Da schweben vier Köpfe im Profil an roten Stangen, einer Zopf, drei mit Perücke. Ein Lichtimpuls wandert zwischen ihnen, und wenn er einen der Köpfe erreicht, beginnt dieser zu sprechen. Er habe sein Land aus Ruinen wiederaufgebaut, sagt der eine; er habe es unter die Königreiche Europas eingereiht, der andere. Der dritte erklärt, er habe die Armee vergrößert und den Staat gefestigt; der vierte, er habe ihn zu einer Großmacht erhoben. Diesen vierten und letzten Herrscherkopf, der im Eingangsraum des Brandenburg-Preußen-Museums in Wustrau hängt, erkennt man leicht an seiner markanten Nase und dem spitzen Hut. Es ist Friedrich der Große, König von Preußen: der Alte Fritz.
Das Thema Preußen hat in jüngster Zeit, freundlich gesagt, an Beliebtheit verloren. Der jahrelange Streit um die Besitzansprüche des Hauses Hohenzollern an deutsche Museen enthüllte die Verbandelungen der monarchistischen Rechten mit den Nationalsozialisten am Ende der Weimarer Republik, und der publizistische Misserfolg des Humboldt-Forums im Berliner Schloss brachte die Preußen-Euphorie des liberalen Bürgertums zum Erliegen. Wer 2001 und 2012 begeistert in die Ausstellungen zu den Jahrestagen des preußischen Königtums und der Geburt des großen Friedrich gegangen ist, zeigt dem Preußenadler jetzt die kalte Schulter. Nur die politische Rechte raunt noch von Schlachtenruhm und preußischen Tugenden, aber selbst ihre eigenen Anhänger nehmen das Tugendgerede nicht ernst, sonst müssten sie ja jene unerbittliche Staatstreue zeigen, die ihnen gerade gegen den Strich geht.
Von Friedrichen und Wilhelmen ist nichts mehr zu sehen
Entsprechend mager fällt die Präsentation des Preußentums in den hiesigen Museen aus. In der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin kommt das Thema nicht vor, was auch daran liegt, dass es die Ausstellung derzeit noch gar nicht gibt, weil das Zeughaus, in dem sie einmal stehen soll, bis mindestens 2030 saniert wird. Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam wiederum hat seine Herkunft abgeschüttelt und nennt sich jetzt „Brandenburg Museum für Zukunft, Gegenwart und Geschichte“; in seinen Sälen kann man brandenburgischen Künstlern und den Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft begegnen, doch von gekrönten Friedrichen und Wilhelmen und ihren Taten ist nichts mehr zu sehen. Das Preußenmuseum im westfälischen Minden ist wegen Umbaus geschlossen; seine neue Ausstellung „Potzblitz Preußen!“ soll demnächst eröffnen und „unerwartete Einblicke“ in seinen Gegenstand bieten – hoffentlich, ohne ihn ganz aus den Augen zu verlieren.

So bleibt Preußenfreunden und -feinden vorerst nur der Weg nach Wustrau, einem Ortsteil der Gemeinde Fehrbellin beim brandenburgischen Neuruppin, um sich dort ein genaueres Bild ihres Liebes- oder Hassobjekts zu machen. Mit dem Wustrauer Museum hat es allerdings eine besondere Bewandtnis. Sein Gründer und Mäzen, der Bankier Ehrhardt Bödecker, verbreitete in den Jahren vor seinem Tod 2016 nationalistische und judenfeindliche Geschichtsthesen in Wort und Schrift; vor fünf Jahren wurde deshalb die Stifterplakette mit seinem Bildnis nach einer öffentlichen Debatte aus dem Eosanderhof des Humboldt-Forums entfernt. Das Museum, dessen zweistöckigen Klinkerbau er aus eigener Tasche bezahlt und aus seiner Privatsammlung bestückt hatte, widmete sich unter Bödeckers Ägide der Preußenverherrlichung: Herrscherporträts, Waffen, Uniformen, Trommeln, Regimentsfahnen und Schlachtengemälde sangen in den Sälen das Hohelied des Hauses Hohenzollern.
Das änderte sich gründlich unter Bödeckers Sohn Andreas, der den Objektbestand durch Alltagsgegenstände und Leihgaben ergänzte und einen eigenen wissenschaftlichen Leiter für das inzwischen von einer Stiftung geführte Museum berief. 2020 übernahm dann der Historiker Christian Arpasi die Direktion. Im Frühling dieses Jahres, nach zweijähriger Schließzeit und Sanierung, wurde die neue Dauerausstellung „Kopfgeburt Preußen“ eröffnet. Sie ist im Wesentlichen Arpasis Werk.

