Am Kühlschrank von Frau Koch kleben zwei DIN-A4-Blätter, die regelmäßig das Frühstück der älteren Dame retten. Darauf sind Joghurt und Flohsamenschalen zu sehen; daneben steht, wo beides lagert. Die Fotos helfen der an Demenz erkrankten Frau, die Lebensmittel zu finden. Sie lebt allein; ohne die Bilder könnte ihr dieser Handgriff entfallen.
„Guten Morgen, Frau Koch. Wir sind heute zu viert“, sagt Mandy Salomon, als sie mit Besuchern und Fotograf die Wohnung betritt. Frau Koch steht am Küchenfenster und lächelt. Salomon geht in die Küche, löst die vorbereiteten Medikamente in Wasser auf und gießt sie in ein Glas. Dann reicht sie es der alten Frau. Ein kurzer Plausch, ein paar Scherze, dann ist der Besuch vorbei. „Denken Sie daran, etwas zu essen“, sagt Salomon. Sie schließt die Tür und geht.

Für Mandy Salomon ist das ein typischer Besuch, und zugleich einer von neun an diesem Montagmorgen Ende Juli. Die 27 Jahre alte Frau arbeitet seit gut einem Jahr beim Pflegedienst Ameise in Neubrandenburg. Die Frauen und Männer, die sie anfährt, nennt sie bewusst Kunden, nicht Patienten: Sie sind nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause. Meist sind es ältere Menschen, die noch weitgehend selbst zurechtkommen, aber Unterstützung brauchen. Salomon gibt Medikamente, hilft beim Anziehen oder Duschen, verbindet Wunden oder sieht nach dem Rechten – je nachdem, welche Leistungen ihre Kunden gebucht haben.
Der Arbeitstag beginnt um sechs Uhr
Salomons Arbeitstag beginnt wie jeden Tag um sechs. Sie steht schon um vier auf, morgens brauche sie ihre Zeit. „Dafür gehe ich jeden Abend um acht schlafen, auch am Wochenende“, sagt sie. Feiern und Nächte durchmachen, das sei nichts für sie. Salomon arbeitet 35 Stunden, vormittags und nachmittags, manchmal auch am Wochenende. Wer sonntags arbeitet, hat unter der Woche frei. „Darauf muss man sich privat einstellen, dann funktioniert es gut“, sagt sie.
Wenige Minuten später sitzt sie wieder im Auto. Der nächste Kunde wohnt am anderen Ende der Stadt. Salomon fährt vorbei an in die Jahre gekommenen Wohnblocks. Sie parkt, schließt die Haustür auf und fährt ein paar Stockwerke mit dem Aufzug hoch. Die Wohnungen der Kunden sind meist nicht groß, oft bescheiden eingerichtet. Manche wirken, als sei die Zeit hier stehen geblieben.
Für fast jede Wohnung hat Salomon einen Schlüssel. Das zeigt Vertrauen. Einmal wurde ihr vorgeworfen, einen Geldbeutel gestohlen zu haben. Da müsse man klarstellen, dass das nicht stimmt. In der Regel aber werde sie herzlich empfangen. „Ach, Frau Salomon“, sagt eine alte Dame, als die Pflegerin ihre Wohnung betritt und lächelt.

In ihrem Beruf taucht Salomon in fremde Leben ein, ohne lang zu bleiben. Die meisten Einsätze dauern an diesem Morgen kaum länger als eine Viertelstunde. Viele Ältere wohnen seit Jahrzehnten in ihrem Zuhause und möchten dort am liebsten bleiben. Manche haben hier die Wende erlebt, ihre Kinder großgezogen, am selben Ort gearbeitet. Der Schritt in eine Pflegeeinrichtung würde bedeuten, das Vertraute aufzugeben. „Das fällt vielen sehr schwer“, sagt Salomon. Zugleich sei das Leben in den eigenen vier Wänden oft einsam. Hinzu kommen finanzielle Sorgen: Für viele reicht die Rente kaum zum Leben.
„Pflege ist eine Lebensaufgabe“
Solche Gedanken beschäftigen Salomon. Dennoch müsse sie Berufliches und Privates trennen und die Schicksale ihrer Patienten nicht zu nah an sich heranlassen. „Wenn man alles gedanklich mit nach Hause nimmt, geht man psychisch ziemlich schnell daran kaputt“, sagt sie. Ein Vorteil der ambulanten Pflege sei, dass man die Tür hinter sich schließen und leichter abschalten könne als in einer stationären Einrichtung.
Dass Salomon einmal in der Pflege arbeiten würde, war jedoch nicht ausgemacht. In der Verwandtschaft ihres Vaters gab es einen ambulanten Pflegedienst, später begann auch ihre Schwester in der Pflege. „Alle machten das Gleiche. Ich wollte das nie“, sagt sie. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Kindergarten fand sie vor rund zehn Jahren keinen Ausbildungsplatz als Erzieherin. Also absolvierte sie eine dreijährige Pflegeausbildung – und blieb. Ein sozialer Beruf sei immer ihr Wunsch gewesen. „Ich muss abends sagen können: Ich habe etwas Zufriedenstellendes getan, Menschen geholfen. Das erfüllt mich.“
Neubrandenburg hat gut 60.000 Einwohner. „Trotzdem ist das ein richtiger Keks hier“, sagt die Pflegedienstmitarbeiterin. „Jeder kennt jeden.“ Ihr nächster Einsatz führt sie zu den Eheleuten Brandt. Es ist Viertel nach acht, als sie klingelt. Frau Brandt öffnet die Tür: „Schön, dass Sie da sind.“ Ihr Mann sitzt im Rollstuhl und wartet in der Mitte des Wohnzimmers. Seine Niere arbeitet nicht richtig, er selbst ist dialysepflichtig; dreimal in der Woche bringt ihn ein Transportdienst zur Blutreinigung ins Krankenhaus. Das sei kräftezehrend.

