
In Deutschland wird der spanische Fußballtrainer Albert Riera von den einen für ein Großmaul und von den anderen für einen großen Mauler gehalten. Wer ihm in der vergangenen Bundesligasaison vor und nach den Spielen von Eintracht Frankfurt zugehört hat, konnte schnell zu dem Schluss kommen, dass er beides ist. Auch als er in Frankfurt nach nur dreieinhalb Monaten wieder weggeschickt wurde, hat er großmäulig über den deutschen Fußball gemault. Aber nur weil der eine oder andere dabei die Form für nicht richtig gehalten hat, heißt das nicht, dass der Inhalt falsch gewesen ist.
Im Juni, als Julian Nagelsmann und die Nationalmannschaft noch glaubten, dass sie bei der Weltmeisterschaft wirklich jeden Gegner schlagen können, sagte Riera in einem Interview: „Ehrlich gesagt hat mich das Niveau der Bundesliga etwas enttäuscht. Bayern München ist natürlich eine Welt für sich, und Borussia Dortmund kann mit seinem Budget halbwegs mithalten. Dann gibt es Überraschungen wie Stuttgart, aber der Rest war für mich enttäuschend.“ Und weiter: „Die Teams im unteren Tabellendrittel spielen alle auf die exakt gleiche Weise. Wenn man sie analysiert, hat man das Gefühl, jede Woche gegen denselben Gegner zu spielen.“
Die Bundesliga ist gefordert
Kurz danach konnte Nagelsmanns Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale nicht einmal Paraguay schlagen, international eher ein Jedermannsgegner. Seitdem suchen viele im deutschen Fußball die Antwort auf die Frage, warum drei Turniere trotz dreier verschiedener Trainer verpatzt wurden. Doch die Suchenden werden wohl erst dann fündig werden, wenn sie zu einer Einsicht gelangen, die etwas Überwindung kosten kann: dass Albert Riera recht hat.
An diesem Freitag wird in der Fußballarena in München erst einmal keiner über die Kritik des Spaniers sprechen. Beim Auftaktspiel der Bundesliga werden alle auf den neuen Bundestrainer schauen. Mit Jürgen Klopp soll schließlich alles anders werden. So sieht das der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der an Klopp glaubt, aber auch an Klopp glauben muss, weil er dem Trainer und dessen Verbündeten viel Macht gegeben hat.
Doch damit nicht nur alles anders, sondern auch besser werden kann, müsste neben dem Bundestrainer auch die Bundesliga in den Blick genommen werden. Denn es lässt sich nach diesem Sommer nicht mehr übersehen, wie im Land des neuen Weltmeisters der Verband auf den Schultern seiner Vereine steht.
Spielidee auf dem Platz oder auf dem Papier?
In Spanien ist die Spielidee auf jedem Platz zu sehen, in Deutschland ist sie nur auf dem Papier zu lesen. Die erste Leitlinie der sogenannten „Spielvision“ des DFB lautet: „Wir wollen den Ball.“ Doch welche deutschen Vereinsmannschaften wissen vor dieser Saison wirklich, was sie mit dem Ball machen wollen?
Der FC Bayern und der VfB Stuttgart, die an diesem Freitag das Auftaktspiel bestreiten. Und sonst? Vielleicht Leverkusen, vielleicht Hoffenheim. Doch schon Borussia Dortmund, der zweitgrößte Klub, definiert sich unter dem Trainer Niko Kovač über das Verteidigen. Und dann sind da die vielen Vereine, von denen Albert Riera sagt, sie seien der gleiche Gegner, weil sie eigentlich nur wissen, wie sie ohne Ball spielen wollen.
Dagegen spräche erst einmal nichts. Die besten Mannschaften müssen das Spiel auch mal ohne den Ball kontrollieren können. In der Bundesliga aber sind trotz der Safety-first-Strategien vieler Teams in der vergangenen Saison 3,24 Tore pro Spiel gefallen, deutlich mehr als in England (2,75) und Spanien (2,69). Ist das nicht unterhaltsam? Schon, aber im internationalen Vergleich ist das Verteidigungsverhalten vor allem unterdurchschnittlich.
Deutsche Talente brauchen Spielzeit
So sieht das auch Philipp Lahm, der Kapitän der deutschen Weltmeistermannschaft von 2014, der nach dem neuesten WM-Aus in einem Gastbeitrag in der F.A.Z. vorgerechnet hat, dass die drei großen europäischen Klubwettbewerbe in diesem Jahrhundert erst viermal von einem deutschen Verein gewonnen worden sind. Von englischen Klubs: 14 Mal. Von spanischen Klubs: 24 Mal.
Er hat den deutschen Vereinen einen weiteren Vorwurf gemacht: „Talent muss integriert und gefördert werden, und man muss ihm Verantwortung geben – konkret über relevante Spielzeit.“ In dieser Saison wird es wegen solcher Kritik eine eigene U-21-Liga geben, die den besonders Begabten den Weg in die Profiligen erleichtern soll. Doch schon vor dem ersten Spiel lässt sich sagen, dass ihnen dort nicht die Verantwortung gegeben werden kann, die Lahm anspricht. Warum gehen die Klubs nicht noch weiter? Weil sie so nicht gewettet haben.
Es sind in den vergangenen Jahren immer mehr deutsche Klubs geworden, die junge bis sehr junge Spieler aus dem Ausland kaufen und darauf setzen, dass sie diese mit Gewinn verkaufen können. Manche versuchen es aggressiver als andere, aber versuchen tun es die allermeisten, auf seine Art auch der FC Bayern. Und wahrscheinlich werden sie es weiter versuchen, weil es fast immer billiger sein wird, einen Spieler zu kaufen und zu verkaufen, als einen eigenen Spieler zu entwickeln.
Doch wenn der spanische Fußballsommer den Bundesligaklubs eine Lektion gelehrt hat, dann diese: Wenn sie besser werden wollen, müssen sie beginnen, auf sich selbst zu setzen.
