
So hat man es oft gehört: Man müsse die Erzeugungskapazitäten für erneuerbare Energien nur weiter zügig ausbauen, dann werde auch der Strompreis in Deutschland wieder sinken. Doch für Markus Krebber, Vorstandsvorsitzender der RWE AG, geht diese Rechnung nicht auf: „Strom wird weltweit nicht billiger“, sagt der Chef des größten Energieerzeugers in Deutschland. Für ein hohes Tempo beim Umstieg auf die Erneuerbaren spricht er sich in seinem Vortrag vor den Mitgliedern der Wirtschaftsinitiative Frankfurt dennoch aus.
Dafür muss sich Krebber, dessen Unternehmen mehr als 100 Jahre vor allem an der Kohle hing, gar nicht auf den Kampf gegen den Klimawandel berufen. Stattdessen hebt er die Notwendigkeit von „Energieunabhängigkeit“ hervor. In nur fünf Jahren habe Deutschland zwei Energiekrisen erlebt, die in Ländern ausgelöst wurden, aus denen Öl und Gas kommen, an denen hierzulande noch immer viel hängt: zunächst die Preissprünge nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, heute die Folgen des Krieges zwischen Iran, Israel und den USA.
Krebber, der seine Laufbahn als Azubi bei der Deutschen Bank begonnen hat und seit 2021 Chef des auf vier Kontinenten vertretenen Konzerns ist, zieht Vergleiche zur Ölkrise 1973. Die Ereignisse damals hätten Effizienzgewinne und enorme Investitionen ausgelöst. In der Folge habe die Bundesrepublik den Ausbau der Atomkraft vorangetrieben, um unabhängiger von Erdöl zu werden. Heute sei der Umstieg auf elektrische Antriebe die richtige Antwort auf die Krisen: „Ich erwarte das Zeitalter der Elektrifizierung“, sagt Krebber.
Viele Kunden können hohe Preise zahlen
Und beantwortet damit auch, warum das Versprechen sinkender Strompreise wohl ein falsches ist: „Die Nachfrage treibt die Preise hoch.“ Und das nicht nur durch die wachsende Zahl von Elektroautos und Wärmepumpen, sondern zusätzlich durch den Betrieb von KI-Rechenzentren und ähnlicher digitaler Infrastruktur. „Das ist eine Nachfragegruppe, die eine höhere Zahlungsbereitschaft hat.“ Ziehe man dann noch die notwendigen Investitionen, das aktuelle Zinsumfeld und die geopolitische Lage heran, gebe es wenig Grund zu glauben, dass der Strom dereinst so billig fließt wie eine Zeit lang das Gas aus Russland.
Für RWE müssten das doch gute Bedingungen sein, bemerkt F.A.Z.-Herausgeber Carsten Knop, der mit Krebber nach dessen Vortrag in die Diskussion einstieg. Während Industrie und Verbraucher unter den hohen Preisen ächzen, freute sich der Essener Konzern zuletzt über einen Gewinn von einer Milliarde Euro im ersten Halbjahr 2026. In Deutschland, das etwa 20 Prozent des RWE-Geschäfts ausmacht, habe man dieses Geld aber nicht verdient, hält Krebber dagegen. „Wir zahlen hier keine Steuern, weil wir keinen Gewinn machen.“ Das liege zum einen an den Gaspreisen, die die Stromerzeugung teuer machten, zum anderen an den hohen Investitionen. Sieben Milliarden Euro im Jahr investiere RWE weltweit, „der Aufbau eines Energiemixes kostet etwa so viel wie der heutige Strompreis“.
Das sind für die deutsche Industrie, die auch wegen der hohen Energiepreise um ihre Wettbewerbsfähigkeit bangt, schlechte Aussichten. Krebbers Antwort ist ein Appell an die Politik: „Wir brauchen ein differenziertes Preismodell für stromintensive Industrien.“ Anders als die aktuellen Maßnahmen zum Industriestrompreis müsste dieses langfristiger angelegt sein. „Das ist keine Beihilfe, das ist bewusste Preisgestaltung.“
Auch in den USA werden die Erneuerbaren ausgebaut
Argumente, grundsätzlich einen anderen Kurs, etwa in Richtung Atomkraft, einzuschlagen, stecken für den Manager in all diesen Ausführungen nicht. RWE werde von 2031 an kein Geld mehr mit Kohle verdienen, die alten Kraftwerksstandorte würden neu genutzt. Ein gutes Beispiel dafür ist das Areal des Atomkraftwerks Biblis, aus dem nun ein Zentrum für die Energieerzeugung durch Laserfusion werden soll – am treibenden Start-up Focused Energy sind die Essener beteiligt.
„Die politische Debatte ist wahnsinnig überideologisiert, in der Realität entscheiden aber ökonomische und physikalische Mechanismen“, so Krebber. Das sei in den USA, die für RWE der wichtigste Markt sind, nicht anders als in Deutschland oder Italien. Jenseits aller Beschwörung von klimafreundlicher Politik oder auch Slogans wie Trumps „Drill, Baby, drill“ entwickle sich der Strommix überall gleich – hin zu den Erneuerbaren. Europa sollte etwa die Energiepolitik der USA nicht unterschätzen: „Wir bauen in Texas die Solaranlagen, damit die Amerikaner das Öl sparen, das wir von ihnen kaufen sollen“, warnt Krebber.
Er sieht auch auf dem heimischen Markt positive Entwicklungen, sagt Krebber und zählt den schnellen Bau von LNG-Terminals, die Beschleunigung des Netzausbaus oder die Fortschritte bei der Kraftwerksstrategie auf. Gewünscht hätte er sich all das schon früher – und weniger anlassgetrieben: „Eine Feuerversicherung schließt man nicht erst ab, wenn es brennt.“ Manager wie er, aber auch Politiker sollten immer in zwei Zeitschienen arbeiten: Während über kurzfristige Ereignisse laut diskutiert wird, müssten sie gleichzeitig „unter der Wahrnehmungsgrenze am Substanzerhalt arbeiten“. Dass dies geschieht, sieht der RWE-Manager derzeit nicht.
Die „Wirtschaftsgespräche am Main“ sind eine Veranstaltung des Hotels Steigenberger Frankfurter Hof, der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