„Das eigentlich Preußische“, sagt Christian Arpasi, „ist vielleicht gerade das Widersprüchliche.“ Entsprechend hat er die Geschichte, die das Museum erzählen will, sortiert: nicht als unvermeidliche Folge von Ereignissen, sondern als Schnittpunkt von Perspektiven, die unter fünf Leitbegriffen subsumiert werden. Sie lauten Expansion, Effizienz, Innovation, Pragmatismus und Autorität, und wer glaubt, er wisse schon, was die Preußen darunter verstanden hätten, sieht sich in Wustrau auf angenehme Weise brüskiert. Zum Stichwort „Autorität“ etwa findet sich nicht nur die unvermeidliche Galerie von Herrscherporträts, sondern auch eine Wahlurne aus der Weimarer Republik, als der Freistaat Preußen ein Bollwerk der Sozialdemokratie war. Im Bereich „Innovation“ finden sich ein Holzmodell der Franckeschen Stiftungen in Halle und das Modell eines preußischen Dampfseglers, bei „Pragmatismus“ grüßt die Büste des Aufklärers Moses Mendelssohn, und die Sektion „Expansion“ eröffnet mit dem Gipsabguss einer pruzzischen Babe, einer steinernen Frauenfigur aus dem neunten Jahrhundert, die 1000 Jahre später als Grenzstein zwischen Ostpreußen und dem Zarenreich diente.

Die Kriege, die Preußen im 19. Jahrhundert geführt hat, um zur Vormacht in Deutschland und schließlich im Deutschen Kaiserreich zu werden, treten in dieser Zusammenstellung in den Hintergrund. Wichtiger ist das Verhältnis zu Polen, von dem es zunächst lehnsrechtlich abhängig war und das es sich später Stück für Stück einverleibte, bis der Nachbarstaat vom Erdboden verschwunden war. Auch die bäuerliche Lebenswelt Altpreußens, die Welt der Junker und ihrer Leibeigenen, kommt in Wustrau zu kurz; dafür werden die Effizienzgewinne der Staatsmaschinerie, die von den vier Herrscherköpfen im Vorraum der Ausstellung erdacht und geschaffen wurde, umso schärfer konturiert.
Etwa das Berufsbeamtentum, an das eine Behörden-Sanduhr mit vier Gläsern erinnert, oder das Militär, das nicht nur durch Uniformmützen und Zündnadelgewehre, sondern auch durch die Steiff-Puppe eines wilhelminischen Leutnants repräsentiert wird. Aber auch die tragbare Handmühle ist da, die eine protestantische Einwandererfamilie im 17. Jahrhundert nach Brandenburg mitbrachte, und eine Pelzmütze des Leib-Husaren-Regiments, wie sie Wilhelm von Preußen am „Tag von Potsdam“ vom März 1933 trug, als die militärische Elite der Hohenzollernmonarchie dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler huldigte.

Das alles ergibt kein einheitliches, aber ein faszinierend vieldeutiges Bild, das Panorama eines Staates, der an seinen Widersprüchen wuchs. Museumsdirektor Arpasi spricht von „vielfachen Schattierungen von Grau“, aber man könnte auch an die hellen Blau-, Weiß- und Rottöne der Uniformen denken, die das Straßenbild in den preußischen Garnisonsstädten beherrschten. Auch die Ausstellungsarchitekten haben mit ihnen gespielt, denn auf das Karmesinrot, das den Raumteil zur Expansionspolitik Preußens markiert, antwortet das Grün der Sektion zur Aufklärung und Toleranz. Die zentrale Rotunde, in der die siebenhundertjährige Geschichte von der Gründung der Mark Brandenburg bis zur Proklamation des Kaiserreichs anhand von Stichen, Wandtexten und ausziehbaren Informationstafeln aufgefächert wird, ist in strahlendes Preußischblau gehüllt: Hier kommt das Stimmengewirr der historischen Widersprüche zur Ruhe.
Vor dem Haupteingang des Museums steht, von Schadow entworfen, ein Bronzedenkmal des preußischen Reitergenerals Hans Joachim von Zieten, dessen Sockel wie der Museumsbau von Ehrhardt Bödecker gestiftet wurde. Ein paar Schritte weiter ruhen Zieten und seine erste Ehefrau Leopoldine in Sandsteinsärgen unter Granitplatten im Schatten der Dorfkirche. Wustrau war Zietens Familiensitz und gehörte bis 1945 seinen Nachkommen, dann wurde das herrschaftliche Barockschloss am Ufer des Ruppiner Sees als Berufsschule und Fortbildungsstätte des DDR-Justizministeriums genutzt. Heute residiert in der Dreiflügelanlage mit dem lieblichen Gartenpavillon die Deutsche Richterakademie. Nur die wenigsten unter ihren Tagungsteilnehmern wie unter den Besuchern des Museums werden noch wissen, dass es Zieten war, der 1760 durch einen Flankenangriff die eigentlich schon verlorene Schlacht bei Torgau für Friedrich den Großen gewann und damit das preußische Königtum vor der endgültigen Niederlage gegen Österreicher und Russen bewahrte.
So ähnlich rettet heute das kleine Privatmuseum in Wustrau die Ehre der deutschen historischen Museen. Es kommt von ganz außen, aus der tiefsten Provinz. Aber weil sich im Zentrum der Museumslandschaft gerade alles auf dem Rückzug befindet, hat es eines der wichtigsten Themen der deutschen Geschichte ganz für sich.
Kopfgeburt Preußen. Brandenburg-Preußen-Museum Wustrau, 16818 Wustrau-Altfriesack. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.
