Der Ausdruck „Hauptstadtjournalisten“ ist grob irreführend. Er wird zumeist für diejenigen Reporter verwendet, die in Berlin über den Bundestag, den Bundeskanzler und seine Koalition berichten. Tatsächlich arbeiten aber überall im Land ebenfalls Hauptstadtjournalisten – Landeshauptstadtjournalisten. Von ihnen gibt es zwar immer weniger, weil immer mehr überregionale Zeitungen auf Landeskorrespondenten verzichten und Lokalzeitungen Stellen streichen müssen. Aber die Verbliebenen halten die Stellung.
So auch in Potsdam, der Hauptstadt von Brandenburg. Da ist politisch oft was los, im Januar zum Beispiel zerbrach die Regierungskoalition, und die SPD musste sich einen neuen Partner suchen. Jetzt gerade geht es um viel Geld, genauer gesagt um zu wenig Geld. Der Finanzminister muss ein großes Loch im Landeshaushalt stopfen. Also eigentlich alles ähnlich brisant wie in Berlin. Nur eine Nummer kleiner. Das gilt auch für die Sommerfeste.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dienstagabend, eine Dachterrasse mitten in Potsdam: Hierher hat die Brandenburger Landespressekonferenz eingeladen, ein Zusammenschluss von Journalisten, die über Brandenburg berichten. Üblicherweise organisiert sie Pressekonferenzen oder auch Hintergrundgespräche mit Politikern. Einmal im Jahr aber eben auch einen Sommerempfang. Der Vorstand, in dem auch die F.A.Z. vertreten ist, weiß, dass Reden hilft. Erst recht, wenn es dazu was Gutes zu trinken und einen schönen Ausblick gibt.
Woidkes Kopf ragt aus der Menge heraus
Und so füllt sich die Dachterrasse schnell. Ministerpräsident Dietmar Woidke von der SPD ist von überall aus gut zu sehen, sein Kopf ragt aus der Menge heraus. Auch die meisten Minister sind da, etwa Woidkes Vize, Innenminister Jan Redmann von der CDU. Aber auch die Opposition ist vertreten, ein Grüppchen AfD-Leute steht zusammen, darunter der Chef der Parteijugend, Jean-Pascal Hohm, der auch Abgeordneter im Brandenburger Landtag ist. Dass die alle hier oben versammelt sind, heißt nicht, dass sie miteinander feierten. Eher halten sie einander aus.

Und was sind die Gesprächsthemen? Eigentlich dieselben wie in allen anderen deutschen Hauptstädten auch. Was tut die CDU, wie geht’s weiter mit der SPD, welche Pläne hat die AfD, und wo kann man sparen? Aber auch: Hier tut sich was, da wirkt wer Wunder, und irre war ja dieser Abend vor vierzehn Jahren! Dazu Wein, Bier, Wasser, Häppchen und ein Sonnenuntergang, der den Himmel glutrot leuchten lässt.
Wichtiger Unterschied zu Berlin: Die Gäste kennen einander besser, sehen einander öfter, eilen nicht bald weiter zur nächsten Party, einfach, weil es keine gibt. Potsdam mag die kleinere Hauptstadt sein, aber in Sachen Gläserklirren bei Dunkelheit steht sie Berlin in nichts nach.
