In „Control“, dem Überraschungshit des finnischen Entwicklerstudios Remedy Entertainment von 2019, war so gar nichts unter Kontrolle, vielmehr geriet die Sache völlig aus dem Ruder. Im „Ältesten Haus“, der Zentrale des Federal Bureau of Control (FBC), hatte sich das Hiss ausgebreitet – eine rot leuchtende außerweltliche Entität, die harmlose Büroangestellte in aggressive Gegner verwandelte. Die Protagonistin Jesse Faden musste sich darum kümmern, ohne dass ihr jemand erklärte, was zur Hölle da eigentlich los war. David Lynch als Videospiel.
Sieben Jahre später erscheint mit „Control: Resonant“ die lang erwartete Fortsetzung. Jesse ist spurlos verschwunden, und ihr Bruder Dylan übernimmt die Hauptrolle. Das Geschehen verlagert sich von drinnen nach draußen, denn das Hiss ist aus der klaustrophobisch machenden FBC-Zentrale ausgebüxt und hat Manhattan in ein Zerrbild seiner selbst verwandelt, in dem die Gesetze der bekannten Physik kaum mehr gelten. Dylan schwebt durch die Stadt, läuft die Wände hoch und schwingt seine übernatürliche Nahkampfwaffe, die wahlweise als Vorschlaghammer, als Doppelklinge oder als Sense fungiert. Die titelgebenden „Resonants“, mächtige extradimensionale Wesen, die als Bossgegner auftreten, muss er sich nacheinander vornehmen, um neue Fähigkeiten zu erwerben und New York zu befreien.
Auf den ersten Blick verspricht der neue Teil, der am 24. September erscheint, einer der vielversprechendsten Titel des Jahres zu werden, aber nur für ein ausgewähltes Publikum. Das surreale Setting und das actionlastige Gameplay werden nicht jedem gefallen, zumal „Control: Resonant“ manchen Spielern schlicht zu schwierig sein dürfte. Auf einer Demonstration bei der Gamescom starb selbst der geübte Entwickler beim Bosskampf mehrere Bildschirmtode.
Eigentlich dürfte der neueste Ableger von „Silent Hill“ gar nicht „Silent Hill“ heißen. Denn die Geschichte von „Townfall“ spielt nicht in der (fiktiven) titelgebenden Kleinstadt in Maine, sondern in der (ebenso fiktiven) Küstenstadt St. Amelia auf einer abgelegenen Insel in Schottland. Das ist nicht das Einzige, was diesmal anders ist. Zum ersten Mal erlebt der Spieler das Geschehen aus der Egoperspektive. Das hatte schon 2014 bei „P.T.“ gut funktioniert, der Demo mit Kultstatus, die es nie zum fertigen „Silent Hill“ schaffte.
Nun also „Townfall“. Simon Ordell wird 1996 nach St. Amelia gerufen, um „die Dinge in Ordnung zu bringen“, was auch immer das heißen mag. Ohne Erinnerungen und mit einem Infusionsbeutel am Arm wird Simon an die Küste gespült und erkundet eine nebelverhangene Stadt, die nur scheinbar verlassen ist. Zwar findet Simon zerbrechliche Nahkampfwaffen und später auch einen Revolver, aber vor allem mit Letzterem sollte er vorsichtig sein, der laute Knall lockt weitere Monster an.
Also geht Simon behutsam vor. Sein Taschenfernseher warnt ihn vor dem, was in der Dunkelheit lauert, und gibt Hinweise für die Lösung zahlreicher Rätsel, die beim ersten Anspielen etwas knifflig, aber machbar erscheinen. Damit das Rauschen und Flimmern des Geräts möglichst echt wirkt, haben die Entwickler sich an alten Röhrenfernsehern vergriffen, sie mit Magneten zerstört und das verzerrte Material dann wieder ins Spiel integriert. Screen Burn heißt das schottische Entwicklerstudio passenderweise, Konami fungiert nur als Publisher. Seit der Veröffentlichung der ersten vier „Silent Hill“-Spiele haben die Japaner die Produktion an westliche Entwickler ausgelagert und verdienen an den Markenrechten. „Townfall“ erscheint am 24. September.
