
Knapp eine Woche nach einer Massenentführung hat die Regierung in Nigeria eine groß angelegte Suchaktion nach den Opfern gestartet. Schätzungen nach wurden am vergangenen Freitag etwa 600 Menschen in einem Dorf im Bundesstaat Niger im Nordwesten des Landes verschleppt. Einige hatten am Freitagsgebet in einer Moschee teilgenommen.
Nigerias Präsident Bola Tinubu teilte nun in den sozialen Medien mit, er habe die Streitkräfte, die Polizei und alle relevanten Behörden aufgefordert, unverzüglich eine koordinierte Rettungsaktion zu beginnen. Kurz nach der Entführung hatte er die Tat bereits als „feigen Angriff auf wehrlose Nigerianer“ bezeichnet. „Ihr seid nicht allein. Die ganze Nation teilt eure Angst“, sagte er an die Familien gerichtet. „Wir werden nicht ruhen, bis eure Söhne, Töchter, Mütter und Väter sicher zu euch zurückgekehrt sind.“
Am vergangenen Wochenende war in den sozialen Medien ein zunächst nicht verifiziertes Video aufgetaucht, in dem Männer, Frauen und Kinder in einem bewaldeten Gebiet zu sehen sind, umgeben von bewaffneten Männern. Einer von ihnen richtete sich an die Familien der Gefangenen in der lokalen Hausa-Sprache und forderte sie auf, ihre Angehörigen zu identifizieren. Im Hintergrund waren weinende Kinder zu hören, auch ältere Menschen waren zu sehen. Ein Beamter aus dem Ort sagte der Nachrichtenagentur Reuters, etwa 30 Menschen seien getötet und bestattet worden. Viele Anwohner sollen in das benachbarte Benin geflüchtet sein. Bisher hat sich keine Gruppe zu der Tat bekannt.
Hoher Druck aus den USA
Massenentführungen sind keine Seltenheit in einigen Gebieten des westafrikanischen Landes, insbesondere im Norden. Besonders viel Aufsehen hatte die Entführung der „Chibok-Girls“ im Bundesstaat Borno im Nordosten vor zwölf Jahren erzeugt; sie löste eine internationale Kampagne für ihre Befreiung aus. 276 christliche und muslimische Schülerinnen einer weiterführenden Schule wurden damals von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram verschleppt. Einige sind bis heute nicht wieder aufgetaucht.
In jüngerer Zeit bekam eine Reihe an Überfällen im November vergangenen Jahres viel Aufmerksamkeit. Insbesondere die Entführung von mehr als 300 Schülern und Mitarbeitern einer katholischen Schule in Papiri, ebenfalls im Bundesstaat Niger, führte zu heftigen Vorwürfen des US-Präsidenten Donald Trump, die nigerianische Regierung sehe dem „Morden von Christen“ untätig zu. Tinubu gestand damals ein, dass die Sicherheitslage ein Problem darstelle, wies aber die Darstellung zurück, überwiegend Christen seien betroffen.
Damals kündigte der Präsident die Entsendung von mehr als 100.000 Sicherheitskräften an, um Terroristen und sogenannte Banditen insbesondere im Norden des Landes zu bekämpfen. Später kam es zu einem gemeinsamen Militärschlag mit den USA in einem anderen Bundesstaat, der eine dort aktive terroristische Gruppe zum Ziel hatte.
Lösegelder in Millionenhöhe
Für den nigerianischen Präsidenten ist die Rettung der jetzt entführten Menschen auch innenpolitisch von großer Bedeutung. Anfang kommenden Jahres finden die Präsidentschaftswahlen statt, in denen sich Tinubu zur Wiederwahl stellt. In die Wahl vor drei Jahren war er wie seine Vorgänger mit dem Versprechen in den Wahlkampf gezogen, effektiver gegen Terroristen und kriminelle Banden vorzugehen. In großen Gebieten Nigerias aber ist die Angst vor Überfällen immer noch allgegenwärtig.
Nach Beobachtungen von Sicherheitsexperten sind die meisten Entführungen nicht religiös oder ideologisch motiviert. Sie dienen den Banden vielmehr dazu, Lösegelder zu erpressen, um ihre Aktivitäten zu finanzieren. Nach einem Bericht der Beratungsfirma SBM Intelligence haben Entführer zuletzt binnen eines Jahres fast sechs Millionen Dollar erpresst, mehr als dreimal so viel wie in der gleichen Zeit ein Jahr zuvor. Etwa 90 Prozent davon seien an eine Splittergruppe von Boko Haram geflossen.
Von Juli 2025 bis Juni dieses Jahres sind dem Bericht zufolge mehr als 7800 Menschen entführt worden, 66 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Mindestens 1100 Menschen seien getötet worden. Bekanntlich schlagen die Entführer vor allem in Schulen, Gotteshäusern, auf Märkten und Straßen zu, wo sich große Menschenmengen weitgehend schutzlos versammeln. Teils bleiben die Opfer wochen- oder monatelang in ihrer Gewalt, bis die verzweifelten Angehörigen das Lösegeld aufgebracht und bezahlt haben.
