Während ihres Sommerurlaubs in der Bretagne hat Marine Le Pen gepaukt. So wirkt es zumindest, als sie vor dem Unternehmerverband MEDEF am Donnerstagabend ihr Wirtschaftsprogramm vorstellt. Es ist die erste Präsidentschaftsdebatte der sieben aussichtsreichsten Kandidaten vor den Wahlen im nächsten Frühjahr. Le Pen zählt scheinbar spielend die Abkürzungen für die verschiedenen Unternehmenssteuern auf, die sie im Falle ihres Wahlsieges abschaffen will. Sie muss nicht einmal auf die Spickzettel schauen, die sie in der Hand hält.
In ihrem Werben um die Unternehmer zieht die rechtspopulistische Umfragefavoritin im Tennisstadion Roland Garros alle Register. Sie verspricht, eine Schuldenbremse in der Verfassung verankern zu wollen. Das ist eine Verneigung vor dem verurteilten Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy, der diese sogenannte goldene Regel schon 2011 versprach, aber nicht durchsetzen konnte. In kurzem, dunkelblauem Kleid und mit sonnengebräuntem Teint kündigt Le Pen zudem einen Sparplan in Höhe von 125 Milliarden Euro an, den sie noch vor der Haushaltsdebatte Anfang Oktober vorlegen wolle.
Mit ihrer Charmeoffensive gegenüber dem französischen „Patronat“, wie die dortige Unternehmerschaft genannt wird, verfolgt die 58 Jahre alte Politikerin ein klares Ziel. Sie will ihre Wirtschaftskompetenz vorführen, an der bislang Zweifel bestanden. Nach einem Mittagessen im Frühjahr mit den Chefs börsennotierter Unternehmen wie Total Energies oder LVMH ließen diese durchsickern, dass sie entsetzt über Le Pens mangelndes Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge seien. Dem jungen Parteivorsitzenden Jordan Bardella hingegen wurde in Wirtschaftskreisen eine gewisse Anpassungsbereitschaft zugestanden. Seit Le Pen die Zügel in ihrer Partei wieder an sich gerissen hat, ist die Verunsicherung groß.
Bardella hat zwar nach Le Pens überraschendem Comeback behauptet, er bereite sich auf seine Arbeit als Regierungschef einer Präsidentin Le Pen vor. Aber bislang schimmert diese Vorbereitung in seiner öffentlichen Kommunikation nicht durch. Stattdessen hat sich der Dreißigjährige in inniger Pose mit seiner Freundin, Prinzessin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien, im Urlaub auf Sardinien ablichten lassen. Auf Instagram führte er als seine Urlaubslektüre ein Buch über Napoleons Gedanken im Exil auf der Insel Sankt Helena an. Das wirkte wie ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass Bardella sich ebenfalls im Exil in seiner eigenen Partei wähnt.
Einst herzlich empfangen – nun fehlt Bardella beim MEDEF
In dieser Wahrnehmung ist der Parteivorsitzende nicht allein. Bardellas Wirtschaftsberater François Durvye hatte just während Le Pens Auftritt vor dem Unternehmerverband der Zeitung „Le Figaro“ anvertraut, dass er sich nach nur fünf Monaten in der Partei wieder zurückziehe. Der an der Eliteschmiede École polytechnique ausgebildete Durvye sollte Brücken zwischen der Wirtschaft und der rechtspopulistischen Partei schlagen. Doch offensichtlich sah er sich mit Le Pen dazu nicht in der Lage.
Durvye gilt als Vertrauter des rechten Milliardärs Pierre-Edouard Stérin, dessen Family-Office er leitete. Stérin strebt einen Zusammenschluss der bürgerlichen Rechten mit den Rechtspopulisten des Rassemblement National (RN) an und glaubte, in Bardella den geeigneten Frontmann für dieses Unterfangen gefunden zu haben. Vergangenes Jahr war Bardella beim MEDEF noch überaus herzlich empfangen worden. Dieses Mal fehlte er. Le Pen sah es nicht als notwendig an, ihren Regierungschef in spe an den Debatten mit dem Unternehmerverband teilhaben zu lassen.
Tatsächlich konnte Le Pen in Roland Garros nicht punkten, als sie ihren Sparplan beschrieb. Sie will zurück zur Rente mit 60 Jahren für langjährig Versicherte und zur Regelrente mit 62 Jahren. Einsparungen sollen „bei der Einwanderung, bei der Europäischen Union und bei zahlreichen undurchsichtigen Institutionen“ gemacht werden, wie sie sagte. Ihre Ankündigung, den französischen EU-Beitrag einseitig kürzen zu wollen, stieß bei den anderen Präsidentschaftskandidaten auf heftige Kritik.