Das Genre der Egoshooter ist nicht unbedingt immer für tiefgründige Geschichten und komplexe Welten bekannt. Eine erfrischende Ausnahme bildet die „Metro“-Reihe des ukrainischen Entwicklerstudios 4A Games. Weil die städtische Oberfläche von Moskau nach einem Atomkrieg unbewohnbar geworden ist, haben sich die Menschen in den Metrostationen eingerichtet. Der stumme Protagonist Artyom wagt immer wieder Ausflüge nach oben und bekommt es dort mit extremer Kälte, heftiger Strahlung und mutierten Kreaturen zu tun. „Metro“ war nie nur stupides Geballer, sondern ein Spiel mit dichter Atmosphäre. Mit der Taschenlampe tastet man sich in dunkle Gänge vor, lauscht auf den Ausschlag des Geigerzählers und wischt sich über das verdreckte Glas der Gasmaske.
Der mittlerweile vierte Teil „Metro 2039“, der im Februar 2027 erscheinen soll, ist der erste seit der russischen Vollinvasion in der Ukraine. Der Hauptsitz von 4A Games wurden schon 2014, nach der Annexion der Krim, nach Malta verlegt, aber auch heute noch arbeiten in Kiew Entwickler unter den extremen Bedingungen des Krieges. Diese Erfahrungen fließen in „Metro 2039“ ein. Vorbei ist es mit den Grauzonen und vielschichtigen Konflikten der früheren Teile. Eine Fraktion namens Novoreich hat die Gewalt über die Metro übernommen, ihre Propaganda hallt durch die U-Bahn-Schächte, und Artyoms früherer Mentor führt die Truppen als „Führer“ an. Der Protagonist ist diesmal nicht Artyom, sondern ein namenloser Fremder, der aus dem Exil zurückkehrt, um seine Ehefrau zu finden.
Der russische Autor Dmitry Glukhovsky, auf dessen Romanen die „Metro“-Reihe basiert, lebt als Kritiker des russischen Angriffskriegs mittlerweile ebenfalls im Exil. Auch an der Geschichte von „Metro 2039“ hat er mitgeschrieben – sie soll nach seiner Aussage „düsterer“ werden als „alles, was ihr bisher gesehen habt“.
The Witcher 3: Songs of the Past
Bei der Eröffnungsfeier der Gamescom, dieser zweistündigen Aneinanderreihung von Trailern für Neuerscheinungen, wurde am lautesten für ein Spiel geklatscht, das seit nunmehr elf Jahren auf dem Markt ist. Aber nicht irgendein Spiel. „The Witcher 3: Wild Hunt“ gehört zu den beliebtesten und erfolgreichsten Titeln der Videospielgeschichte – so erfolgreich, dass Entwicklerveteranen sich zusammengetan haben, um die Fans nach so langer Zeit mit einer dritten und letzten Erweiterung namens „Songs of the Past“ zu beglücken.
Der weißhaarige Hexer Geralt von Riva kehrt also unverhofft aus dem Ruhestand zurück, um seinen Bardenkumpel Rittersporn zu suchen. Der ist nämlich spurlos verschwunden. Es muss etwas passiert sein, seine Laute würde er sonst nicht einfach so zurücklassen. Mit Rittersporns Cousine Lilla zieht Geralt zum Dornengarten los, wo es schnell vorbei ist mit der Idylle der neuen spielbaren Region Letten. Apropos Letten: Aus den Witcher-Büchern von Andrzej Sapkowski ist Rittersporn auch als Julian Alfred Pankratz, Viscount de Lettenhove, bekannt. Doch der Barde macht sich wenig aus seinem Adelstitel und zieht lieber mit Geralt durch die Welt, dessen Abenteuer ihm perfekten Stoff für seine Balladen liefern.
Irgendwann im Jahr 2027 soll „Songs of the Past“ erscheinen. Um die Wartezeit erträglicher zu gestalten, bekommt das Hauptspiel schon am 29. September ein umfangreiches Remaster. Unter anderem sollen die Monster sich zukünftig intelligenter verhalten und Kämpfe flüssiger ablaufen, Grafik und Animationen werden an den aktuellen Stand der Technik angepasst und der Fähigkeitenbaum überarbeitet. Das Remaster ist kostenlos für alle Besitzer des Hauptspiels und enthält auch die ersten beiden Erweiterungen. „Songs of the Past“ soll dann Geralts letztes Abenteuer werden. Das polnische Entwicklerstudio CD Projekt Red arbeitet derweil schon am vierten Teil von „The Witcher“, in dem Geralts Adoptivtochter Ciri die Hauptrolle übernimmt. Zudem ist ein Remake des ersten Teils geplant.
