Es ist einer dieser besonders heißen Hochsommertage, an denen man dankbar ist für etwas Schatten. Kinder in weißen T-Shirts füllen den asphaltierten Platz vor der SAP-Arena am Stadtrand von Mannheim. Schon Stunden vor dem Konzert treffen die ersten Gruppen ein, und es werden immer mehr. Zu Hunderten, Tausenden strömen sie zur Halle. Auf ihren T-Shirts steht „Wir sind Team Liebe. 6K united 2026“.
6K, das steht für sechsmal Tausend. 6000 Kinder bilden an diesem Sommertag einen riesigen Chor. Wochen-, monatelang haben sie für diesen Abend geprobt. Sie haben Melodien geübt, Texte auswendig gelernt und die Choreographie einstudiert. Alles für diesen Moment, alles für den großen Auftritt, alles für heute Abend.
Am Empfangszelt vor der Halle melden sich die Gruppen an, dann geht es hinein in die gekühlte Arena. Vor allem Grundschulklassen sind gekommen. Sie sind aus dem ganzen Südwesten Deutschlands angereist, von Mittelhessen bis Freiburg. Auch aus Frankfurt: Die Metropolitan School hat eine Schulklasse geschickt. Und die Frankfurter Spatzen sind auch dabei.
„Die Mucke ist laut, und die Message ist Love.“
Um 16 Uhr, drei Stunden vor dem Konzert, beginnt die Generalprobe. Die Chöre füllen die Halle nur zur Hälfte. Der Rest der Arena ist noch leer, denn die Zuhörer werden erst nach der Generalprobe reingelassen. Aber schon jetzt wird deutlich, welche Wucht es hat, wenn sechstausend Kinder zu einem mitreißenden Beat ausflippen, synchron die Arme bewegen und aus vollem Hals im Sprechgesang rufen: „Jetzt sind wir endlich wieder da. Ah! Sechs zu dem K! Die Mucke ist laut, und die Message ist Love. 6K – endlich wieder da. Team Liebe ist am Start!“ Wer da keine Gänsehaut bekommt, ist ganz schön abgehärtet.

Auftritt Fabian Sennholz. Anfang vierzig, Strubbelfrisur, graue Weste über dem weißen T-Shirt. Die Kinder kreischen, als er die Bühne betritt. Er winkt ab: „Ihr seid die Stars, nicht ich.“ Sie kennen ihn aus dem virtuellen Proberaum. Auf der Internetseite von 6K United präsentieren Sennholz und zwei Sängerinnen in kurzen Lernvideos die Lieder, zum Mitsingen und Nachtanzen. Wochenlang haben die Kinder die Texte und Bewegungen einstudiert. Die Frankfurter Spatzen haben sogar extra ein Probenwochenende mit Übernachtung eingelegt.
Sennholz ist das Gesicht von 6K United. Er hat sich das Projekt vor neun Jahren ausgedacht, nach dem Vorbild von „Young Voices“ in England. So wie dort wollte Sennholz auch in Deutschland möglichst viele Kinder zu einem großen Chor und einer noch viel größeren Show zusammenbringen. „Größer kann es nicht sein, als dort zu stehen, wo die großen Stars auftreten“, sagt er.
„Je größer der Chor, desto einheitlicher das Klangbild“
6K United richtet sich an Zweit- bis Siebtklässler. Sie sollen erfahren: Jeder kann singen und künstlerisch in Erscheinung treten. Die Menge macht den Unterschied. Bei dieser Größe fällt es kaum auf, wenn nicht jede Bewegung sitzt oder jemand mal stimmlich daneben liegt. „Je größer der Chor ist, umso einheitlicher wird das Klangbild“, sagt Sennholz.
Er hat Musik auf Lehramt studiert, mit dem Schwerpunkt auf Pop- und Jazzchorleitung. Inzwischen bildet Sennholz selbst angehende Musikpädagogen an der Musikhochschule Frankfurt aus. Er hat sich mit vielen verschiedenen Stilrichtungen beschäftigt. Jazz, Klassik, Kirchenmusik. Über das Studium ist er mehr und mehr in die Popmusik „reingewachsen“, wie er sagt, leitete als Pianist und Musical Director von 2010 bis 2022 die Band des Deutschpop-Sängers Tim Bendzko.