Der Mitte-rechts-Kandidat Édouard Philippe hielt Le Pen vor, es auf einen Konflikt mit der EU ankommen zu lassen, der die französischen Unternehmen schwächen dürfte. Unverhofft sprang der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon Le Pen zur Seite. „Hören Sie doch auf, sie zu karikieren! Marine Le Pen hat nicht gesagt, dass sie aus Europa austreten will, sie will nur nicht die Mehrkosten für die EU zahlen, und ich auch nicht“, sagte Mélenchon. Der Gründer der Linkspartei La France insoumise kündigte an, dass er „nicht gehorchen werde“, sobald EU-Regeln „gegen die Interessen Frankreichs verstoßen“.
Le Pen, die Unbeugsame
Mit diesem Konfrontationskurs ist Le Pen ganz offensichtlich einverstanden. Auffällig war, wie wenig sie Mélenchon angriff und stattdessen die beiden ehemaligen Premierminister Macrons, Philippe und Gabriel Attal, ins Visier nahm. Ihre sechs Konkurrenten wie auch die Moderatorin gingen pfleglich mit ihr um. Nicht ein einziges Mal wurde Le Pens Verurteilung wegen der Veruntreuung von EU-Geldern angesprochen. Dabei könnte die Politikerin dazu gezwungen sein, im nächsten Jahr Wahlkampf mit einer elektronischen Fußfessel zu bestreiten.
Le Pen beschrieb Frankreichs Lage als düster und bekundete, sie wolle eine „nationale Union“, um das Land wieder aufzurichten. Das steht im Einklang mit ihren Wahlkampfplakaten, auf denen sie in fast messianischer Geste die „Renaissance“ Frankreichs anpreist. Das Foto wurde bei einer Rede aufgenommen, die sie bei den Parlamentariertagen ihrer Partei in Beaucaire hielt. Damals glaubten die meisten, dass Bardella kandidieren würde.
Le Pens langjährige Sprecherin, die Abgeordnete Caroline Parmentier, beschreibt Le Pen als Stehauffrau, die niemals aufgibt und alle Schicksalsschläge überwindet: den Bombenanschlag auf ihr Wohnhaus als Kind, die Scheidung ihrer Eltern, den Putschversuch in der Partei ihres Vaters, den Bruch mit ihrem Vater, das verpatzte TV-Duell gegen Emmanuel Macron im Jahr 2017 und zuletzt die Verurteilung in erster Instanz. „Nach jedem Rückschlag rappelt sie sich wieder auf“, sagt Parmentier.
Bardella muss weichen
Wie seinerzeit ihr Vater geht Le Pen aber auch unbarmherzig vor, wenn es darum geht, sich die Macht in ihrer Partei zu sichern. Obwohl sich Bardella intensiv auf eine Präsidentschaftskandidatur vorbereitet hatte, verlangt sie ihm fortan ab, in die zweite Riege zurückzutreten. In der Partei haben wieder Familienmitglieder Vorrang. Als Kampagnensprecherin wurde Nolwenn Olivier bestimmt, die Nichte Le Pens. Aus Le Pens Umkreis wurde gestreut, dass Bardella aufpassen müsse, dass seine Liaison mit dem europäischen Hochadel nicht Wähler abschrecke.
Unklar ist, was Bardella in seinem für den Herbst angekündigten dritten Buch schreiben will. Ursprünglich sollte darin gut leserlich sein Präsidentschaftsprogramm vorgestellt werden. An seinen beiden vorherigen Büchern „Ce que je cherche“ (etwa: Was ich anstrebe) und „Ce que veulent les Français“ (Etwa: Was die Franzosen wollen) hat Bardella gut verdient. Wie er in seiner Vermögenserklärung Mitte August angab, haben ihm die beiden Bücher mehr als eine Million Euro Einnahmen als Autor eingebracht. Das ist wesentlich mehr als Bardellas Jahreseinkommen als EU-Abgeordneter.
Beim Parteitag des RN am 24. und 25. Oktober in Orléans will Le Pen im Mittelpunkt stehen. Auf der Einladung stehen Bardella und Le Pen zwar Seite an Seite. Doch die Veranstaltung soll weniger Bardellas Wiederwahl feiern – er ist der einzige Kandidat für den Parteivorsitz – als vielmehr Le Pen eine Bühne für ihre Präsidentschaftskandidatur bieten. In seinem bislang einzigen Interview seit Le Pens Kandidaturentscheidung versicherte Bardella, seine Mentorin zu unterstützen. „Heute liegt das Schicksal Frankreichs in ihren Händen. Es ist meine Aufgabe, ihr zum Sieg zu verhelfen“, sagte er der Zeitung „Le Figaro“. Er wolle ein Regierungsprogramm ausarbeiten und ein Schattenkabinett zusammenstellen, bekundete Bardella.
Doch es ist bereits klar, dass der Parteichef in wichtigen Punkten einen anderen Kurs als Le Pen verfolgt. So hegt er Zweifel daran, dass eine Rückkehr zu einem Renteneintrittsalter mit 62 Jahren angesichts der Finanzlage möglich sei. Auch kann er sich vorstellen, einen Teil der Renten über Kapitalisierung zu finanzieren. In der französischen Presse wird die Frage aufgeworfen, wie lange das Duo hält und wie aktiv sich Bardella in den Präsidentschaftswahlkampf einbringen wird.
