Es war derselbe Raum, dieselbe Kulisse aus holzvertäfelten Wänden und acht kanadischen Flaggen, in der Mark Carney vor einigen Tagen dieselbe Botschaft verkündete: dass sich Kanada gegen die Zölle seines Nachbarlandes wehren würde. Nur die Worte, die er wählte, waren noch drastischer als im März des Vorjahres: „Man ist im Krieg, wenn man angegriffen wird“, sagte der kanadische Premierminister. „Wir wurden angegriffen.“
In den Beziehungen der beiden Nachbarländer scheint ein neuer Tiefpunkt erreicht zu sein. Im Juli drohte Donald Trump dem Nachbarland mit neuen Zöllen, die er mit kanadischen Handelshemmnissen auf eine ganze Reihe von Produkten wie Autos, Milchprodukte und alkoholische Getränke begründete. Nach wochenlangen Verhandlungen, in denen Trump die Frist zuletzt sogar aufschob, weil eine Einigung angeblich in Aussicht war, scheiterten die Gespräche schließlich doch. In der Nacht zum 22. August sind auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar Zölle von 50 Prozent in Kraft getreten. Auf zahlreiche Waren erheben die USA ohnehin bereits Zölle.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Seitdem folgen beinahe täglich neue Eskalationen. Kanada reagierte mit umfangreichen Gegenzöllen, die vom 8. September an gelten sollen. Trump wiederum warnte ebenfalls vor weiteren Zöllen in Höhe von 50 Prozent, die von nächstem Jahr an gelten sollen. Halb wütend, halb amüsiert mussten die Kanadier außerdem zur Kenntnis nehmen, dass Trump den Lake Ontario, dessen Ufer sich die Länder teilen, in Lake America umbenennen will. Am Donnerstag unterzeichnete er ein entsprechendes Dekret, das die US-Bundesbehörden zur Änderung des Namens in ihren Karten und Systemen verpflichtet.
Entsprechend groß ist der Rückhalt für Mark Carney in diesen Tagen: Drei von vier Kanadiern finden es einer Umfrage des Angus Reid Institute zufolge richtig, dass er die Verhandlungen beendet hat. Jeder zweite Kanadier unterstützt ihn als Premierminister, der Anführer der konservativen Partei folgt mit gerade einmal 20 Prozent Zustimmung, wie die Meinungsforscher von Nanos Research jüngst ermittelten.
Das Scheitern der Verhandlungen könnte Carneys Position weiter stärken. Bereits jetzt verfügt er über großen politischen Handlungsspielraum – getragen von einem Konsens über Parteigrenzen hinweg: Die Souveränität des Landes steht an erster Stelle, und die Emanzipation vom Trump’schen Amerika fordert eben Opfer. „Wir erleben einen historischen Moment in Kanada, in dem es tatsächlich möglich ist, die Wirtschaft wiederzubeleben und die Strukturen des Staats zu erneuern – eine Vision für das Land zu entwickeln, in der ganz normale Leute sich wiederfinden“, fasst Nik Nanos, Gründer des gleichnamigen Demoskopie-Instituts, die Stimmung zusammen. „Wenn wir Kanada jetzt nicht zu einem besseren Land machen, dann schaffen wir es nie.“
China als neuer Partner
In diesem Geist schwört Mark Carney sein Land auf große Veränderungen ein. Weit oben auf der Prioritätenliste steht, die Handelsbeziehungen mit neuen und alten Partnern zu vertiefen. Im ersten Halbjahr 2026 ist das Handelsvolumen mit China um knapp 19 Prozent gewachsen, die Exporte Kanadas dorthin sind um fast ein Drittel gestiegen. Medienberichten zufolge wird spekuliert, dass Xi Jinping im September bei einer Reise in die USA einen Abstecher nach Ottawa machen könnte. Es ist eine glatte Kehrtwende zur Chinapolitik seines Vorgängers Justin Trudeau, unter dem die Beziehungen mindestens frostig waren – man denke an die Festnahme der Huawei-Finanzchefin in Vancouver in 2018 und die anschließende Verhaftung zweier Kanadier in China. Dem Volk ist der neue Kurs recht: Inzwischen bewerten einer Pew-Umfrage zufolge 44 Prozent der Kanadier China positiv, 2023 waren es erst 14 Prozent.
