Ich komme aus einer langweiligen Stadt in einem langweiligen Bezirk in einer der aufregendsten Hauptstädte der Welt. Das mag seltsam klingen, aber es ist wahr, denn ich komme aus Ilford im Bezirk Redbridge in London. Ich bin mir nicht sicher, ob es in Deutschland Städte gibt, die Teil einer Großstadt sind. Ilford ist eine Stadt in Nordost-London, wir haben ein eigenes Town Centre und eine eigene Town Hall, ein Rathaus.
Redbridge ist ein Bezirk an der unscharfen Grenze zwischen Ost-London und der Grafschaft Essex. Wir hatten Londoner Telefonnummern, aber eine Essex-Postleitzahl. Wir gehörten irgendwie beiden Orten ein bisschen an und irgendwie auch keinem.
Wenn unsere Redbridge-Schule in den Nachrichten auftauchte, weil ein Schüler ein Postamt überfallen hatte, hieß es: „Eine Schule in Ost-London musste heute einen Schüler aus der 7. Klasse suspendieren, weil er mit nur elf Jahren an einem Postamtsüberfall beteiligt war.“ Bekam aber eine Schülerin einen Preis, weil sie gut im Lesen oder in Erdkunde war, waren wir plötzlich „eine Essex-Schule“.

Redbridge, sagte Londons Bürgermeister Sadiq Khan neulich, sei der grünste Bezirk Londons. Meine Tante war stolz drauf, aber hat sich gleichzeitig darüber lustig gemacht, denn irgendwie schafft es Ilford trotzdem, schrecklich auszusehen. „Ilford’s a right shithole“, sagte sie und lächelte stolz, aber auch ein bisschen hämisch, so wie sie immer lächelt, wenn sie erwähnt, wie viel Geld ich ihr schulde.
„Ilford wird nie gentrifiziert“
Es wird oft gesagt, dass Ilford ein Drecksloch ist, aber so schlecht wie ihr Ruf ist die Stadt nicht. Was meint man überhaupt mit „schlecht“, wenn man über einen Stadtteil spricht? Will man sagen, dass dieser Ort arm und gefährlich ist? Ilford ist weder besonders arm noch besonders gefährlich. In den 70ern war es gefährlicher, habe ich gehört, in den 90ern war es gefährlicher, das weiß ich.
Heute kann man um Mitternacht durch die Stadt laufen, umgeben von respektvollen Großfamilien mit Migrationshintergrund, die fast bürgerlich wirken würden, wenn es nicht Mitternacht wäre und ihre Kleinkinder nicht noch wach wären. Ilford hat einen so hohen Ausländeranteil, dass sogar Londoner staunen, wie wenige weiße Menschen dort noch wohnen. „Ich bin die letzte weiße Frau in Ilford“, pflegte meine Mutter zu sagen, bevor sie starb. Sie meinte es ein bisschen ironisch, aber war auch ein bisschen stolz drauf.
„Ilford wird nie gentrifiziert“, sagt mir meine Tante. „Sie werden Ilford Town nie Ilford Village nennen.“ Denn eine komische Londoner Angewohnheit ist es ja, dass Hipsterviertel ihre Town Centres Villages nennen. Es gibt beispielsweise Walthamstow Village und Stratford Village – beides Gegenden, die in den 80ern und 90ern einen noch schlimmeren Ruf als Ilford hatten. „Ilford ist wie Asterix’ Dorf“, sagt meine Tante. „Ilford ist immun gegen Gentrifizierung. Ilford bleibt ein Drecksloch.“
German Pizza und der Poesie-Schutzschild
Aber die Wahrheit ist: Die Parks sind voll hübsch, die Menschen fleißig, und die kleinen Reihenhäuser sind okay gepflegt und oft sogar im Familienbesitz. Wir haben gute Hähnchenläden, sogar einen German-Döner-Laden, und so unglaublich es klingt, auch ein „Punjabi Food and German Pizza“-Restaurant.

