Wenn man den massenwirksamen, wunderbar mitreißenden Klamauk der „Rocky Horror Picture Show“ kurz beiseitelassen darf, dann kann man sagen: Tim Curry war im Grunde einer aus der britischen Nachkriegsschauspielerriege derer von Richard Burton und Jon Finch, wie diese mit einem Händchen für aufsehenerregende, ihn ein für allemal festnagelnde Rollen.
Curry, 1946 in der Grafschaft Cheshire im nordwestlichen England an der Grenze zu Wales geboren, schloss sich in jungen Jahren unter anderem der Royal Shakespeare Company an und kam dann, 1973, an die Rolle, die nicht nur in der Unterhaltungskultur jenes Jahrzehnts Epoche machte, sondern auch in seinem eigenen Leben: Schon im Londoner „Rocky Horror“-Musical von Richard O’Brien, den er seit seinem „Hair“-Engagement 1968 kannte, spielte er den nicht von dieser Erde stammenden Dr. Frank N. Furter, der sich in seinen sexuellen Nöten frankensteinhaft mit der Herstellung eines auch diesbezüglich verfügbaren Mannes zu helfen weiß, mit einer solchen Hingabe und Präsenz, dass es auch bei der Verfilmung durch Jim Sharman und O’Brien zwei Jahre später nichts zu überlegen gab.
Erst hier, unter den von der Produktion gewährten Platzverhältnissen eines Breitwandformats, mit Mieder, Strapsen und High Heels, entfaltete sich Tim Currys gesamtdarstellerische Kraft, Pracht und Wucht vollends. Was er an Körpersprache und Athletik, an Mimik und natürlich auch, sprechend wie singend, stimmlich leistet, vergisst man nicht wieder; besonders nicht den absoluten Glanzauftritt vor den staunend-schockierten Augen des von Susan Sarandon und Barry Bostwick gespielten, dümmlichen Pärchens, bei dem er, verführerisch schmunzelnd, den selbsterklärenden Song „Sweet Transvestite (From Transexual, Transylvania, ha ha!)“ mit dermaßen evidenter Lust und einer an seinem breit grinsenden Gesicht abzulesenden parodistischen Selbstironie schmettert, dass es einfach eine Freude ist.
Dass dieser Film, der zunächst beinahe abgesoffen wäre, dann einen solchen Kultstatus entwickelte, der sich bis heute in Mitmach- und Verkleidungsvorführungen auch praktisch zeigt, ist bemerkenswert in Zeiten, in denen eine so rückhaltlos komödiantische Bearbeitung eines queeren Stoffes nicht mehr ohne weiteres möglich scheint. Maßgeblich ist es Tim Curry zu verdanken, dessen Energie schwächere Elemente der Geschichte spielend wegbläst. Als Schauspieler blieb Curry dem Horror treu. Um seine Clownsrolle in der Stephen-King-Verfilmung „Es“ (1990) hätte man mindestens ein solches Aufhebens machen können wie um den später von Heath Ledger verkörperten Batman-Joker; genauso um den Hotelier, den er, nun wieder komödiantischer, in „Kevin – Allein in New York“ (1992) spielte.
Tim Curry, auch ein markanter Synchron- und Computerspielesprecher, war, trotz Shakespeare, letztlich aber ein Rock ’n’ Roller vor dem Herrn und nahm Ende der Siebziger vorzügliche Platten auf. Der Schlaganfall, den er 2012 erlitt, nahm ihn aus dem Spiel der großen Unterhaltung, in dem er eine so prächtige Figur machte. Wie sang er 1979 in seinem großen, das endlose name dropping von Billy Joels „We Didn’t Start The Fire“ vorwegnehmenden Hit „I Do The Rock“ mit dem wunderbar spielfreudigen Video, in dem er Jürgen-Klopp-haft die Zähne bleckt? „Me, I do the only thing that stops me growing old. I do the rock“. Ewig ging das nicht. Timothy James „Tim“ Curry ist nun 80-jährig in Los Angeles gestorben.
