Im Frühsommer des Jahres 500 nach Christus hielt der Gotenkönig seinen Einzug in Rom: nicht als Eroberer, sondern als legitimer Monarch. Offiziell kam Theoderich in die frühere Hauptstadt des Imperiums, um sein dreißigjähriges Thronjubiläum als Herrscher seines Volkes zu feiern, mit dem er im Jahr 489 nach Italien gezogen war. Mindestens ebenso wichtig aber war ein machtpolitisches Motiv: Er musste sich den Römern, die er nun seit sieben Jahren von Ravenna aus regierte, am Ursprungsort ihres einstigen Weltreichs zeigen, um seine Herrschaft endgültig zu befestigen. Am schönsten hat Ferdinand Gregorovius nach antiken Quellen das Schauspiel beschrieben: „Sein Einzug geschah mit kaiserlichen Ehren; römische Schmeichler begrüßten ihn wie einen anderen Trajan. Vor der Stadt empfingen ihn Senat und Volk und an der Spitze der Geistlichkeit der Papst. Der arianische König begab sich aus Rücksichten der Klugheit sofort nach der Basilika des St. Peter und verrichtete daselbst ‚mit großer Andacht und wie ein Katholik‘ sein Gebet am Apostelgrabe, dann erst zog er im Triumphgepränge über die Hadrianische Brücke in Rom ein. So zogen die germanischen Nachfolger Theoderichs, welche in später Zeit den Kaisertitel trugen, während des ganzen Mittelalters zuerst zum St. Peter, wenn sie in Rom erschienen … Er erklärte den Römern, dass er alle früheren Verordnungen der Kaiser aufrecht halten wolle; zum Zeugnis dessen sollten seine Verordnungen in eherne Tafeln eingegraben werden.“
Als Gotenkönig durfte er keine Gesetze erlassen
Die Passage aus dem ersten Buch der „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ von 1859 ist aus mehreren Gründen interessant. Sie dokumentiert nicht nur die Perspektive der frühen deutschen Nationalgeschichtsschreibung des neunzehnten Jahrhunderts, die in dem Germanen Theoderich einen Vorläufer der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches von Karl dem Großen bis Karl V. sah, sondern hält auch in wenigen Strichen die Widersprüche seiner Regierung fest. Denn Theoderich war eben kein Kaiser jenes römischen Westreichs, von dem seinerzeit nur noch der italienische Stiefel samt Sizilien und ein kleiner Teil des Balkans übrig geblieben waren, sondern nur ein gotischer König in Italien. Deshalb durfte er keine Gesetze, sondern nur Edikte erlassen, und selbst diese fielen, wenn er sich das Wohlwollen der überwiegenden Mehrheit seiner Untertanen erhalten wollte, spärlich aus; am klügsten war es, die kaiserlichen Verordnungen einfach zu bestätigen.
Und Theoderich war Arianer, also nach katholischen Maßstäben ein Ketzer. Er glaubte nicht an die Wesensgleichheit Christi mit Gott dem Vater, wie sie das Konzil von Nikäa im Jahr 325 festgeschrieben hatte, sondern nur an die Wesensähnlichkeit von Gott und Gottessohn, wie sie der Missionar Wulfila, der Schöpfer der gotischen Bibel, gelehrt hatte. In der religiösen Gemengelage des Jahres 500 war das kein größeres Problem, denn die katholische Christenheit war selbst in sich tief gespalten. Um die vor allem im Orient vorherrschenden Gegner der Zwei-Naturen-Lehre, die 451 bei einem weiteren Konzil in Chalkedon verkündet worden war, in den Schoß der Kirche zurückzuholen, hatte der Patriarch von Konstantinopel, ein Mann namens Akakios, im Auftrag des Kaisers eine Kompromissformel erlassen, die auf die Rückkehr zur vorchalkedonischen Orthodoxie hinauslief.
Der Papst in Rom aber lehnte diesen Kompromiss strikt ab: Akakios wurde von ihm exkommuniziert, die Kirchengemeinschaft mit Ostrom aufgekündigt. Dieses fast dreißigjährige „akakianische Schisma“ kam dem Gotenherrscher sehr gelegen, denn es ließ seine Religionspolitik, die das friedliche Nebeneinander von Arianern und Katholiken förderte, in vergleichsweise mildem Licht erscheinen.

