Sie fahren durch das zerstörte Frankfurt, sie sind zu Gast bei dem Volk, das sie vertrieben hat, fühlen sich gebeutelt von der Nachricht, dass Klaus, der Sohn und Bruder, in Cannes Suizid begangen hat: So zeigt der Film „Vaterland“ Thomas Mann und seine Tochter Erika auf Manns erster Deutschlandreise nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Sommer 1949 führt sie ihn von der Schweiz aus zu Goethes 200. Geburtstag nach Frankfurt und Weimar.
Am 3. September kommt der Film von Pawel Pawlikowski, der sich dieser für Mann sehr schwierigen Reise widmet, in die deutschen Kinos. Im Mai 2026 wurde „Vaterland“ bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet, zu bieten hat er außerdem mehrere deutsche Schauspielstars. Hanns Zischler spielt Mann, den Literaturnobelpreisträger und Emigranten, Sandra Hüller seine Tochter Erika, die Erstgeborene, das „Wotanskind“, kühn und herrlich wie Brünnhilde in Wagners „Ring des Nibelungen“. Und August Diehl ist als Klaus Mann zu sehen, unbekümmerter schwul als der Vater, aber unglücklicher in Leben, Lieben und Schreiben, von der älteren Schwester zeitlebens mitgezogen und beschützt.

Zwei wesentliche Unterschiede gibt es zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Erika war 1949, anders als im Film, auf Manns Deutschlandreise nicht mit dabei. Sie blieb der alten Heimat aus Prinzip fern und nahm die Eltern erst in Amsterdam wieder in Empfang. Von allen Familienmitgliedern war ihr Widerwillen gegen die Begegnung mit Mitläufern, vielleicht sogar Mördern, der entschiedenste. Begleitet wurde Mann durch die junge Bundesrepublik und die werdende DDR stattdessen von seiner Frau Katia, die im Film nur am Telefon zu hören ist, wenn die Familienmitglieder über sich und das Unglück sprechen, das sie mit dem Tod des Bruders und Sohnes getroffen hat.
Der Vater abwesend, der Sohn tot, die Heimat verloren
Anders als in „Vaterland“ ist Klaus Mann beim Besuch der Eltern in Frankfurt schon seit etwa zwei Monaten tot. Am 24. Juli 1949 kommen Thomas und Katia Mann mit dem Nachtzug aus Basel am Frankfurter Hauptbahnhof an, die Nachricht, dass Klaus an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben ist, hat die Eltern und Erika am 21. Mai in Stockholm erreicht.
Da sind die Manns schon seit ein paar Tagen in Europa. Am 10. Mai haben sie sich in New York eingeschifft, in Oxford ist Mann zum Ehrendoktor ernannt worden, er hat in London gelesen und für viele weitere Auftritte zugesagt. Und Schweden ist weit weg von Cannes. Zur Beerdigung des Bruders am 24. Mai schafft es daher nur der jüngere Bruder Michael, der sich ebenfalls gerade in Europa aufhält. Thomas Mann hält an diesem Tag einen Vortrag in Uppsala, Katia und Erika sind bei ihm.
„Wie ich leben soll, weiß ich noch nicht“, schreibt Erika später an die gemeinsame Freundin Pamela Wedekind, „weiß nur, dass ich muss; und bin doch gar nicht zu denken, ohne ihn.“

Wer wen begleitet, wer wen verliert – die Verschiebungen und Verdichtungen des historischen Materials, die Pawlikowski sich in seinem Film erlaubt, sind die, mit denen Traum und Kunst stets arbeiten, wenn sie klarstellen wollen, was sich eigentlich abspielt. Die geschickte Wendung, die der polnische Regisseur dem Stoff gibt, bleibt sehr nahe an dem, was man von den Manns jener Jahre weiß. Er rückt zusammen, was zusammengehört, macht kenntlich.