Jede Eskapade Donald Trumps macht es Carney einfacher, sich als verlässlicher Partner in Nordamerika zu präsentieren. Umgerechnet rund 300 Milliarden Euro sollen mithilfe von privaten Investoren in den Ausbau der Infrastruktur fließen, darunter neue Häfen, Pipelines für Öl und Gas sowie Bergbauprojekte, um seltene Rohstoffe zu fördern. 27 solcher Großprojekte hat der Premierminister angestoßen. Mitte September wird er internationale Geldgeber und Unternehmenschefs in Toronto empfangen, unter anderem um ihnen Investitionen in ebenjene Projekte schmackhaft zu machen.
Dafür muss Carney allerdings zugleich die Bürokratie in den Griff bekommen. Im Jahr 2021 gab es allein auf Bundesebene mehr als 300.000 regulatorische Vorgaben, die Unternehmen zu befolgen haben. Auch vor dem politisch heiklen Vorhaben, Handelsbarrieren durch unterschiedliche regulatorische Vorgaben zwischen den kanadischen Provinzen abzubauen, sind kanadische Regierungen lange zurückgeschreckt, und Carney hat hier bisher ebenfalls keine großen Erfolge vorzuweisen. Dabei könnte dieser Schritt Kanadas Wirtschaftsleistung den Berechnungen des IWF zufolge um umgerechnet mehr als 130 Milliarden Euro steigern. Die Tatsache, dass Kanada in seiner Geschichte stets unter dem Schutz einer Großmacht stand – erst England, dann USA –, hat das Land bequem und selbstgefällig gemacht, so urteilen im Rückblick viele.
Kanada am Scheideweg
Doch die Chancen waren nie größer, aus dem Schatten Washingtons zu treten. Weite Teile der Bevölkerung versammeln sich hinter dem Motto „elbows up“, ein Begriff aus dem kanadischen Volkssport Eishockey. Eine große kanadische Supermarktkette erlitt einen veritablen Shitstorm, nachdem sie die Herkunftsbezeichnung auf Obst und Gemüse entfernt hat, was den Kunden den Boykott amerikanischer Waren erschwerte. In einem Kommentar der kanadischen Zeitung „Globe and Mail“ wurde Donald Trump dieser Tage als „Putin des Westens“ beschrieben, die Attacke des US-Präsidenten aufs Nachbarland mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verglichen – obgleich es sich im Falle Amerikas vor allem um einen wirtschaftlichen Angriff handele. „Noch“, wie der Redakteur anmerkt. Kanada stehe an einem Scheideweg: Es gehe um den Aufbau der Nation oder ihren Zerfall.
„Wegen Donald Trump konnte Mark Carney eine ganze Reihe an Entscheidungen treffen, die noch vor einigen Jahren völlig undenkbar gewesen sind“, sagt Scott Reid, der als politischer Berater enge Verbindungen in die liberale Partei pflegt. Etwa das Ziel, bis 2035 fünf Prozent von Kanadas Wirtschaftsleistung für Verteidigung auszugeben. Oder den Kurswechsel in der Klimapolitik: Als eine seiner ersten Amtshandlungen schaffte Carney den CO₂-Preis für Verbraucher ab, eines der wichtigsten politischen Vermächtnisse seines Vorgängers. Anfang des Jahres hob er die Vorgabe auf, wonach von 2035 an alle verkauften Neuwagen elektrisch fahren müssen. Vor allem stoppte er die Pläne, die Emissionen der Öl- und Gasindustrie zu begrenzen.
Die Rohstoffvorkommen des Landes, seine gigantischen Öl- und Gasreserven hat Carney als Trumpf in Verhandlungen mit anderen Ländern ausgemacht, ihre weitere Erschließung könnte etliche Arbeitsplätze schaffen und dem Staat Steuereinnahmen in Milliardenhöhe einbringen, kurz: Kanada von den USA unabhängiger machen.
Das Beste, was Carney passieren konnte
Eigentlich galt Mark Carney einmal als Anhänger einer progressiven Klimapolitik. Vor seiner Ernennung zum Premierminister war er der offizielle Sondergesandte der Vereinten Nationen für Klimaschutz und Klimafinanzierung. Während seiner Zeit als Chef der britischen Zentralbank hielt er eine viel beachtete Rede, in der er vor den Folgen des Klimawandels für das globale Finanzsystem warnte. Und Umfragen zufolge ist einer Mehrheit der Kanadier der Klimaschutz noch immer sehr wichtig, gerade erst wüteten Waldbrände in vielen Teilen des Landes.