Nur meine deutschen Kinder und ich finden die Kombination komisch; für die Menschen in Ilford klingt das vernünftig: German Pizza ist nicht so teuer oder fein wie die italienische, aber nicht so ungesund wie amerikanische. Es gibt zudem ein Cineplex und Tausende kleine indische Restaurants, die eigentlich Imbissstuben sind, in denen man für wenig Geld einen Pakora-Burger oder eine Chicken-Tikka-Pie with Chips bekommt.
Valentines Park gehört zu den schönsten Parks in Ost-London; manche behaupten, der Song „Itchycoo Park“ der Band Small Faces handle von diesem Ort.
Was wir nicht haben: Poetry Slams. Poetry Slams haben Ilford nie erreicht, so wie vielleicht Avocados nie die DDR erreicht haben. Es gibt manchmal Poetry Slams in Romford oder Stratford, aber um Ilford herum scheint ein unsichtbarer Schutzschild gespannt zu sein, durch den keine Poesie durchkommt.
Randstädte großer Städte, verlässlich unwichtig
„Woher kommst du?“, fragen deutsche Leute manchmal.
Ilford darf man nicht sagen. Redbridge auch nicht. Weil niemand in Deutschland Ilford kennt. Also sagt man höflich: „London?“
„London?“, fragen sie. „So richtig London-London?“
Man muss dann seufzen. „Nein“, gibt man zu. „Nicht London-London. Keine Paläste, keine Museen. Unser einziges ‚Museum‘ besteht aus zwei Räumen in der Ilford Library. Ich komme aus Spandau-London.“

Geographisch ergibt mein Vergleich keinen Sinn, denn Spandau liegt am westlichen Rand Berlins, nicht am Osten. Aber vielleicht spiegeln sie sich, Ilford und Spandau? Randstädte großer Städte, unscheinbar, leicht beschämt, verlässlich unwichtig. Beide grün, aber ohne hübsch zu sein. Obwohl, woher sollte ich das beurteilen? In 25 Jahren Berlin habe ich Spandau kaum betreten. Es lag einfach nie auf dem Weg.
Wer sind die Berliner Expats aus London?
In den Jahren vor dem Brexit hat man in Berlin oft kreative Menschen aus Großbritannien getroffen, Menschen, die in Neukölln lebten; manche waren tagsüber Englischlehrerinnen und arbeiteten an Alben, manche Tour Guides, aber auch Poetinnen. Einer hat tagsüber auf Hunde aufgepasst und abends während einer Performance nackt Ananasstücke in seinen Po geschoben.
Diese Expats sagten oft: „Ich komme aus Ost-London“, aber damit meinten sie fast nie, dass sie aus Ost-London kamen; sie kamen meistens aus der Gegend um London herum, den sogenannten Home Counties, und waren vielleicht, bevor sie nach Berlin gezogen sind, noch ein paar Jahre im Londoner Szeneviertel Shoreditch. Ich merke gerade, dass ich fast so klinge, als wollte ich das Aus-Ost-London-Kommen gatekeepen. Und vielleicht will ich das auch ein kleines bisschen, denn wenn man aus Ilford kommt schämt man sich, ist aber trotzdem stolz, nicht aus THE COUNTRYSIDE zu kommen.

Die paar Berliner-Expats, die tatsächlich aus London kommen, kommen aus London-London und sind alle, ohne Ausnahme, entweder mit jemandem verwandt, der im House of Lords sitzt, oder das Stiefkind eines Kinderbuchautors, der in den 70ern eine Zeichentrickfilmidee an die BBC verkauft hat und danach nie wieder arbeiten musste.
Der Unterschied zwischen Deutschlands und Großbritanniens Klassenverständnis
Wenn man die britische und deutsche Klassengesellschaft vergleicht, ist es manchmal schwer, zu beurteilen, welches Land snobistischer ist. Beide Länder sind unglaublich snobistisch, aber das britische Klassenbewusstsein und die Verachtung der Unterschicht sind manchmal vielleicht ein bisschen subtiler als die plumpen deutschen Witze über Kinder namens Kevin oder Chantal, und die Briten lachen die Oberschicht und Mittelschicht auch aus. In Deutschland soll man das Gefühl haben, dass alle, die nicht Kevin oder Chantal heißen, normal sind, nicht reich, nicht arm, nicht peinlich – nur deutsch.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Akzent: Man sagt auf Englisch „She has a nice accent“, aber auf Deutsch „Sie hat gar keinen Akzent.“ Man spricht nicht posh – man spricht normal. Man ist entweder neutral oder ein Kevin. Man soll in Deutschland die Oberschicht nicht bemerken oder thematisieren, sie soll unsichtbar sein; am besten soll man denken, dass es gar keine Oberschicht gibt, nur fleißige, normale, langweilige Deutsche und ein paar peinliche Kevins, die das normale Leben stören.
Das ist ein bisschen anders in Großbritannien, wo die Oberschicht und die Mittelschicht mehr Beef miteinander haben. In Großbritannien lacht man Menschen auch aus, die sich für was Besseres halten, als sie sind. Während in Deutschland man so tut, als seien wir alle gleich. Fast.
Wie Germany’s Next Topmodel, nur für Literatur
Ich war während der Frankfurter Buchmesse auf einer Party mit zwei wildfremden deutschen Männern, die mir eine Begegnung mit „Engländern“ versprochen hatten. „Kommt mit uns auf die Cannongate-Party“, sagten sie, „es wird Engländer geben.“
Auf der Party lief ich herum wie Ophelia, nachdem Hamlet mit ihr Schluss gemacht hat, und frage literally jede und jeden, die da sind, ob sie aus England kommen.
„Nein“, sagt ein höflicher Mann, ungefähr 30 Jahre alt. „Aus Irland, aber ich lebe in London.“
„Ich komme aus Ilford!“, sage ich.
„Ilford“, sagt er. „Elizabeth Line, oder?“
Die U-Bahn-Linie Elizabeth Line hat Ilford literally on the map gesetzt. „Ilford ist eigentlich total wichtig für die deutsche Literatur“, sage ich ihm. „Es gibt eine total wichtige Verbindung zwischen Ilford und deutscher Literatur.“ Er blinzelt höflich, aber überrascht.
„Wirklich?“, fragt er.

