
Bewertet man das diesjährige Sommerinterview der ARD mit dem Bundeskanzler nur nach seinem Nachrichtenwert, so ist der einzige interessante Punkt schnell benannt: Friedrich Merz hat angekündigt, dass schon in wenigen Tagen die von ihm angekündigte angemessene Reaktion auf den Drohnenangriff auf den Leipziger Flughafen Anfang August erfolgen werde. Der Angreifer werde einen Preis dafür zahlen, hatte der Kanzler kürzlich gesagt, und man fühlte sich an die gängigen markigen Ankündigungen von deutschen Politikern nach Verbrechen aller Art erinnert, wonach die Übeltäter und ihre Hintermänner nun aber wirklich die volle Härte des Rechtsstaats zu spüren bekämen.
Merz ließ im Gespräch mit Moderator Markus Preiß keinen Zweifel daran aufkommen, dass es sich bei dem Leipziger Aggressor um Russland handelt, ohne es selbst beim Namen zu nennen. Und er fügte hinzu, dass die Reaktion mit den Partnern in der EU und der NATO abgestimmt sei. Der Kanzler wird es uns nachsehen, dass wir bis zum Beweis des Gegenteils von einem Reaktiönchen ausgehen, das Putin nicht erzittern lässt.
Nun aber zu grundsätzlicheren Aspekten des Sommerinterviews. Die Gattung hat ihren Ursprung im Jahr 1988, als der damalige Kanzler Helmut Kohl an seinem Urlaubsort befragt wurde. Längst ist der Kreis der Interviewten auf sogenannte Spitzenpolitiker aller im Bundestag vertretenen Parteien erweitert worden. Der Kanzler ist da nur noch einer unter vielen, und ihm wird auch keine Minute mehr Sendezeit eingeräumt als den Vorsitzenden noch der kleinsten Oppositionspartei.
Keine krawalligen Sidekicks wie bei RTL
Man fragt sich, warum die Sender und das Kanzleramt sich darauf einlassen. Zu einem Zeitpunkt, in dem dieses Land nach einem weitverbreiteten Gefühl vor entscheidenden politischen, wirtschaftlichen und damit auch gesellschaftlichen Weichenstellungen steht, nimmt sich die ARD eine halbe Stunde für das Interview mit dem wichtigsten Politiker des Landes. Ist es die Sorge vor übellaunigen Nachfragen von Rundfunkräten, wo die Chancengleichheit bleibt, wenn Merz eine volle Stunde zugestanden bekäme?
Diese Gleichbehandlerei ist jedenfalls umso bedauerlicher, als die ARD viele Voraussetzungen erfüllt, um mit Merz ins Gespräch zu kommen. Anders als RTL, wo sich der Kanzler von einer anmaßenden Kinderärztin provozieren ließ, verzichtet das Erste auf krawallige Sidekicks für den Moderator. Und in Person von Preiß bietet die ARD einen Mann auf, der journalistische Tugenden auf konservative Weise im besten Sinne des Wortes verkörpert: unaufgeregt, ernst, gut vorbereitet, um seinem Gegenüber verbindlich, aber hartnäckig präzise Fragen zu stellen. Wenn diese ausweichend beantwortet werden, fragt er nach; wenn sie dann immer noch nicht beantwortet werden, belässt er es dabei, weil er dem Zuschauer zutraut, von selbst darauf zu kommen, dass das Gegenüber die Frage nicht beantworten möchte. Und sich dann einen Reim darauf zu machen, warum das so ist.
Merkel hatte mehr Glück als Merz
Aber eine halbe Stunde reicht eben nicht dafür aus, in die Tiefe zu gehen. Und deshalb wird es niemals wirklich interessant, auch nicht, als Preiß die katastrophalen Umfragewerte von Merz anspricht. Auf 16 Prozent Zustimmung kommt der Kanzler nach seinem ersten Amtsjahr, 36 Prozent waren es im Fall seines schweigsamen Vorgängers Olaf Scholz, gar 57 Prozent verzeichnete seine zum damaligen Zeitpunkt noch etwas tapsige Vorvorgängerin Angela Merkel. Merz’ Antwort fällt so aus, wie es zu erwarten war: Die schlechten Werte nehme er als Herausforderung. Im übrigen habe man schon viel erreicht, etwa in der Migrationspolitik, und wenn die Leute das erst merkten, dann würden die Umfragewerte schon besser werden. Dass er sein Wahlversprechen zur Schuldenbremse so schnell gebrochen habe, sei der Situation im Bundestag geschuldet gewesen. Und die Vorgängerregierungen hätten dem Land die schwierige Lage eingebrockt, vor allem in der Verteidigungs- und Energiepolitik.
