunkte auf 4,73 Prozent, während dreißigjährige sich der Marke von 5,34 näherten. Die lang laufenden Anleihen erreichten damit die höchsten Renditen seit der Zeit vor der Finanzkrise im Jahr 2007.
Auch die Anleihen anderer Staaten, darunter auch deutsche Papiere, wurden durch die Zinserwartungen in Mitleidenschaft gezogen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe kletterte bis auf 3,29 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit Mai 2011. Die Rendite der zweijährigen Anleihe erreichte mit 2,90 Prozent den höchsten Wert seit Juli 2024. „Insgesamt können sich Bundesanleihen dem Gegenwind aus den USA nicht entziehen“, sagte Commerzbank-Anleihestratege Rainer Guntermann.
Zinserhöhung der EZB gilt als sehr wahrscheinlich
Auch die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte die Zinsen erhöhen, um näher an ihr Inflationsziel von zwei Prozent zu kommen. Im Juli betrug die Inflation im Euroraum 2,9 Prozent. An diesem Dienstag veröffentlicht das europäische Statistikamt seine erste Schätzung für den August. Sollte die Inflation in Deutschland ein Indikator sein, dürfte auch die europäische weiter hoch bleiben. Nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes lag die Inflation in Deutschland im August mit 2,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr wieder etwas höher als noch im Juli, als sie 2,8 Prozent betragen hatte.
Händler rechnen deshalb fest mit einer Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) im September. Sie preisen zudem eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Zinsschritt bis Dezember ein.
Aktien verlieren nach Warsh-Rede
Für Anlagen in Aktien sind diese Nachrichten sowie die steigenden Anleiherenditen keine guten Vorzeichen. Der marktbreite amerikanische Index S&P 500 fiel folglich am Freitag um 0,25 Prozent auf 7711 Punkte und tendierte vor Börseneröffnung in New York am Montag noch einmal um 0,25 Prozent nach unten. Der deutsche Leitindex Dax verlor am Montag zeitweise mehr als 0,8 Prozent.
Der Effekt steigender Anleiherenditen und höherer Zentralbankzinsen auf Aktien ist doppelt: Ein höherer Kupon festverzinslicher Wertpapiere garantiert eine sicherere Rendite im Vergleich zu schwankungsanfälligen Aktien. Zudem werden Schulden für Unternehmen genauso wie Staaten mit steigenden Zinsen teurer, was zu weniger Investitionen und womöglich geringeren Chancen auf höhere Gewinne führen kann. Stagnierende oder fallende Aktienkurse sind die Folge.