Im Programm von 6K United mischen Sennholz und seine Mitstreiter ganz unterschiedliche Stile und Musikrichtungen. Das Gerüst bilden aktuelle deutsche Popsongs, die cool genug sind, dass selbst zwölfjährige Jungen mitmachen. „Es ist wichtig, die Jungs zu kriegen. Deshalb haben wir immer auch Hip-Hop-Songs dabei“, sagt der Chorleiter. Als Beispiel nennt Sennholz den selbst komponierten Song „Wir sind united“: „Der hat Peter-Fox-Vibes.“ Aber auch die „Ode an die Freude“ gehört in diesem Jahr zum Repertoire. „Wow, ihr seid ein richtiger Opernchor“, ruft er den Schülern bei der Generalprobe zu.
Von Jahr zu Jahr ändern sich bei 6K United Programm, Motto und Arrangement. „Das erste Kriterium für mich ist der Text“, sagt Sennholz. Die Songs müssen zum jeweiligen Motto und zur Lebenswelt der Schüler passen. „Damit die Kinder auch Bock haben, die Songs zu singen.“ In diesem Jahr steht das Konzert unter der Überschrift „Wir sind Team Liebe“. Den Auftakt macht eine eingängige Hip-Hop-Nummer. Dann folgen zwei deutsche Popsongs: „Mehr davon“ von Lotte und „Blumen und Beton“ aus dem Soundtrack des Films „Schule der magischen Tiere“.
„Damit pustet ihr das Publikum weg!“
Sennholz ist wichtig: „Wir machen kein Kinderkonzert. Es sind Lieder für ein erwachsenes Publikum, die kindgerecht aufbereitet sind.“ Er hat die Songs entsprechend arrangiert und will erreichen, dass die Kinder über den eigenen musikalischen Tellerrand hinausschauen. „Deshalb ist auch immer ein deutsches Volkslied dabei.“ Dieses Jahr ist es „Du, du liegst mir am Herzen“. Außerdem stehen zwei Folklorelieder aus anderen Kulturen auf dem Programm. Zum dänischen „En yndig og frydefuld sommertid“ laufen Kinder mit leuchtenden Schmetterlingsflügeln durch die abgedunkelte Halle, wie kleine Nachtfalter. Später folgen eine fetzige Blues-Nummer und John Lennons „Imagine“.
„Man muss die Kinder damit abholen, worauf sie Bock haben. Aber es ist wichtig, dass sie sich nicht nur mit dem beschäftigen, was sie sowieso schon kennen. Es gibt so viel gute Musik, die außerhalb dessen liegt“, sagt Sennholz. Und auch, wenn das Proben der Volkslieder manchmal schwerfalle, stelle sich spätestens in der Arena ein „erhabener Moment“ ein, der die Kinder berühre. Feuerwerksfontänen und andere Show-Effekte tragen dazu bei. „Bei den Volksliedern ist es ganz zauberhaft“, sagt Sennholz. „Häufig sind das die Lieder, mit denen die Kinder dann singend die Halle verlassen.“

Zurück zur Generalprobe. Die Kinder strecken sich und hecheln wie ein Bernhardiner, um das Zwerchfell zu aktivieren. Ein paar Verhaltensregeln gibt der Chorleiter den Schülern noch mit auf den Weg: „Wir applaudieren uns nicht selbst!“ Und: „Nicht reinrufen, einfach voll dabei sein!“ Bei einem Lied ist Sennholz mit dem Ende noch nicht zufrieden. Nach dem Schlussakkord von „Blumen und Beton“ sollen die Kinder wie eingefroren dastehen. „Freeze!“, ruft Sennholz ein ums andere Mal. Dann klappt es endlich, und er verspricht: „Damit pustet ihr das Publikum weg.“
Ein Sommergewitter aus Plopp-Geräuschen.