Pawlikowski, der 1957 in Warschau zur Welt kam, in Deutschland, Italien und Großbritannien aufwuchs und 2015 für „Ida“ mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde, hat das Drehbuch von „Vaterland“ mit verfasst. Er weiß, dass Erika, die Schauspielerin, Autorin und Kabarettistin, zwischen Kriegsende und Manns Tod im Jahr 1955 zur wichtigsten Mitarbeiterin ihres Vaters wurde. Den intensiven täglichen Austausch der beiden hat es in Frankfurt zwar nicht gegeben, aber er ist sehr plausibel.
Das gilt auch für die Kombination der Deutschland-Handlung mit dem Tod Klaus Manns. Denn natürlich weiß Pawlikowski auch vom Dauerthema der Nähe und Ferne zwischen Vater und Sohn. Das Drama ihrer Beziehung gerade in dem Augenblick kumulieren zu lassen, in dem Thomas Mann über seine Nähe und Ferne zu Deutschland nachdenkt, ist dramaturgisch geschickt und psychologisch erhellend, auch wenn der mehrdeutige Titel „Vaterland“ etwas plump darauf aufmerksam macht.
„Emigranten sind nicht gerne gesehen“
Wie aber war es wirklich im Sommer 1949? Auf Gleis acht erreichen die Manns den Frankfurter Hauptbahnhof, morgens um 8.50 Uhr, wie ein zeitgenössischer Pressebericht vermerkt. Sie werden von Oberbürgermeister Walter Kolb empfangen. Er begleitet sie nicht in den Frankfurter Hof, der im Krieg völlig ausgebrannt und ein Jahr zuvor mit 20 Betten mehr schlecht als recht wiedereröffnet worden ist, sondern schickt sie in einem roten Opel Admiral hinauf in das Gästehaus der Stadt Frankfurt. In Schönberg am Taunus, heute ein Stadtteil von Kronberg, frühstücken die Manns, empfangen Manns Verleger Gottfried Bermann Fischer, der den einst in Berlin gegründeten S. Fischer Verlag nun in Frankfurt angesiedelt hat, essen mit dem Oberbürgermeister und seiner Frau zu Mittag und machen abends im Auto eine Ausfahrt durch den Taunus, von der Katia Mann einen selbstgepflückten Feldblumenstrauß mitbringt.

Am nächsten Tag spricht Thomas Mann in der Paulskirche, die mit Spenden aus allen Besatzungszonen zum 100. Jahrestag der Revolution von 1848 wiederaufgebaut worden ist. Sie steht in einer weitgehend zerstörten Wüste. Die Neubauten, in denen sich in den nächsten Jahren Rosemarie Nitribitt, die „Frankfurter Rundschau“ und die Mercedes-Niederlassung ansiedeln, gibt es noch nicht. Das Goethehaus, das gerade originalgetreu wiederaufgebaut wird, hat am 4. April 1949 Richtfest gefeiert und grüßt in seinen gekonnt wiederholten Fachwerkformen herüber. Thomas Mann besichtigt es am 26. Juli, dem Tag nach der Preisverleihung.
Zuvor aber hält er seine Rede, in der er davon spricht, „keine Zonen“ zu kennen: „Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem.“ Die wahre Heimat des „unabhängigen Schriftstellers“ sei ohnehin die „freie, von Besatzungen unberührte Sprache“. Ganz und ungeteilt ist für Mann auch Goethe, der alles zusammen denke: „Er nimmt das eine ins andere auf.“ Dass Mann das selbst auch ganz gut beherrscht, rückt ihn dezent in Goethes Nähe, aber das entspricht durchaus dem Gefühl eines großen Teils des zeitgenössischen Publikums – mag Goethe tot sein, Mann ist wieder da. So sieht es zumindest die Schulklasse, der er am nächsten Tag im Goethehaus begegnet und die sich Seiten aus den Schulheften reißt, um sich von ihm Autogramme geben zu lassen. Oder ihn gleich auf Postkarten mit Goethes Konterfei schreiben lässt.