Falls allerdings in Konstantinopel ein Kaiser die Macht übernähme, der sich von der Lehre des Akakios verabschiedete, käme Theoderichs Stellung gegenüber den Päpsten ins Rutschen – und genau das geschah unter der Regierung des Justin (518 bis 527). Etwas Ähnliches galt für das Verhältnis zum Kaisertum selbst, denn Zenon, der von 474 bis 491 regierte, hatte Theoderich und sein Gotenheer ausdrücklich nach Italien entsandt, um die Reichsprovinz von dem Usurpator Odoaker zurückzuerobern und sie „bis zur Rückkehr des Kaisers“ in seinem Namen zu regieren. Die Legitimität der Gotenherrschaft war also auf Zeit gestellt und konnte jederzeit widerrufen werden. Aber davon war in jenem Sommer des Jahres 500 wenig zu spüren, in dem Theoderich im alten Kaiserpalast auf dem Palatin residierte und sich über den Vandalismus der Römer wunderte, die ihren Bronzestatuen die Arme und Köpfe abschlugen, um sie einzuschmelzen, und die Eisenklammern aus den Mauern der Tempel zogen, um daraus Werkzeuge zu schmieden. „Er ernannte einen städtischen Architekten, der unter dem Praefectus Urbis stand, und übertrug ihm die Sorge um die Erhaltung der Monumente, während er in Betreff von Neubauten ihm befahl, den Stil der Alten fleißig zu studieren und von ihren Mustern nicht barbarisch abzuweichen“ (Gregorovius). Es war die erste und letzte Denkmalschutzverordnung, die ein Gote in Rom erließ, und sie hat den Blick der Nachwelt auf Theoderich entscheidend geprägt.
Immer wieder muss er gegen die Plünderung der Gebäude einschreiten
Theoderich der Große – der Namenszusatz wird fast nur im Deutschen gebraucht – steht auf der Schwelle zwischen zwei Zeitaltern. Als er vermutlich 453 geboren wird, ist die Welt rings um das Mittelmeer, wenn auch vielfach erschüttert und traumatisiert, noch ganz von der Antike geprägt. Es ist das Todesjahr des Hunnenkönigs Attila, der die Stämme der Ostgoten in seinen Gewaltverband integriert hat, und das vorletzte Lebensjahr des weströmischen Heermeisters Aëtius, der die Hunnen und ihre Bundesgenossen auf den Katalaunischen Feldern besiegt hat und 454 von seinem eigenen Kaiser Valentinian III. ermordet wird. Als Theoderich am 30. August 526 in Ravenna stirbt, sind die Vorzeichen eines Epochenbruchs indessen unübersehbar. Die Städtekultur des römischen Westens welkt dahin, die Foren leeren sich, Ratsversammlungen finden kaum mehr statt. Immer wieder muss der Gotenkönig gegen die Plünderung öffentlicher Gebäude einschreiten, denn das Bauwesen ist flächendeckend zur Zweitverwertung degeneriert.
Als das Reich der Goten knapp zwei Jahrzehnte nach Theoderichs Tod untergeht, hat die Selbstzerstörung der Antike ihren Kipppunkt überschritten. Die italienische Bevölkerung ist durch den jahrelangen Abnutzungskrieg zwischen gotischen und oströmischen Heeren und die daraus folgenden Hungersnöte und Seuchen um zwei Fünftel geschrumpft, in der einstigen Millionenstadt Rom leben nach drei grausamen Belagerungen nur noch wenige Tausend Menschen. In den Ruinen der städtischen Großbauten nisten sich hölzerne Behausungen ein, auf dem Land treiben Räuberbanden ihr Unwesen, die Villen der Gutsbesitzer verwandeln sich in Festungen oder werden aufgegeben. Die Invasion der Langobarden von 568 an schließlich reißt das schutzlose Land in zwei Teile; in dem einen herrschen langobardische Kriegsunternehmer, in dem anderen, kleineren römische Päpste und Kleinfürsten unter der nominellen Oberherrschaft Konstantinopels.
