
Der Sprachroboter ChatGPT wird in der Europäischen Union unter verschärfte Beobachtung gestellt. Die Künstliche Intelligenz des amerikanischen Unternehmens OpenAI muss von Ende Dezember an alle Vorgaben des EU-Gesetzes für digitale Dienste (DSA) einhalten. Die Europäische Kommission hat ChatGPT dafür am Montag als „sehr große Online-Suchmaschine“ eingestuft. Es ist das erste Mal, dass das für eine Künstliche Intelligenz gilt.
Die Entscheidung bedeute, dass ChatGPT „nun einem strengeren Maß an Kontrolle und Rechenschaftspflicht“ unterliege, entsprechend seinem großen Einfluss auf Bürger und die Gesellschaft, betonte die zuständige Vizepräsidentin der EU-Kommission, Henna Virkkunen. „Wir beobachten die digitale Landschaft weiterhin aufmerksam und werden nicht zögern, jede Plattform einzustufen, die die Schwelle für eine verstärkte Aufsicht gemäß dem Gesetz über digitale Dienste erreicht.“
OpenAI muss jedes Jahr eine Risikoanalyse machen
Konkret muss OpenAI künftig analysieren, ob von ChatGPT eine Gefahr für den öffentlichen Dialog, Wahlen, den Schutz von Minderjährigen und die mentale Gesundheit ausgeht. Dafür muss das Unternehmen jährlich das Design, die Algorithmen und die Kontrolle der Inhalte prüfen und im Zweifel Abhilfe schaffen. Unabhängig davon muss OpenAI jedes Mal, wenn es eine neue Funktion einführt, die gravierende Folgen haben kann, eine eigene Analyse durchführen. Zudem muss es Forschern und auch der EU-Kommission auf Anfrage Zugang zu Daten gewähren, um systemische Risiken zu überwachen.
Die Entscheidung der Kommission hat Präzedenzcharakter für andere Angebote Künstlicher Intelligenz. Bisher war unklar, ob diese als „sehr große Suchmaschinen“ unter dem DSA eingestuft werden können. Als das Gesetz erlassen wurde, spielte KI noch keine große Rolle. Die Regeln sind auf große Onlineplattformen wie Facebook, Snapchat oder Amazon und große Suchmaschinen zugeschnitten. Als letztere gelten bisher nur Bing und Google Search.
Kommission argumentiert, ChatGPT funktioniert wie Suchmaschine
Die Kommission hatte im Herbst vergangenen Jahres begonnen zu prüfen, inwieweit ChatGPT unter den DSA fällt. Bedingung für die Einstufung als „sehr groß“ ist, dass ein Dienst im Durchschnitt in der EU mehr als 45 Millionen Nutzer im Monat hat. Den Wert hatte ChatGPT damals allein für die Funktion ChatGPT Search mit mehr als 120 Millionen Nutzern klar überschritten.
Die Brüsseler Behörde begründet ihre Entscheidung nun damit, dass ChatGPT auf Eingaben und Anfragen der Nutzer reagiere, „unter anderem durch die Suche im Internet“. Somit handele es sich um einen hybriden Dienst, der als Online-Suchmaschine im Sinne des DSA gelte. Die Entscheidung über ChatGPT bedeutet nicht, dass nun jedes größere KI-Angebot automatisch die strengen DSA-Vorgaben erfüllen muss. Das muss die Kommission von Fall zu Fall entscheiden. Es dürfte aber wahrscheinlich sein.
Unabhängig von der Entscheidung zu ChatGPT hat die Kommission am Montag Reddit und Roblox als sehr große Plattformen eingestuft. Auf Reddit finden sich eine Vielzahl von Diskussionsforen. Roblox ist eine Plattform für Online-Spiele.