Der Widerstand gegen Carneys Politik ist dennoch gering, zumal Carney mit Prestigeprojekten zur Entfernung von CO₂ aus der Atmosphäre zumindest etwas guten Willen demonstriert. „In gewisser Weise sind die Kanadier den gleichen Weg gegangen wie Mark Carney“, sagt Berater Reid. „Sie erkennen sich in ihm wieder, in seiner Politik spiegelt sich die Verschiebung ihrer eigenen Prioritäten.“ Auch aus der eigenen Partei hat er wenig Widerstand zu befürchten, obgleich viele seiner Kollegen unter Trudeau all die Maßnahmen erarbeitet haben, die Carney nun verwirft. Doch er agiert im Schutze seiner hohen Zustimmungswerte, die jene seiner Partei weit übertreffen.
„Carney wurde von den Kanadiern gewählt, um genau das zu tun, was er jetzt tut: dem US-Präsidenten die Stirn bieten“, sagt Meinungsforscher Nanos. Donald Trump war das Beste, das Carney passieren konnte, wie der US-Präsident selbst beim Antrittsbesuch des Kanadiers im Weißen Haus feststellte. In diesem Fall geben ihm die Demoskopen recht. Ein halbes Jahr bevor Mark Carney Premierminister wurde, hatte jeder dritte Kanadier noch nie von ihm gehört. Viele hatten Carney als unerfahrenen Newcomer abgetan, als langweiligen Banker. Die konservative Konkurrenzpartei lag in den Umfragen weit vorne, auch weil die Frustration über Carneys Vorgänger Justin Trudeau schwer wog.
Große Abhängigkeit von den USA
Doch dann sagte Donald Trump einen folgenschweren Satz: Kanada solle der einundfünfzigste Bundesstaat der USA werden. Das habe die Frage, die sich die Kanadier an der Wahlurne stellen, komplett verändert, sagt Meinungsforscher Nanos: „Jetzt ging es nicht mehr darum, ob es eine Veränderung von Liberalen zu Konservativen braucht, sondern: Wer ist der beste Kandidat, um Donald Trump die Stirn zu bieten?“ Ein weltgewandter, seriöser und wirtschaftskundiger Mark Carney schien für diese Aufgabe wie gemacht: ein Outsider, der als ehemaliger Zentralbankchef kein Politiker war, aber im Laufe seiner Karriere stets an den wichtigen Tischen einen Platz gehabt hatte.
Noch schenken die Kanadier ihm weiterhin ihr Vertrauen. Allein die Tatsache, dass die Wirtschaft nicht total am Boden ist, rechneten ihm viele hoch an, sagt Scott Reid. Die Abhängigkeit Kanadas von den USA kann nur schwer überschätzt werden: Im vergangenen Jahr exportierte Kanada Waren im Wert von mehr als 400 Milliarden US-Dollar in die USA, das entspricht gut 70 Prozent aller Exporte. Zwei von drei Kanadiern leben höchstens 100 Kilometer von der US-Grenze entfernt. Die USA sind der wichtigste Abnehmer von kanadischer Energie, und obgleich Carney etwa mit Deutschland neue Verträge zum Export von Flüssiggas schließt, müssen die Terminals für den Export an der Ostküste erst gebaut werden. „Mark Carney ist sehr gut darin, den Kanadiern immer wieder klarzumachen: Das Land befindet sich vor einer historischen Aufgabe, aber wir machen konstante Fortschritte.“
Mark Carney, sagt Nanos, stehe allerdings unter erheblichem Zeitdruck: „Er muss sich beeilen, neue Brücken zu anderen Ländern zu bauen, den Handel zu diversifizieren. Er muss sich beeilen, die Premiers der Provinzen hinter sich zu vereinen und den Staat zu stärken.“ Es gebe jetzt ein Zeitfenster in Kanada, in dem die Menschen bereit seien, Zugeständnisse zu machen und etwas zu opfern, auch wenn sie persönlich einen Preis zahlen. Die Widerstandsfähigkeit und die Bereitschaft, zu handeln, seien derzeit hoch. „Aber wir wissen nicht, ob das so bleibt, wenn die wirtschaftlichen Kosten dieses Handelskriegs größer werden.“
Und noch ein Szenario könnte Carney erschweren, seine großen Pläne zu verwirklichen: wenn sein Lieblingsfeind im Weißen Haus in zwei Jahren den Schreibtisch räumt.