Sein Reich ist der letzte Akt im historischen Drama der Spätantike
Vom lateinischen Bildungsideal, das noch der ungebildete Theoderich verteidigt hat, bleibt in dieser instabilen Welt bloß noch der „stilus humilis“, der „demütige Stil“ des großen Papstes Gregor, der jede Kunstfertigkeit des Ausdrucks verwirft und nur die intellektuelle Ergebung in Gott gelten lässt. Das Frühmittelalter erscheint am Horizont, nur die Oströmer, deren Staatsgebiet sich durch die Rückeroberungen Justinians (527 bis 565) noch einmal bis an den Atlantik ausgedehnt hat, haben es noch nicht gemerkt. Erst die von 570 an einsetzende Slawenwanderung auf dem Balkan, der Vernichtungskrieg gegen den iranischen Großkönig und der Siegeszug des Islams nach dem Tod Mohammeds werden ihr Reich zu einer Mittelmacht schrumpfen lassen, die sich im siebten Jahrhundert mit Mühe gegen den Ansturm von Persern, Awaren und Arabern behauptet.
Im historischen Drama der Spätantike, das dieser Transformationszeit voraufgeht, bildet Theoderichs Ostgotenreich im Westen den letzten Akt. Als er mit 20.000 Kriegern und einem viermal größeren Tross in Italien einmarschiert, ist der Frankenkönig Chlodwig gerade dabei, seine Alleinherrschaft im nördlichen Gallien zu sichern. Zwischen Alpen und Rhone siedeln die Burgunder, und zwischen der Loire und den Pyrenäen liegt seit drei Generationen das Reich der Westgoten, die ihren Einflussbereich allmählich auf die Iberische Halbinsel ausdehnen. An der Gegenküste des Mittelmeers, im heutigen Tunesien und Algerien, sitzen seit etwa 430 die Vandalen. Theoderich ist der letzte der germanischen Reichsgründer, aber ihm fällt die kostbarste Beute zu. Denn nur Italien trägt am Ende des fünften Jahrhunderts noch halbwegs römisches Gepräge. Hier haben die Mitglieder des römischen Senats, der immer noch, wenngleich ohne reale Macht, im Kuriengebäude auf dem Forum tagt, ihre Latifundien, hier ist die Städtedichte größer als irgendwo sonst, hier kreuzen sich die Handelswege zwischen Ost und West.

Und hier geht Theoderich in die Offensive. Zuvor hat er 15 Jahre lang mit seinem wandernden Kriegerverband den südlichen Balkan durchstreift, stets auf der Suche nach neuen Siedlungsräumen und einer Pfründe als Heermeister, die seinen Kämpfern ein festes Einkommen gesichert hätte. Aber die Kaiser Ostroms, die sie ihm hätten gewähren können, sind keine verlässlichen Partner: Zwischen Markian (450 bis 457) und Zenon stammen sämtliche Reichsoberhäupter aus dem Militär, keinem gelingt es, eine Dynastie zu gründen. Zudem hat Theoderich einen innergotischen Konkurrenten in Gestalt eines Namensvetters, der eine andere migrierende Truppe befehligte und dem Kaiserhof näher steht. Erst nach dem Tod dieses Theoderich Strabo („Schieler“) wird Theoderich zum König aller Ostgoten. Nun befehligt er eine Heeresmasse, die zum politischen Machtfaktor werden kann. Zenon, dessen Herrschaft auf schwachen Füßen steht, macht ihn zum Konsul, kann aber die Landansprüche der Goten nicht befriedigen.
Der Kaiser löst das Problem, indem er Theoderich nach Italien schickt. Dort hat der letzte weströmische Heermeister Odoaker im Jahr 476 den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus in Zwangsrente geschickt. Der letzte Anwärter auf die Thronfolge ist 480 im Exil gestorben, das Kaisertum liegt nun allein in Byzanz. Indem er die Goten gegen Odoaker aufstellt, kann Zenon im Erfolgsfall eine abtrünnige Kernprovinz wenigstens formell ins Reich zurückholen. Scheitert Theoderich, wird der Kaiser einen mächtigen und unberechenbaren Störenfried los.
