Sierra Leone liegt keine tausend Kilometer vom Äquator entfernt. Es zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Anfang der Achtzigerjahre betrug das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf dort 1200 Dollar. Vierzig Jahre später ist es auf 1000 Dollar geschrumpft. In Sierra Leone herrscht tropische Hitze mit Temperaturen bis 40 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Die Menschen sind sehr arm. Und werden ärmer.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Woran liegt der Unterschied? Der Kolonialismus allein kann nicht schuld sein: Beide Länder waren britische Kolonien. Aber Kolonialismus ist nicht gleich Kolonialismus.
Macht Kälte reich?
Könnte es sein, dass die Menschen in Kanada es leichter haben, zu wirtschaftlichem Erfolg zu kommen, weil ihnen die klimatischen Bedingungen ihres Landes entgegenkommen? Das liefe auf die Klimatheorie hinaus, die unter anderen schon Montesquieu vertreten hat. „In den Nordzonen“, schreibt Montesquieu 1748 im „Geist der Gesetze“, „begegnen wir Völkern mit wenig Lastern, genügend Tugenden, viel Ehrlichkeit und Offenheit. Nähern wir uns den Ländern des Südens, so haben wir den Eindruck, dass wir uns von der Moral selbst entfernen.“ Woran dieser moralische Unterschied liegt? Eben am Klima, sagt Montesquieu. In schwüler Hitze fehle den Menschen jede Energie, die Voraussetzung wirtschaftlicher Produktivität: „Die Abspannung greift alsbald auf den Geist selbst über: keinerlei Neugier, keinerlei hochherzige Unternehmung. Alle Neigungen bleiben passiv.“
Man könnte meinen, Montesquieus Schrift stamme nicht aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, sondern reflektiere die Erfahrungen des mitteleuropäischen Hitzesommers 2026. Hitze macht antriebslos und unproduktiv. Das lässt sich mit Zahlen unterfüttern: Das Umweltbundesamt verweist für Mitteleuropa bei hoher Hitzebelastung auf Produktivitätseinbußen von bis zu zwölf Prozent; allein für die früheren heißen Sommer 2018 und 2019 wurden direkte hitzebedingte Produktivitätsverluste von rund fünf Milliarden Euro geschätzt, zusätzlich zu indirekten Schäden von 3,5 bis 5,3 Milliarden Euro.
Bewegt sich Mitteleuropa also in Richtung Afrika? Steht der Wohlstand einer Nation in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur mittleren Tagestemperatur? Das wäre ein allzu naiver Klimadeterminismus, wenngleich selbst prominente Wirtschaftswissenschaftler dieser These zuneigen: „Die Ökonomien tropischer Zonen sind praktisch überall arm, während jene in den gemäßigten Gebieten im Allgemeinen reich sind“, hat der Harvard-Ökonom Jeffrey Sachs behauptet. Daraus würde dann folgen: Je tropischer die Temperaturen in Deutschland, umso ärmer werden seine Menschen.
Es geht um die Institutionen
So unabwendbar ist die Zukunft gottlob nicht. Dazu muss man sich anschauen, wie die britischen Kolonisatoren mit Sierra Leone und Kanada umgegangen sind. Nämlich sehr unterschiedlich. Für Europäer war die westafrikanische Küste wegen Malaria und Gelbfieber außerordentlich gefährlich – sie erhielt den Beinamen „White Man’s Grave“. Deshalb haben die britischen Kolonialherren sich dort gar nicht dauerhaft angesiedelt, sondern sich darauf beschränkt, das Land auszubeuten. In Kanada dagegen kam es zu einer massenhaften und dauerhaften Ansiedlung europäischer Familien. Mit der dauerhaften Ansiedlung entstanden gute Schulen und Universitäten, eine verlässliche Justiz und der Schutz von Eigentumsrechten samt Polizei und Militär.
Das Klima wurde zum wirtschaftlichen Schicksal, weil es die Entstehung unterschiedlicher Institutionen begünstigte. Genau darin besteht die berühmte These des Ökonomie-Nobelpreisträgers Daron Acemoğlu. In Ländern mit ungesundem Klima unterließen es die Kolonisatoren, gute Institutionen zu errichten, und konzentrierten sich darauf, das Land auszubeuten. Acemoğlu nennt solche Ökonomien „extraktiv“, deren Zweck darin bestand, Ressourcen von der Mehrheit zu einer kleinen herrschenden Minderheit zu transferieren – im Unterschied zu jenen Ländern, deren Institutionen breiten Bevölkerungsschichten wirtschaftliche Chancen eröffnen. Die nennt Acemoğlu „inklusiv“.
Hitze macht nicht zwangsläufig arm
Ausgelöst von einem polemischen Artikel des britischen „Economist“ in der vergangenen Woche ist unter Ökonomen gerade ein Streit über Acemoğlus sogenannte „Siedlersterblichkeitsthese“ neu aufgeflammt, der uns hier im Detail nicht zu interessieren braucht. Gültig bleibt allemal: Hitze ist kein Schicksal, das uns zwangsläufig in die Armut schickt. Menschen können reagieren und gute oder schlechte Strategien der Anpassung entwickeln. Dafür hilft die Unterscheidung zwischen „extraktiv“ und „inklusiv“ enorm. „Extraktiv“ wäre Klimapolitik dort, wo gut organisierte Interessengruppen den Klimawandel nutzen, um ihre Verluste dauerhaft der Allgemeinheit aufzubürden: Wer im Überschwemmungsgebiet baut oder einen brandgefährdeten Wald besitzt, würde Ansprüche auf staatliche Entschädigung durchsetzen, während die Kosten beim Steuerzahler landen.
„Inklusiv“ wäre dagegen ein institutionelles Arrangement, das vielen die Anpassung ermöglicht: transparente Risiken, Wettbewerb der Versicherer mit differenzierten Prämien, freie Investitionsentscheidungen. Private Versicherungen liefern Informationssignale darüber, wie riskant ein Standort oder eine Nutzung ist: Wer im Überschwemmungsgebiet oder am brandgefährdeten Waldrand wohnt, muss mehr zahlen. Waldbrandversicherungen sind besser als Waldbrandentschädigungen. Ein besonders brandgefährdeter Kiefernwald in Brandenburg würde höhere Prämien kosten als ein feuchter Mischwald in einer weniger gefährdeten Region.
Extraktiv wäre es, das Risiko zu sozialisieren. Inklusiv wäre es, das Risiko mit einem Preis zu versehen.
Der Staat stellt dazu mit Steuern finanzierte öffentliche Güter bereit: Deiche, Frühwarnsysteme für Wasserknappheiten oder Überschwemmungen. Er baut seine kommunale Feuerwehr aus und unterstützt die freiwillige Feuerwehr. Und er fördert für vulnerable Gruppen den Einbau von Klimaanlagen in Schulen, Kliniken, Altenheimen. Um die Klimatisierung von Fabrikhallen und Büros müssen sich die Unternehmen kümmern.
Dass es heißer wird, ist unvermeidlich. Dass daraus verheerende Waldbrände werden, lässt sich zumindest unwahrscheinlicher machen. Hitze macht nicht arm. Die Unfähigkeit, sich an Hitze anzupassen, kann arm machen.