19 Uhr. Jetzt sind auch die Zuhörer auf ihren Plätzen. Eltern, Geschwister, Großeltern und Freunde füllen die zweite Hälfte der Halle. Das Licht im Saal wird dunkel, das Konzert beginnt. Eine Uhr tickt. Erst langsam, dann immer schneller. Schließlich entlädt sich die Spannung: „Jetzt sind wir endlich wieder da. Ah! Sechs zu dem K!“ Wie geprobt, nur mit noch mehr Wucht und Energie.
Es ist eine gewaltige Show, bis ins Detail durchchoreographiert. Eine achtzehnköpfige Band auf der Bühne spielt die Songs live. Streicher, Keyboards, mehrere Bläser, Schlagzeug, Gitarren, Bass, alles dabei. Links und rechts von der Hauptbühne stehen Sängerinnen auf kleinen Nebenbühnen und machen die Bewegungen mit, gut sichtbar für die Schüler. Scheinwerfer tauchen die Halle in Konzertatmosphäre. Hinzu kommen sechstausend Leuchtarmbänder, die an den Handgelenken der Kinder für farbige Effekte sorgen.

Es ist verblüffend, was man mit dem menschlichen Körper alles machen kann. Als Intro vor dem dänischen Folklorelied ahmen die Kinder ein Sommergewitter nach. Wenn 6000 Münder Ploppgeräusche machen, klingt das tatsächlich wie Regentropfen. Fingerschnipsen und Händereiben verstärken den Effekt. Und wenn die Kinder – zeitlich versetzt – in die Luft springen und wieder auf dem Boden aufkommen, kracht tatsächlich ein Donner durch die Halle. Ein Junge im Publikum sagt: „Papa, es regnet.“ Doch das stimmt nur im Saal. Draußen scheint die Sonne.
Was 2018 klein mit den ersten Auftritten begann, ist inzwischen eine riesige Maschine. 6K-Konzerte gibt es in fünf Großstädten: In Mannheim, Hamburg, München, Berlin und Düsseldorf werden jeweils mehrere Konzerte hintereinander gegeben. Einen Monat lang ist das Team auf Tour und spielt 18 Shows. Mit sechs Lastwagen, vier Nightliner-Bussen und 70 Personen fahren sie durch Deutschland.
Hauptsponsor ist Nivea
In Mannheim hat 6K United die Arena für eine Woche gebucht. Es werden fünf Shows am Stück gespielt, für 30.000 Kinder. In ganz Deutschland nehmen mehr als 1500 Chöre und Schulen teil, mit insgesamt mehr als 100.000 Kindern. Jedes Jahr gibt es ein neues Programm, eine neue Show, ein neues Arrangement. „Unser Ziel ist, dass jedes Kind in Deutschland die Möglichkeit erhält, so eine Erfahrung zu machen“, sagt Sennholz. Werbung ist dafür nicht nötig. Das Projekt verbreitet sich auch so von Schule zu Schule. Für 2027 sind schon jetzt die ersten Shows ausgebucht.
Wenn die Hälfte der Arena aus dem Chor besteht und die andere Hälfte aus dem Publikum, funktioniert das nicht nur klanglich gut, sondern auch finanziell. Über die Eintrittsgelder des Publikums finanziert sich das Projekt. Die Ticketpreise haben es dabei in sich. In Mannheim sind die günstigsten Karten für 25 Euro schnell ausverkauft, in den höheren Preiskategorien zahlt man 60 Euro und mehr. „Aber wir arbeiten an einer Ticketförderung für sozial benachteiligte Familien“, sagt die Pressesprecherin von 6K United.