Über Lautsprecher wird Manns Rede aus dem Kirchenrund auf den Paulsplatz übertragen, am 27. Juli wird sie in der „Frankfurter Neuen Presse“ und in der „Frankfurter Rundschau“ abgedruckt – die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommt erst am 1. November erstmals heraus. Die „Rundschau“ ruft dem wieder Abgereisten ein paar Wochen später Beleidigtes nach. Mann habe sich „seinem Vaterlande gegenüber pietätlos verhalten“, heißt es am 31. August.
Er hatte genau das geahnt, hatte es vorher gewusst. Seit man sich aus Frankfurt Anfang 1948 bei ihm erkundigt hat, ob er zur Hundertjahrfeier der Revolution von 1848 in der Paulskirche sprechen wolle, graust es ihm vor der Wiederbegegnung mit Deutschland. Erst recht, seit man ihn Ende 1948 aus der sowjetischen Besatzungszone mit Weimar, Goethes Zweihundertstem und dem eigens erfundenen Goethe-Nationalpreis lockt. Deutschland, das ihn nicht mehr haben wollte, existiert nun gleich zweimal und fragt doppelt an. „Es fällt mir schwer, mir anderes davon zu versprechen als Verwirrung, Pein, höchst unzuträgliche Erschütterung, dazu sehr geteilte Aufnahme“, schreibt er im Dezember 1948 an einen Freund. „Emigranten sind ja nicht gerne gesehen. Sie haben Deutschland nicht die Treue gehalten.“
Erika gibt Gustaf Gründgens eine Ohrfeige
Mehr als ein halbes Jahr lang hat ihm seitdem bevorgestanden, dass es nun wohl bald etwas werden muss mit ihm und dem Deutschlandbesuch. Als die Stadt Frankfurt ihm im Frühjahr 1949 ihren eigenen Goethepreis zuspricht, nimmt er an und weiß, dass ihm ein hochkomplizierter Auftritt bevorsteht, der noch trickreicher wird, als er, schon in Europa angekommen, auch für Weimar endgültig zusagt. Er scheint es nun wissen zu wollen. Und weiß, dass er gute Figur machen, Goethe gebührend ehren und etwas zu Exil und Deutschland sagen muss, das in Ost und West gleichermaßen funktioniert. Gute Miene wird er zu bösen Spielchen machen und seine eigene Position markieren müssen. „Gefühl, als ob es in den Krieg ginge“, notiert er am 23. Juli, dem Tag der Abfahrt Richtung Frankfurt, im Tagebuch.

Die Bundesrepublik ist da schon zwei Monate alt. Am 23. Mai ist das Grundgesetz verkündet worden. Klaus hat aus Cannes kurz vor seinem Tod und dem Gründungsakt des neuen Staatswesens noch gescherzt, man solle doch den Vater zum Bundespräsidenten wählen. Eine „schöne Familienpolitik“ ließe sich dann machen: „Ich würde dafür sorgen, dass nur Schwule gute Stellungen kriegen; der Verkauf des heilsamen Morphium wird freigegeben.“ Erika könne als „graue Eminenz in Godesberg“ amtieren, „während der Vater in Bonn mit dem russischen Gesandten Rheinwein schlürft“.
Der Vater ist derweil schon auf dem Weg zur Begegnung mit der sowjetischen Militäradministration. Am 27. Juli reist er von Frankfurt aus weiter Richtung Weimar, über den alten Wohnort München, Nürnberg und Bayreuth, wo er im Film Wolfgang und Wieland Wagner begegnet. Gefahren wird er in der bequemen Limousine des jungen Schweizer Freundes Georges Motschan, der die Manns bis nach Weimar chauffiert.
Motschan gegenüber hat Mann am Tag nach dem Festakt in der Paulskirche die Frage formuliert, die ihn ebenso umtreibt wie Erika: „Wie viel Blut wohl an all den Händen klebt, die ich heute habe drücken müssen?“ Motschan kutschiert ihn in einem eleganten schwarzen Buick Super Sedan, Pawlikowski hat seine Leute auch für den Film eine dieser langgestreckten Limousinen auftreiben lassen.