„Einen pflegebedürftigen Mann zu Hause zu haben, das ist nicht leicht“, sagt Frau Brandt. „Was würden wir ohne Frau Salomon und ihre Kolleginnen tun?“ Während die Pflegerin den Blutzucker misst, erzählt Brandt von ihrer Osteoporose und davon, dass sie zweimal nur knapp dem Tod von der Schippe gesprungen sei. Man müsse dennoch positiv bleiben. Vor den Pflegekräften habe sie großen Respekt: „Man kann nur staunen, wenn sich junge Leute heute noch für diesen Beruf entscheiden. Man muss wissen: Pflege ist eine Lebensaufgabe.“
Mandy Salomon hört auch viel Frust. Viele Ältere seien mit der Politik unzufrieden. Wenn man sie frage, was sich ändern solle, hätten sie aber kaum Vorschläge. Unter Jüngeren beobachtet sie Resignation: Viele gingen nicht mehr wählen, weil sie glaubten, es ändere sich sowieso nichts, sähen keine Perspektive. Die „Scheißegal-Haltung“ bereitet ihr Sorgen, sagt sie.
Seit einigen Jahren ist Salomon Praxisanleiterin. Sie bildet junge Pflegekräfte aus und erlebt, wie schwer es ist, Nachwuchs zu finden. „Unseren Job will kaum jemand machen“, sagt sie. An diesem Montag sollte eine Auszubildende ihren ersten Tag im ambulanten Dienst haben. Sie erschien nicht und meldete sich auch nicht ab. Später stellte sich heraus, dass sie vergessen hatte, wo sie eingeteilt war. Das sei kein Einzelfall.
Überraschen kann sie das offenbar nicht. Nicht alle jungen Leute seien so, es gebe auch viele motivierte junge Menschen. Doch manchmal vermisse sie Disziplin und Motivation. Während der Arbeit am Handy zu surfen, das hätte sie sich in ihrer Ausbildung nicht getraut. Viele unterschätzten zudem, was der Beruf bedeute, und interessierten sich vor allem für die medizinischen Tätigkeiten. Dass Pflege auch heißt, Menschen zu waschen, anzuziehen und ihnen körperlich nahezukommen, werde oft übersehen. „Der Beruf ist finanziell lukrativ“, sagt sie. „Aber was man dafür leisten muss, stellt für die heutige Generation eine große Hemmschwelle dar. Viele wollen gut verdienen, aber wenig dafür tun.“

Gegen halb zehn ist die morgendliche Tour geschafft. Salomon hakt den letzten Kunden auf dem Tablet ab und fährt zurück in die „Ameisen-Zentrale“. Das Maskottchen passe, findet sie: Ameisen trügen viel in der Gemeinschaft. In der Küche gibt es Kaffee und Frühstück, nach und nach treffen die Kolleginnen ein. Sie erzählen von ihren Einsätzen und besprechen, was diese Woche noch anliegt. Vorbei ist der Arbeitstag noch nicht: Medikamente müssen vorbereitet, Berichte geschrieben und Verordnungen besorgt werden.
Was einst eher ein Umweg war, ist für Mandy Salomon inzwischen längst der Beruf geworden, der fest zu ihrem Leben gehört. „Ich könnte mir zum jetzigen Zeitpunkt nichts anderes vorstellen“, sagt sie. Im nächsten Jahr wird sie dennoch eine Pause einlegen: Sie und ihr Mann erwarten ein Kind.