Die mitwirkenden Kinder zahlen dafür keinen Beitrag. Es wird pro Chor nur eine überschaubare Anmeldegebühr fällig, die auch das Unterrichtsmaterial und die Workshops für die Lehrkräfte umfasst. Auf Fördergelder ist das Projekt nicht angewiesen. Die „6K united! music education & production GmbH“ sei inzwischen stabil finanziert, sagt Sennholz. Inzwischen ist mit Nivea auch ein Sponsor eingestiegen, der über seine Stiftung „Nivea connect“ Projekte gegen Einsamkeit fördert. Am Ausgang bekommt jeder eine Nivea-Dose. Auf dem Deckel steht: „Wir sind Team Liebe“. Und: „Du bist einzigartig.“ Sennholz meint, das passe gut zusammen und sei auch nicht zu kommerziell.
Manche Schulen nehmen mit 400 Kindern teil.
Seine Ansagen zwischen den Songs sind gefühlsbetont. „Mit Gemeinschaft geht viel, viel mehr.“ Oder: „Sobald ihr singt, bin ich glücklich. So einfach ist es bei mir.“ Oder: „Dafür sind wir da: zu lieben und geliebt zu werden.“ Das klingt etwas sentimental, aber die Zuhörer scheint es nicht zu stören. Auch sie sind offenbar mit ganzem Herzen dabei.
Die Kinder sind es sowieso. Majas Lieblingssong ist „So viel schöner“. „Es fühlt sich toll an, bei einem so großen Auftritt mit dabei zu sein“, sagt die Achtjährige, die mit ihrer Schulklasse angereist ist. Und auch die allermeisten Eltern sind schwer angetan. Eine Familie aus Karlsruhe ist schon zum dritten Mal dabei, immer mit unterschiedlichen Kindern. Auch die Oma ist mitgekommen, ein echter Familienausflug. „Ich habe noch Jahre später Gänsehaut, wenn ich mir die alten Videos anschaue“, sagt Vater Tobias.
Manche Schulen nehmen mit 400 Kindern teil. Andere kommen nur mit einer Klasse. Die Lehrerin Christine Jeske ist mit ihrer zweiten Klasse der Grundschule Kallstadt angereist. Sie hat im Musikunterricht die Lieder einstudiert und auf das Konzert vorbereitet. Es ist die Mischung der Lieder, die ihr gefällt. „Auch Kinder, die nicht musikbegeistert sind, bekommt man dazu.“ Sie berichtet von schüchternen Kindern, die aufblühen. „Selbst Jungs, die sonst nicht gerne singen, sind bei den fetzigen Liedern dabei.“
Über solche Reaktionen freut sich Sennholz ganz besonders. „Oft melden uns Lehrer zurück: Das macht etwas mit der Klassengemeinschaft.“ Auch viele Eltern beobachten, dass ihre Kinder voller Stolz zurückkommen und ganz erfüllt sind von dem Erlebnis. „Sie sind mutiger geworden, sich zu zeigen und sich zu beteiligen“, sagt Sennholz.
Das ist auch das Ziel eines guten Musikunterrichts. Doch an vielen Grundschulen fehlen Musiklehrer, oft wird der Unterricht fachfremd erteilt. Kann das Projekt da etwas auffangen? Sennholz bildet an der Hochschule Musiklehrer aus. „Eine gute musikpädagogische Ausbildung lässt sich nicht ersetzen. Aber zumindest können wir dort, wo Musiklehrer fehlen, eine Alternative bieten, um Musik zu machen“, sagt er. In einer Grundschule habe die Sekretärin das Projekt gesteuert. Es gebe Eltern, die einen 6K-United-Chor für sozial benachteiligte Kinder gegründet haben.
Nach zwei Stunden ist die letzte Zugabe verklungen. Die Leuchtarmbänder werden wieder eingesammelt. Lehrer klatschen sich mit ihren Schülern ab. Schule für Schule, Klasse für Klasse verlässt die Arena.
Auch die Frankfurter Spatzen machen sich auf den Heimweg. Eine Teamleiterin findet es besonders schön, dass nicht nur das Solo eines Einzelnen zählt. „Alle sind ein Teil des Ganzen. Nur so funktioniert es“, sagt sie. Es ist weit nach Mitternacht, als die Frankfurter Spatzen wieder zu Hause sind. Erschöpft, aber glücklich. Nächstes Jahr sind sie wieder dabei.
