
Dieses angepeilte profitable Wachstum dürfte skeptische Stimmen an der Börse zumindest vorübergehend leiser werden lassen. Angesichts der rasanten Entwicklung der KI-Branche mit jährlichen Investitionen im dreistelligen Milliarden-Dollar-Bereich hatten sich Anleger zuletzt bei Aktien von Branchenunternehmen eher zurückgehalten, als dass sie zugriffen. Nvidia dürfte mit seinem jüngsten Zahlenwerk den Skeptikern nun einiges an Wind aus den Segeln nehmen. Bereits im ersten Quartal hatte das Unternehmen Umsatz und Gewinn deutlich gegenüber dem Vorjahr gesteigert.
Der Konzern entwirft Chips, die wichtig für die gesamte Wirtschaft sind – sind sie doch unabkömmlich für die Entwicklung von Systemen der Künstlichen Intelligenz (KI). Nvidia war aus einem Start-up hervorgegangen, das noch in den neunziger Jahren elektronische Steuerbausteine für Videospiele entworfen hatte. Heute ist es die größte börsennotierte Gesellschaft der Welt. Der Kurs der Aktie legte im Verlauf dieses Jahres weitere zwölf Prozent auf nun 210 Dollar zu. Im nachbörslichen Handel gab der Kurs der Aktie zur Bekanntgabe der Ergebnisse des zweiten Quartals des laufenden Geschäftsjahres allenfalls leicht nach.
Der aktuelle Börsenkurs gibt Nvidia einen Marktwert von rund 5100 Milliarden Dollar (4400 Milliarden Euro). Das entspricht in etwas der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands. Die Bewertung macht Nvidia darüber hinaus zum wertvollsten Unternehmen der Welt, vor Apple (4200 Milliarden Dollar), dem Google-Konzern Alphabet (3650 Milliarden Dollar) und Microsoft (3600 Milliarden Dollar). Die am Frankfurter Parkett im Leitindex Dax gelisteten 40 größten deutschen börsennotierten Unternehmen kommen auf einen Gesamtwert von umgerechnet 2,5 Milliarden Dollar.
Historisch hohe Investitionen
Die Auftragsbücher von Nvidia sind nach wie vor gut gefüllt und die Kassen voll. Das Unternehmen verfügt über liquide Mittel von 80 Milliarden Dollar. Ferner weist es den Wert seiner derzeitigen Firmen-Beteiligungen mit mehr als 75 Milliarden Dollar aus. So rüstet Nvidia nicht nur KI-Unternehmen wie OpenAI, Oracle und Anthropic mit Chips aus, es ist auch direkt mit 63 Milliarden Dollar an acht großen Unternehmen wie Intel, Nokia und SpaceX beteiligt. Indirekt hält Nvidia über eine Kapitalgesellschaft für weitere zehn Milliarden Dollar Anteile an rund 130 vielversprechenden KI-Start-ups.
Aufgrund dieser Positionen gelten aktuelle Geschäftszahlen von Nvidia als Barometer für die Lage der gesamten Industrie. Nach dem kräftigen Wachstum in den zurückliegenden Quartalen zeigen sich Anleger und Analysten nun allerdings etwas vorsichtiger. Denn das Rad, welches die Branche mittlerweile dreht, hat eine Größe erreicht, die in der jüngeren Geschichte einzigartig ist. Werden doch allein in Amerika in diesem Jahr etwa 600 Milliarden Dollar in neuartige KI-Rechenzentren verbaut. Bis 2030 sollen sich die Gesamtinvestitionen allein dort auf 4000 bis 7000 Milliarden Dollar belaufen.
Geldgeber des KI-Booms
Fast die Hälfte dieses Geldes ist für Chipsysteme eingeplant. Die stammen vor allem von Nvidia. Sie sind wegen ihrer Leistungsfähigkeit momentan für alle Unternehmen, die KI entwickeln oder mit ihr im großen Stil arbeiten, so gut wie unersetzlich. Konkurrenten wie AMD oder Qualcomm stehen bislang nur in der zweiten Reihe. Ein Ende dieses Zustandes ist nicht in Sicht. Das lässt Nvidia wie eine Spinne fest im Zentrum des globalen KI-Netzwerkes sitzen. Angesichts der wachsenden Vorsicht und aufkeimenden Skepsis könnte dieses Netz aber auch rasch reißen.
Um das zu verhindern, hat sich der Nvidia-Vorstand um Gründer Jensen Huang neben seinem eigentlichen Chip-Geschäft mehr und mehr zu einem zentralen Geldgeber des laufenden KI-Booms entwickelt. Dank seines technologischen Monopols, der gewinnreichen Geschäfte und der vollen Kassen knüpft Nvidia nicht nur engmaschige Partner- und Beteiligungsnetze. Es greift Lieferanten und Kunden mit Darlehn, Bürgschaften und Beteiligungen auch kräftig unter die Arme. Daher wird Nvidia gern auch die „Hausbank der KI“ genannt.
So gab der Halbleiterkonzern im abgelaufenen Quartal eine finanzielle Absicherung in Höhe von 105 Milliarden Dollar (91 Milliarden Euro) für den Bau eines riesigen Datenzentrums des KI-Anbieters OpenAI in Ohio. In den dort stehenden Computern werden vor allem Nvidia-Chips arbeiten. Kurz zuvor hatte Nvidia erklärt, es ziehe mit Wall-Street-Häusern wie Goldman Sachs, KKR, Blackrock und Apollo eine Finanzplattform auf, über die in den kommenden Monaten bis zu 500 Milliarden Dollar zur Finanzierung künftiger KI-Entwicklungen mobilisiert werden.
So gibt Nvidia einem Teil der Kunden seiner Chips milliardenschwere Restwertgarantien. Damit sichert es faktisch zu, dass seine verkauften Halbleiterbausteine nach vier bis sechs Jahren Nutzung auf Wiederverkaufspreise von mindestens einem Viertel der ursprünglichen Anschaffungskosten kommen. Je nach Vertrag würde Nvidia entstandene Differenzen ausgleichen. Das könnte mit einem dreistelligen Milliarden-Dollar-Betrag zu Buche schlagen.