Wie interessant hätte es sein können, an dieser Stelle ein wenig in die Tiefe zu gehen. Dann hätte man sich darüber austauschen können, inwieweit Fortune eine Rolle spielt. Merkel profitierte ja nicht nur davon, dass Schröder die schmerzhaften Reformen schon erledigt hatte; sie wurde in ihrem ersten Jahr auch von der Hochstimmung nach dem Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft 2006 getragen. Merz hatte kein vergleichbares Glück: Bundestrainer Nagelsmann taugte nicht zum Assistenzarzt für die deutsche Krankheit, vielmehr zeigte er alle einschlägigen Symptome von Selbstüberschätzung bis zu Schönrednerei und Schuldsuche bei anderen.
Hat das Amt des Kanzlers schon irreparablen Schaden genommen?
Mit ein wenig mehr Zeit auf der Uhr hätte Preiß den Kanzler auch fragen können, ob er das eigentlich Bedrohliche an seinen schlechten Umfragewerten fürchtet: dass das Amt des Bundeskanzlers Schaden nimmt, dass der Respekt, dessen sich die Amtsinhaber immer sicher sein konnten, verloren geht. Wann das begonnen hat. Unter Merkel? Unter Scholz? Ob das vor allem mit der Wühlarbeit von Alice Weidel und Konsorten zu tun hat. Und wo der Eigenanteil von ihm, Merz, selbst liegt, weil er sich beispielsweise auf Formate wie jenes von RTL einlässt. Preiß hätte sogar fragen können, wie es nach Meinung von Merz um die Einsicht des Souveräns in den Ernst der Lage bestellt ist. Und was er sich von den Menschen im Land erhofft und erwartet, damit es ein Ende hat mit der Verdrießlichkeit.
Preiß musste aber schon zur nächsten Frage kommen, die auf seinem Zettel stand. Immerhin verplemperte er anders als viele seiner Fernsehkollegen die Zeit nicht mit Wasserstandsmeldungen aus dem Leerlauf des Berliner Betriebs, sondern fragte nach einigen wichtigen Entwicklungen.
Das Wichtigste in Kürze: Merz hegt Sympathie für eine Frau im Amt des Bundespräsidenten; er denkt weniger an die Einführung einer Vermögensteuer als an den Aufbau von Vermögen durch Arbeitnehmer; er hat die Bedeutung von KI und Energieversorgung erkannt; die hohen Ausgaben für die Bundeswehr seien richtig, denn die Wahrung von Freiheit und Frieden habe Priorität; die hohen Energiepreise ließen sich nicht dauerhaft heruntersubventionieren; Deutschland könne die Zinslasten durch die stark gestiegene Verschuldung tragen; über das Vorgehen seiner Partei in Sachsen-Anhalt werde er erst nach der Wahl sprechen.
Eine Frage, die Merz ein wenig überrascht
Immerhin eine Frage hatte Preiß vorbereitet, die Merz ein wenig überraschte: Welche Branchen denn in Zukunft maßgeblich zum Wohlstand in Deutschland beitragen würden. Merz wurde erst auf Nachfrage konkret: das Handwerk, die Medizintechnik, die pharmazeutische Industrie und Dienstleistungen an Menschen. Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein, um Zweifel zu haben, dass das genügen wird. Es wäre ein interessanter Anknüpfungspunkt für Folgefragen gewesen. Aber die Zeit drängte, auch weil Merz später noch im Chat ein paar Fragen beantworten sollte.
Dabei war jederzeit spürbar, dass sich Merz im Setting des ARD-Studios wohlfühlte. Und stellt man dann noch in Rechnung, dass der Kanzler zu den wenigen Politikern hierzulande gehört, die das intellektuelle Kräftemessen schätzen, anstatt bei jeder Frage gleich an die unverbindlichste Antwort zu denken, dann ahnt man, welche Chancen so ein Sommerinterview mit ihm bietet. Vielleicht werden sie ja im nächsten Jahr genutzt. Die Frage, ob er Angst hat, vorher von seiner Partei gestürzt zu werden, hat Preiß dem Kanzler übrigens erspart.