Pawlikowskis Paulskirche steht in Schlesien
Er lässt aber auch den Schauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff als Erikas Ex-Ehemann Gustaf Gründgens in Frankfurt vorbeischauen, wo er sich in einer Bar eine Ohrfeige Erikas einfängt. Pawlikowskis Erfindung ist nicht weit von Erikas Empfindungen zu dieser Zeit entfernt: Sie ist wütend darüber, dass der Gründgens-Roman „Mephisto“, den Klaus im Exil verfasst hat, nicht in der Bundesrepublik erscheinen kann, weil dem Verlag die Position von Gründgens bereits zu bedeutend ist.
Pawlikowski legt Gründgens zudem in den Mund, die Manns hätten sich von Deutschland feige abgewandt. Das und Ähnliches hatte Mann von den Schriftstellern der inneren Emigration vor seiner Reise auch in Wirklichkeit zu hören bekommen.

Gedreht hat Pawlikowski vor allem in Polen. Das zerstörte Frankfurt des Filmanfangs wurde im schlesischen Liegnitz aufgenommen, wo eine Straße im Stadtteil Kartause zur Vedute der zerstörten westdeutschen Großstadt umdekoriert wurde. Als Paulskirche dient die 1785 bis 1788 errichtete Erlöserkirche im 50 Kilometer entfernten Waldenburg. Mit dem säulengestützten Rund ihrer Emporen erinnert sie eher an die unzerstörte Paulskirche, in der die Nationalversammlung tagte, als an den nachkriegsrationalistischen Innenausbau der ausgebrannten Ruine, der heute so aussieht wie bei Manns Besuch.
Etwas aus Goethes Geburtsort aber enthält „Vaterland“ durchaus. Das Lied der Kinder, die Thomas Mann im Film über den Weg geschickt werden und sein Erscheinen auch in Wirklichkeit besangen, vor allem in Weimar, das die Schmeichel-Kulisse des beginnenden totalitären Staates auffuhr, wird vom Kinderchor der Oper Frankfurt gesungen.
„Akklamation durch spalierbildendes Publikum“, hatte Mann am 4. August über seine Frankfurter Paulskirchenrede vermerkt. Da hatte er das rettende Amsterdam erreicht und konnte im Tagebuch seine Beobachtungen zu knapp zwei Wochen Deutschlandaufenthalt nachtragen. Mit seinem Auftritt in Frankfurt ist er in diesem Augenblick zufrieden: „Der Aufenthalt, trotz spuckender Briefe und Artikel, zweifellos ein Erfolg.“
Auf der Rückreise aus Weimar über die Zonengrenze hatte es gewittert: „Rückfahrt bei Wetterkrise nach langer Hitze mit Sturm und Regen.“ Für ihn und Katia ging es direkt zurück in das Gästehaus der Stadt Frankfurt, wo zum Abschied noch einmal der Verleger Bermann Fischer vorbeischaut und nach einer letzten Übernachtung der Zug nach Amsterdam bestiegen wird. „Herzlicher Abschied von dem getreuen Motschan, dem Bürgermeister u. dem Stadtrat.“ Seine Bilanz: „Bin gesund geblieben. Habe schlecht und recht standgehalten.“
Einiges von der Mühe, die hinter diesem Standhalten steckt, zeigt „Vaterland“. Vor dem Filmstart am 3. September hat das Werk, das auch mit hessischen Filmfördermitteln gedreht wurde, Hessen-Premiere im Frankfurter Cinéma am Roßmarkt. Am 31. August sind dort von 18.30 Uhr an Hanns Zischler und der Drehbuch-Ko-Autor Henk Handloegten zu Gast. Nach der Vorführung gibt es ein Filmgespräch.