„Kennst du Sharon Dodua Otoo?“, fragte ich. „Sie hat den Bachmannpreis gewonnen, und sie kommt aus Ilford. Und ich habe den Bachmannpreis UND den Deutschen Buchpreis nicht gewonnen, und ich komme auch aus Ilford. Kennst du den Bachmannpreis? Es ist wie Germany’s Next Topmodel, aber für Literatur.“
„Warst du für diese Preise nominiert?“, fragte er.
„Ich war nur auf der Longlist“, sagte ich. „Ich habe gedacht, wenn ich gewinne, schreibe ich für den „Ilford Recorder“ drüber.“ Er blinzelte jetzt höflicher und fragte, ob ich schon etwas gegessen habe. „Aber findest du das nicht toll?“, rief ich begeistert. „Ilford hat viel mehr zur deutschen Literatur beigetragen als zur englischen!“
Zu weit gegangen
Ich zuckte mit den Schultern. Plötzlich erinnerte ich mich an die Dichterin Denise Levertov, die meine Anti-Poesie-Schutzschild-These gerade zerstörte. „Na ja, Denise Levertov kam auch aus Ilford, wenn ich ehrlich bin.“ Wenn ich zurück im Hotel bin, werde ich googeln, ob Denise eine Verbindung zu Deutschland hat, wenn ja, bleibt meine These intakt.
„Und du schreibst deine Bücher auf Deutsch? Du sollstest stolz auf dich sein. Wirklich.“
Während er das sagte, blinzelte er höflich weiter und sah mich fast mitleidig an. Völlig klar, ich musste ihn überzeugen, dass es eine klare, große Verbindung zwischen Ilford und der deutschen Literatur gibt. „Und weißt du was noch? In einem Hans-Fallada-Roman, den ich mal gelesen habe, ist während des Kriegs eine jüdische Nachbarin nach Ilford geflüchtet. Vielleicht muss jemand ein Buch drüber schreiben. Oder? „Deutsche Literatur und Ilford, eine Geschichte.“
Ich starrte ihn triumphierend an, er blinzelte weiter höflich, aber ich merkte, dass ich zu weit gegangen war. „Hey“, sagt er. „Ich würde jetzt gern mit anderen Menschen sprechen, wenn das für dich okay ist.“
„Manchmal glaube ich, dass ich nach Deutschland gekommen bin, um dem englischen Klassensystem zu entgehen“, sagte ich ihm leise hinterher, während ich zur Bar ging und mir Nüsse kaufte. Gibt es eine deutsche Autorin aus Spandau, die bei der Londoner Buchmesse rumläuft und alle zulabert über the Spandau-English literature connection? Wäre sie peinlicher, als ich es gewesen war? Was bedeutet es eigentlich, peinlich zu sein? Warum bin ich manchmal so peinlich?
Meine Tante sagt mir manchmal: „Wenn du in Ilford geblieben wärst, hättest du keine Bücher geschrieben. Du würdest in einer Sozialwohnung leben und Sozialhilfe beziehen.“ Ich sage dann immer Ja, danke für diese Info, ich streite nicht mit ihr. Aber manchmal frage ich mich, ob sie recht hat, und, wenn ja, warum.
Jacinta Nandi ist eine britische Schriftstellerin, die seit mehr als 20 Jahren in Berlin lebt und mit ihrem Roman „Single Mom Supper Club“ im vergangenen Herbst auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand.

