
So schnell geht das. Die Darmstädter Stadtpolitiker haben mehrheitlich die Pläne für das Besucherzentrum an der Mathildenhöhe fallen lassen, die sie im vergangenen Jahr noch eifrig verteidigt hatten. Damit folgen sie dem Oberbürgermeister, der gut eine Woche zuvor einen Baustopp für den Neubau auf dem Osthang der Mathildenhöhe erlassen hatte. Nun ist die Planung wieder auf null gestellt. Damit hat das Parlament sich aber nicht gegen ein Besucherzentrum entschieden, nur dagegen, nach den bisherigen Plänen zu bauen, was mindestens 21 Millionen Euro gekostet hätte.
Jetzt wird noch einmal geprüft, ob für die Welterbestätte ein Neubau als Anlaufstelle für Kulturtouristen gebraucht wird und wie groß er werden muss – und wie weit mit digitalen Medien erklärt werden kann, warum die Mathildenhöhe es verdient, zum Weltkulturerbe der Menschheit zu gehören. So will es der Oberbürgermeister, der argumentiert, ein Besucherzentrum, falls man eines wolle, müsse für deutlich weniger Geld gebaut werden.
Als die Mehrheit der Fraktionen im vergangenen Jahr die Pläne verteidigten, stand diese Option nicht zur Wahl. Damals wollten Kritiker durchsetzen, dass die Stadt sich ganz gegen ein Besucherzentrum entscheidet.
Das Parlament wird nicht nach einer Entscheidung gefragt
Genaugenommen hat das Stadtparlament dieses Mal allerdings gar nicht entschieden. Es hat sich zwar mehrheitlich den Vorstellungen des Oberbürgermeisters angeschlossen, aber nur in Meinungsäußerungen der Fraktionen. Eine Abstimmung gab es nicht, denn Benz hat dem Parlament in dessen Sitzung am Donnerstagabend seine Vorlage nicht zur Abstimmung, sondern lediglich zur Kenntnisnahme vorgelegt. Das zeigt den Stil, in dem der Oberbürgermeister Politik macht.
Dass sein Vorstoß zu diesem Zeitpunkt kommt, liegt wohl weniger am plötzlichen Erkenntnisgewinn und mehr daran, dass er in den vergangenen Wochen drei andere Fraktionen für ein Bündnis mit seiner SPD gewonnen hat. Dieses Bündnis hat keine Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung, dafür fehlen einige Sitze. Doch auch so kann sich Benz, ein erfahrener und machtbewusster Politiker, durchsetzen.
In dieser Lage ist der Mathildenhöhe zu wünschen, dass das Moratorium, das der Oberbürgermeister erreicht hat, nicht zu lange dauert. Denn schon fünf Jahre ist es her, dass die UNESCO den Welterbetitel verliehen hat. Das Ensemble von Bauten aus der Zeit des Jugendstils braucht eine Vermittlung, ob digital oder in einer Ausstellung in einem Besucherzentrum. Den Gästen muss erklärt werden, wie sich die Gestalter in der Aufbruchphase im frühen 20. Jahrhundert mit ihrem souveränen Stil der Frühmoderne vom 19. Jahrhundert verabschiedeten – gerade, indem sie sich nicht ausschließlich nach dem Jugendstil richteten.