Nord- und Mittelitalien werden zum Siedlungsgebiet der Goten
Doch Theoderich siegt. Nach mehreren blutigen Schlachten und einer zweijährigen Belagerung gelingt es ihm, Odoaker in der uneinnehmbaren Festung Ravenna auszuhungern. Seine Regentschaft beginnt mit einem Mord: Im März 493 streckt er den feindlichen Anführer, mit dem er vertraglich die Machtteilung vereinbart hat, bei einem Festgelage mit einem Schwertstreich nieder, angeblich, um ermordete Verwandte zu rächen. Aber schon kurz darauf beginnt er, die von Odoaker geschaffenen Herrschaftsstrukturen zu übernehmen. Das gilt vor allem für die Landverteilung. Odoaker hat 476 ein Drittel des Grundbesitzes für sich und seine Soldaten abgezweigt. Theoderich hält es genauso, nur dass er jetzt auf die Güter von Odoakers toten oder vertriebenen Anhängern zugreifen kann und kaum römisches Eigentum zusätzlich konfiszieren muss. Nord- und Mittelitalien werden zu gotischem Siedlungsgebiet. Südlich von Rom dagegen leben nur wenige Goten, nur in strategisch wichtigen Städten wie Neapel, Reggio und Syrakus gibt es gotische Garnisonen.
Die zweite wichtige Maßnahme betrifft die Verwaltung. Theoderich arrangiert sich mit der römischen Führungsschicht, indem er die Zivilstellen an seinem Hof und in den Provinzen für sie reserviert. Das gilt für die Prätoriumspräfektur, die oberste Beamtenstelle des Reiches, die verdienten Senatsmitgliedern vorbehalten bleibt, ebenso wie für den magister officiorum, den Chef der Hofkanzlei, und den comes sacrarum largitionum, dem die Staatsfinanzen unterstehen. Andererseits bleibt der Heeresdienst den Goten vorbehalten. Römern ist das Waffentragen ausdrücklich verboten. Um Streitigkeiten unter Goten und zwischen Goten und Römern zu schlichten, erfindet Theoderich ein eigenes Amt, den comes gothorum, was mit „Gotengraf“ nur sehr unzureichend übersetzt ist.
Die Aufgabenteilung bietet den Römern militärischen Schutz
So entsteht ein Nebeneinander zweier sehr verschiedener Bevölkerungsgruppen, die sich im Alltag immer von Neuem miteinander arrangieren müssen. Theoderichs Biograph Hans-Ulrich Wiemer spricht von „Integration durch Segregation“. Für die Römer bedeutet die Aufgabenteilung, dass sie unter gotischem Schutz ihren Geschäften nachgehen können, für die Goten, dass sie von einem mobilen Verband mit wechselnden Mitgliedern zu einem stehenden Heer mit gemeinsamer Identität werden. Gote ist jetzt, wer als Soldat oder Angehöriger zu Theoderichs Militärapparat gehört.
Der bekannteste Gewährsmann für die Integrationspolitik Theoderichs ist der Römer Cassiodor. Aus einer verdienten Senatorenfamilie stammend – sein Großvater war Sekretär Valentinians III. –, dient er dem Gotenkönig zunächst als quaestor sacri palatii, eine Art Justizminister, dem die Formulierung sämtlicher königlicher Erlasse obliegt, und später als magister officiorum. Unter Theoderichs Nachfolgern amtiert er vier Jahre lang als Prätoriumspräfekt, bevor er in den Wirren des Gotenkriegs ins Exil nach Konstantinopel geht. Nach seiner Rückkehr und dem Untergang des Gotenreichs gründet er auf den Gütern seiner Familie bei Squillace in Kalabrien das Kloster Vivarium, dessen Schreibstube zu einem zentralen Ort für die Bewahrung des antiken Kulturerbes wird, und stirbt dort um 580 mit über 90 Jahren.

