
Wer Wildvögel in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet, weiß, dass Geduld und Stille unerlässlich sind. Der englische Lyriker R. S. Thomas wusste es. Als passionierter Birdwatcher hatte er gelernt, beharrlich zu warten. So sehen wir ihn mit weiteren Vogelliebhabern auf der Pirsch: Alle haben „den Atem angehalten, die Blicke gezielt“ auf das ersehnte Naturwunder gerichtet. Doch vergeblich, nichts passiert, kein Vogel in Sicht. Angesagt wäre, entweder den Beobachtungsposten aufzugeben oder weiter auszuharren. Doch das bleibt offen, da Thomas vom Erzählmodus in den Reflexionsmodus wechselt: Hatte nicht stets der Garten, „so verlockend wie immer“, beglückende Momente der Beobachtung ermöglicht, für Mensch und Tier – oder war alles ganz anders gewesen? Zumindest der Titel ist dezidiert und klar: „Der Kolibri kam nie“.
Damit entsteht ein unlösbares Paradox: Warum liegt er dann auf der Lauer, warum erzählt er davon, wenn das Zielobjekt bisher nie gekommen ist und aller Wahrscheinlichkeit nach auch jetzt nicht erscheinen wird? Eine vage Antwort, nicht Lösung, findet sich in den Schlusszeilen des Gedichtes. Unbeirrt, nüchtern und kühl spekuliert Thomas weiter, stellt seltsame Fragen. Deren erste wäre nachvollziehbar, wem der „Mangel an Nektar“ anzulasten sei: der fehlenden Flora des „Gartens“, nicht jedoch die zweite. Schwingt schon in der ersten – „Mangel an Nektar“ – der Vorwurf mit, dass der Mensch seinen Garten nicht artgerecht bestellt habe, er also seiner Aufgabe – Bewahrung der Natur – nicht nachgekommen sei, da allein Nektar das Kommen wie auch das Überleben eines Kolibris garantiert. Der Fingerzeig auf „uns“ – Dichter wie Leser – sagt eindeutig: Allein „uns“ sind Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Natur, zerstörende Industrialisierung und geldgieriger Materialismus zur Last zu legen.
Nur noch Staub, wo es Pollen und Nektar geben sollte
Die zweite Frage zur Ursachenforschung kulminiert im Zeilensprung zur zweiten Strophe, in den beiden Worten: „Gott auch?“, mit denen er den Weltenschöpfer miteinbezieht, um fortzufahren: „Zögert er aus dem gleichen Grund?“, und: Toleriert auch er „des Verstandes ausgetrocknete Wabe“, akzeptiert auch er den puren „Staub, wo es Pollen geben sollte“? Kevin Perryman hat hier „sourness“ mit „Herbheit“ übersetzt. Schlüssiger wäre deren eigentliche Bedeutung: „Säure“, „Säuerlichkeit“, welche die Situation dramatisch zuspitzt im Sinne von: beraubt der paradiesischen „Süße“. Ist er „sauer“ wie wir?
Die irritierenden Wortfetzen und Gedankensprünge sind typisch für das poetische Denken dieses Dichters. Er löst Dissonanzen nicht auf; „die Scheinlogik von Kausal- oder Finalkonjunktionen“ ist ihm fremd – was die Übersetzung meist wortgenau wiedergibt. Er riskiert Leerstellen, Widersprüche, Ungesagtes, überlässt es dem Leser, die Bruchstellen spärlich zu kitten. Fast aggressiv sein Appell, die Ursachen für Umweltzerstörung und Sinnverlust „in uns“ zu sehen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Doch Thomas allein als Umweltschützer, Friedensaktivist oder Verfechter des walisischen Nationalismus zu sehen, greift zu kurz. Er bleibt ein Sinnsuchender – selbst dann, wenn er keinen findet, wie auch in diesem Gedicht, in dem er die Abwesenheit Gottes (den Deus absconditus) beklagt, der unsere Gebete ungehört verhallen lässt. Dennoch verstummt der Suchende nicht.
Das ist begründet durch seine vierzigjährige pastorale Arbeit, die das Verhältnis Mensch-Gott im Blick behält, was seine Vita bestätigt: Nach dem Studium der Theologie und Altphilologie wurde Thomas, der 1913 in Cardiff geboren wurde, im Jahr 1936 zum anglikanischen Priester geweiht. Er lernte Walisisch und wurde zum Verfechter des walisischen Nationalismus, was seine Akzeptanz im britischen Königreich minderte und ihn womöglich sogar den Literaturnobelpreis kostete, für den er 1995/96 im Gespräch war.
Die religiöse Prägung erklärt nicht nur die vielen Varianten des Wartens, sondern auch die Einschätzung, Thomas sei „wichtigster metaphysical poet seiner Muttersprache und Generation“ (Richard Exner). So enthält auch dieses Gedicht – trotz gescheiterter Vogelschau und nüchternen Umweltappells – sinntragende Elemente: den blühenden Garten als Relikt des biblischen Edens, den Paradiesvogel, der zwar „nie“ kam, aber doch von einem magischen Regenbogen umhüllt ist, mit dem er „über uns“ Menschen, deren „Köpfe hängen“, entgegentritt. Wird der Ruf „Komm, Herr“ erhört?
Ronald Stuart Thomas: „Der Kolibri kam nie“ (1997)
Wir warteten,
den Atem angehalten, die Blicke gezielt,
der Garten so verlockend
wie immer. Gab es einen Mangel
an Nektar in uns?
Gott auch? Wir
warten. Zögert
er aus dem gleichen
Grund? Herbheit,
des Verstandes
ausgetrocknete Wabe? Staub,
wo es Pollen geben
sollte? Komm, Herr;
auch wenn unsere Köpfe hängen,
steht des Vogels Regenbogen über uns.
Aus dem Englischen übersetzt von Kevin Perryman
Ronald Stuart Thomas: „Laubbaum Sprache“. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Kevin Perryman. Babel Verlag, Denklingen 1998. Vergriffen.
Ute Jung-Kaiser hat zuletzt herausgegeben: „Der ‚Freudenschrei‘ des Franziskus: Zur geistlichen, menschlichen und ästhetischen Faszination des Poverello aus Assisi“. Georg Olms Verlag, Baden-Baden 2026. 344 S., br., 69,– €.
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber
