
Es ist nicht alles politisch, was AfD-Anhänger an ihrer Partei toll finden. Wer das annimmt, verharmlost die Partei keineswegs, sondern verweist auf den „politischen Aberglauben“ (Adorno), der dort seine Finger mit im Spiel hat. Soll man insoweit von vorpolitischen Empfindungen sprechen, die bei all jenen ins Gewicht fallen, die nicht von vornherein als Rechtsextremisten und Deutschnationale auf den AfD-Zug aufspringen? Die also mit ihrer Wahl zwar den Rechtsextremismus befördern, selbst aber – soll man sagen? – Psycho-Wähler sind, die nach Entlastungsstrategien für ihre Angstzustände, für ihre Überforderungsgefühle suchen und dabei nur allzu bereitwillig autoritären Versprechen aufsitzen?
Die psychologische Anfälligkeit in ihrer vorpolitischen Ausprägung klingt bei Parteienforschern an, wenn sie Gründe für den AfD-Erfolg darlegen, sie bleibt aber merkwürdig unspezifisch, wie beispielsweise das Statement des Parteienforschers Benjamin Höhne von der TU Chemnitz neulich im MDR zeigt: „Die Angst vor dem, was da kommt, die vielfältigen Krisen, mit denen die Menschen klarkommen müssen, zugleich Zweifel, ob der demokratische Staat noch ausreichend zur Problemlösung in der Lage ist. Da flüchten sich viele zu Rechts-außen-Parteien und fallen autoritären Versprechen anheim.“
Hier scheint eine einflussreiche anthropologische Triebkraft getroffen; umso bedauerlicher kann man die begriffliche Vagheit finden, mit der dieser substanzielle Sachverhalt lediglich auf der Ebene des Küchenpsychologischen angerissen wird. Müsste man den psychologischen Bereitschaften im Falle der AfD-Anhängerschaft nicht erheblich sorgfältiger nachgehen, um Gegenstrategien an der richtigen vorpolitischen Stelle ansetzen zu lassen? Statt folgenlos, wenn nicht kontraproduktiv den Raum politischer Argumente zu bewirtschaften, die im AfD-Milieu verhallen beziehungsweise bloß als Abwertung der emotionalen Bedürfnisse wahrgenommen und in der Folge zur Verstärkung AfD-eigener Positionen herangezogen werden?
AfD spaltbar in einen moderaten und einen radikalen Teil?
In dieser Hinsicht hat man es erstaunlicherweise mit einer gähnenden Phantasielosigkeit zu tun – in der Parteienpolitik wie in den Talkshow-Diskussionen und sich überbietenden Planspielen zur „Zähmung“ der AfD nach dem Vorbild der „roten Linien“ des Historikers Andreas Rödder, zuletzt aufgegriffen in der „Welt“ von Kristina Schröder, der ehemaligen Bundesfamilienministerin, die davon träumt, die AfD in einen „moderaten“ und einen „radikalen“ Teil zu spalten, indem man der Partei entgegenkommt etwa mit einer von roten Linien auszunehmenden „Renationalisierung“ von Politikfeldern, die bislang der europäischen Regulierung unterliegen.
Rödders Lied von der „konditionierten Gesprächsbereitschaft“ mit der AfD, aus der auf dem Wege akzeptierter roter Linien eine „andere AfD“ hervorgehen könne, „mit der dann auch anders umzugehen wäre“ – dieses Lied ist hörbar der Ohrwurm bei Frau Schröder. Und es so kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ins Spiel zu bringen, lässt nicht nur an eine politische Geisterfahrerin denken – es ist, von allem anderen abgesehen, für eine solche Strategie schlicht zu spät –, sondern verfehlt mit derartigen Polit-Kunststückchen auch geradezu vorsätzlich die psychologische Bühne, auf der die Musik für die AfD spielt.
Kann Parteienpolitik wirklich nur Parteienpolitik? Warum in den Strategiespielen zur AfD immer nur „Mehr vom selben“ („lasst die Partei doch sich selbst entzaubern“ – na dann, gute Reise!) versuchen, statt einfach mal das Register zu wechseln, und statt stets bloß die neuesten Exzesse der Parteiprogrammatik zu untersuchen, lieber eine Blickumkehr zu vollziehen, dergestalt, dass die vorpolitischen Bereitschaften der AfD-Anhängerschaft diesseits der Extremisten genauer in den Blick zu nehmen wären, ohne sich deshalb den Vorwurf der Verharmlosung zuziehen zu müssen. Es hätte dabei um reflexive Kurzschlüssigkeit zu gehen, wie sie sich angesichts existenzieller Untergangsszenarien bemerkbar macht; um Alarmismus und Affekte; um verlorene Nerven und um Selbstmissverständnisse, in deren Folge das Politische als Ausgleich für grassierende Ich-Schwäche gilt, wie sie sich über sich selbst unaufgeklärt dort, im politischen Feld, ausagiert.
Vermachtetes Internet, ick hör dir trapsen!
Adorno hat dieses Selbstmissverständnis auf den Begriff des Aberglaubens gebracht, sein soeben bei Suhrkamp wieder aufgelegter, am 30. November 1962 gehaltener Vortrag „Ist Aberglaube harmlos?“ lässt sich auch als Augenöffner fürs politische Agieren in der Internetöffentlichkeit lesen – nein, natürlich nicht ohne Weiteres in diesem Zeitenabstand, wohl aber mit weiterem, so etwa mit der Angewiesenheit auf bestimmende Begriffe, mit denen sich klären ließe, wie es um die psychologische Dynamik einer politischen Ersatzrationalität steht, die durch soziale Medien angeleitet wird.
An den Befund der abergläubisch bemäntelten Ich-Schwäche anknüpfend, heißt es in dem Vortrag: „Die Sozialpsychologie hat nachgewiesen, dass man in der heutigen Gesellschaft in einem sehr weiten Maß bei den Menschen von ‚Ich-Schwäche‘ reden kann, das heißt, dass sie tendenziell herabgesetzt werden zu Zentren bedingter Reflexe, ohne dass sie demgegenüber aus eigenem noch viel entgegenzusetzen hätten.“ Er, Adorno, wolle jetzt gar nicht in die psychologischen Mechanismen dieser Ich-Schwäche eindringen, „ich möchte nur auf ein ganz einfach Soziologisches hinweisen, das auch denen unter Ihnen einleuchten dürfte, die nicht tiefenpsychologisch interessiert oder orientiert sind, nämlich darauf (Achtung, Kulturindustrie!, Anm. d. Red.), dass ja die tatsächliche Entscheidungsmöglichkeit von uns allen heute durch die Übermacht der Institutionen, sowohl der großen wirtschaftlichen Gruppen wie auch der hochkonzentrierten Verwaltungsmacht, außerordentlich herabgesetzt ist.“ Vermachtetes Internet, ick hör dir trapsen!
Soll die AfD-Anhängerschaft hiermit, mit der Zitation dieses kulturkritischen Befunds aus einer dann doch nicht so ganz anderen Zeit, soll sie etwa für politisch unzurechnungsfähig erklärt werden? Ist das alles eine Ausflucht ins Psychologische, wo es in Wirklichkeit um die Faschisierung als einen dynamischen Prozess gerne auch in einer noch funktionierenden Demokratie geht? Statt sich mit Begriffsmagie zufriedenzugeben, trifft der Faschismustheoretiker Adorno Unterscheidungen, die erkennbar das Anliegen verfolgen, zur Bestandssicherung der demokratischen Gesellschaft einen psychologisch erweiterten Politikbegriff in Anschlag zu bringen, der – salopp gesagt – die Wählerschaft über sich selbst aufzuklären vermag, statt sich als autoritäres Versprechen für prekäre Existenzen abergläubisch in Szene zu setzen.
Warum sich also der AfD-Frage nicht auch anthropologisch nähern? Da springen womöglich politisch weit reichende Einsichten heraus. Etwa diese, das wachsende AfD-Wählerpotential mit einem lateinischen, Adorno zu Gebote stehenden Vers umfangend: Die Menschen wollen betrogen sein.