Noch unter gotischer Herrschaft hat Cassiodor zuvor seine „Variae“ veröffentlicht, eine Sammlung von fast 500 Briefen, Musterformularen und königlichen Edikten, die er allesamt selbst formuliert hat. Verfasst in jenem blumigen Kanzleistil, der für die Spätantike typisch ist – die Bitte eines Senators um eine Einladung an den Hof in Ravenna etwa gewährt der König, „damit du durch die Süße unserer Gegenwart gefangen wirst“ –, bilden sie die wichtigste Quelle für den Alltag von Theoderichs Herrschaft. Sie handeln von Streitigkeiten zwischen Goten und Römern, verweigerten Steuerzahlungen, geraubten Statuen und diplomatischen Verwicklungen. Vor allem aber zeugen sie vom reibungslosen Funktionieren eines Regierungsapparats, der auf strikter Zweiteilung zwischen militärischen, also gotischen, und zivilrömischen Belangen basierte.
Diese Zweiteilung wurde, fast gegen Theoderichs Willen, zum Motor der gotisch-römischen Integration. Nach wenigen Jahren tauchen römische Namen unter den Heerführern Theoderichs auf; Goten erhalten Beamtenstellen an seinem Hof. Seine eigene Tochter Amalasuntha eignet sich lateinische Bildung an, die sie an ihren Sohn, den späteren Kindkönig Athanarich, weitergibt; sein Neffe Theodahad, auch er später für kurze Zeit König, führt das Luxusleben eines Großgrundbesitzers in der Toskana. Die Segregation hört nicht auf, aber ihre Konturen werden weicher, ein Prozess der Völkerverschmelzung deutet sich an.
Sein Bündnissystem wird von der oströmischen Diplomatie zerstört
Aber in diesem innenpolitischen Erfolg liegen auch die Wurzeln von Theoderichs historischem Scheitern. Die Kaiser in Konstantinopel hatten nie die Absicht, ein Gotenreich in Italien dauerhaft zu installieren; je länger es sich dort hält, desto mehr wird es zu ihrem Gegner. Das zeigt sich als Erstes in der Außenpolitik. Schon kurz nach seiner Machtübernahme hat Theoderich die Schwester des fränkischen Königs Chlodwig geheiratet und seine Töchter Thiudigotho und Ostrogotho mit dem König der Westgoten und dem burgundischen Thronfolger vermählt. Dennoch kann er nicht verhindern, dass Chlodwig im Jahr 507 einen Krieg entfacht, in dem das Westgotenreich von Toulouse untergeht. Der Vandalenkönig Thrasamund, Ehemann von Theoderichs Schwester Amalafrida, greift nicht ein, als eine oströmische Flotte die italienische Adriaküste verwüstet; sein Nachfolger Hilderich lässt Amalafrida umbringen. Theoderichs Bündnissystem zerbricht binnen kurzer Zeit an der Rivalität zwischen den anderen germanischen Königreichen, die von der oströmischen Diplomatie gezielt geschürt wird. Selbst der Pufferstaat Burgund, den er zur Absicherung gegen die aggressiven Franken braucht, geht ihm 523 von der Fahne. Noch vor Theoderichs Tod konvertieren fast alle Germanenreiche zum Katholizismus, die arianischen Goten Italiens und Spaniens stehen innerhalb der christlichen Ökumene allein da.

Zur religiösen Isolierung, die sich nach dem Ende des akakianischen Schismas unter dem neuen Kaiser Justin verschärft, kommt die Krise der Legitimität. In seiner diplomatischen Korrespondenz bezeichnet Theoderich die Reiche von Konstantinopel und Ravenna stets als zwei Teile eines politischen Ganzen („utraque res publicae“), aber in der politischen Praxis ist er vom Wohlwollen Konstantinopels abhängig. Sein designierter Nachfolger Eutharich, den er eigens aus Spanien kommen lässt, wird von Justin akzeptiert und zum Mitkonsul gemacht, stirbt aber nach kurzer Zeit; seinem unmündigen Enkel Athanarich, dem er auf dem Totenbett den Thron vermacht, wird der Kaiser dagegen die Anerkennung verweigern. Um wenigstens religionspolitisch voranzukommen, schickt Theoderich Papst Johannes I. im Jahr 525 nach Konstantinopel, um dort die Aufhebung von Sanktionen Ostroms gegen die Arianer zu erwirken. Die Mission geht jedoch schief, der Papst wird zwar mit großen Ehren empfangen, kehrt aber mit leeren Händen zurück. Der erzürnte Theoderich lässt Johannes einkerkern, der greise Papst stirbt an den Folgen der Inhaftierung. Fortan gilt der Gotenkönig bei den Katholiken als Christenverfolger.
Auf dem Versöhner liegt der Makel der Tyrannei
Etwa zur gleichen Zeit ereignet sich ein Prozess, der Theoderichs postumes Ansehen nachhaltig getrübt hat. Ein Senator namens Albinus wird angeklagt, konspirative Briefe mit dem Kaiserhof gewechselt zu haben. Sein Kollege Boethius, Spross eines ehrwürdigen Senatorengeschlechts und Autor philosophischer Lehrschriften, verbürgt sich für ihn und kommt ebenfalls auf die Anklagebank. In dem Verfahren sitzen Römer über Römer zu Gericht, doch der König lenkt den Urteilsspruch. Er lautet auf Tod. Im Frühsommer 526 wird Boethius hingerichtet. Zuvor aber hat er in der Haft sein Hauptwerk verfasst, den „Trost der Philosophie“, in dem er das Menschenbild des Neuplatonismus in christliche Begriffe übersetzt. Im ganzen Mittelalter gehört der „Trost“ zum Lektürekanon der Klöster und Universitäten, inklusive des Prologs, in dem sich Boethius gegen die ungerechten Anschuldigungen der königlichen Berater verwahrt. Auf dem Versöhnungsfürsten Theoderich, der dem von Überfällen und Bürgerkriegen gebeutelten Italien eine mehr als dreißigjährige Periode des Friedens bescherte, liegt seither der Makel der Tyrannei.
Entsprechend gespalten sind schon die Urteile der Zeitgenossen. Während der oströmische Historiker Prokop ihm bescheinigt, er sei nur „dem Namen nach ein Usurpator, in Wirklichkeit jedoch ein echter Kaiser“ gewesen, erzählt Gregor der Große eine Legende, nach der die Seele Theoderichs von den Geistern des Johannes und des Symmachus, eines gleichfalls hingerichteten Senators, in einen Höllenkrater auf der Insel Lipari gestürzt wurde. Gregorovius macht ihn zum Vorläufer Karls des Großen, weil er als Erstes versucht habe, „auf den Trümmern des Reichs jene neue Weltordnung einzurichten, welche sich allmählich aus der Verbindung der nordischen Barbaren mit der römischen Kultur und Nationalität ergeben musste“. Mischa Meier, der Autor des neuesten Standardwerks über die Zeit der Völkerwanderung, spricht dagegen von „einer Reichsbildung, die sich, vom Ende her betrachtet, strukturell selbst zerfressen“ habe. Wenn man bedenkt, dass die oströmische Großmacht 17 Jahre brauchte, um das Gotenreich zu zerschlagen, wirkt diese Feststellung allzu pauschal. Aber den Widerspruch zwischen seinem Auftrag, für den Kaiser einen Reichsteil zurückzuerobern, und der Begründung eines eigenen Königtums hat Theoderich zeitlebens nicht auflösen können. Seine Nachfolger wurden von ihm zerrissen.
In der Märchengestalt des Dietrich von Bern hat die Erinnerung an Theoderich die dunklen Jahrhunderte nach dem Ende der Antike überlebt. Zwar sind die Gemeinsamkeiten zwischen dem Helden der Volkssage, der aus seiner Heimat Bern (Verona) vertrieben wird, am Hof Attilas Aufnahme findet und in der Rabenschlacht – bei Ravenna – um sein Königtum kämpft, bestenfalls marginal. Aber in einzelnen Momenten blitzt ein Schimmer historischer Überlieferung auf. Etwa im Schlusskapitel der Sage, in dem Dietrich nach seiner letzten gewonnenen Schlacht gen Süden zieht: „… und in Romaburg selbst empfing er die Kaiserkrone.“ Da blicken wir, wenn auch perspektivisch verzerrt, zurück ins Rom des Jahres 500. In eine Endzeit, die zu schnell verging.
