Die Nacht kommt plötzlich in Harar. Eben noch liegt die Sonne auf den flachen Dächern, dann kriechen Schatten durch die engen Gassen, und vom Tag bleibt für einen Augenblick nur ein mattes Flimmern in der Luft. Kurz darauf ist der Himmel pechschwarz. Der Ruf des Muezzins ist längst verstummt, nur das Bellen der Hunde wird immer stärker. „Ein gutes Zeichen“, sagt Bonsa Hafiz Ahmed. „Wenn die Hunde bellen, dann sind sie hier.“
Drei hungrige Hyänen umkreisen den Mann
Es dauert ein paar Minuten, bis im Halbdunkel die ersten Augen aufblitzen. Erst ist es ein Paar, dann zwei, dann sechs, dann immer mehr, wie kleine grüne Funken. Nach etwa zehn Minuten lösen sich die Tiere aus dem Schatten.
Drei hungrige Hyänen umkreisen den Mann, ihre Ohren zucken erwartungsvoll vor und zurück. Hin und wieder blitzen ihre Zähne auf. Neben Ahmed steht ein Eimer mit zerschnittenen Eingeweiden von Kamelen und Ochsen.
Er nimmt ein Stück Fleisch, steckt es auf einen Spieß und hebt es in die Luft. Dann pfeift er, hoch und tief und wieder hoch. Eine Hyäne kommt heran, scheinbar gelangweilt, dann springt sie hoch und schnappt nach dem Spieß. Kaum hat sie gefressen, wagen sich weitere Tiere aus dem Gebüsch.
Hyänen als hässliche Randfiguren der Schöpfung
Ahmed ist 20 Jahre alt. Hyänen füttert er, seit er zwölf ist. Er ist einer von mehreren sogenannten „Hyänenmännern“ in Harar. Die Stadt im Osten Äthiopiens ist so alt, dass niemand mehr genau sagen kann, wann sie überhaupt gegründet wurde. Abgesehen von einigen wenigen Zugeständnissen an das moderne Leben – Strom, Whatsapp, fließend Wasser – hat sich hier scheinbar seit Jahrhunderten nichts verändert. Auch das Verhältnis zu den Hyänen nicht.

In weiten Teilen des Landes sind Tüpfelhyänen als bösartige Aasfresser verschrien, als hässliche Randfiguren der Schöpfung, die nicht einmal richtig brüllen, sondern hämisch kichern, wenn sie ihre Opfer zerreißen. Der Zoologe Alfred Brehm schrieb einmal, unter sämtlichen Raubtieren sei die Hyäne „unzweifelhaft die missgestaltetste, garstigste Erscheinung“; verhasst sei das Tier aber vor allem wegen seines Charakters.
Auch vor Menschen machen Hyänen nicht immer halt. Ihre Kiefer zermahlen Knochen mühelos. „Die Menschen außerhalb der Stadt haben große Angst vor den Hyänen“, sagt Ahmed. „Im Hochland glauben manche, böse Menschen verwandelten sich nachts in Hyänen und griffen ihre Nachbarn an.“
Der Pakt, mit dem alles begann
Das Handwerk hat Ahmed von seinem Onkel Yusuf Mumea Saleh gelernt. Der ist 76 Jahre alt und hatte den ersten Kontakt zu Hyänen, als er zwei war. Die Verbindung zwischen Harar und den Tieren reiche weit zurück. „Vor vielen Hundert Jahren herrschte in der Gegend eine Hungersnot, und Hyänen machten Jagd auf Gebrechliche und Kranke“, sagt Saleh. Daraufhin hätten die Heiligen von Harar einen Pakt geschlossen: Die Menschen würden den Hyänen Brei geben, und die Hyänen würden die Menschen in Ruhe lassen.

Eine andere Legende erzählt es prosaischer. Der Emir habe einst eine Mauer um Harar errichten lassen. Bei Sonnenuntergang wurden die Tore geschlossen. Die Raubtiere soll das derart aufgebracht haben, dass der Emir schließlich kleine Holztore in die Mauer einbauen ließ, durch die die Hyänen nachts kommen konnten, um Aas zu fressen. Noch heute sind diese kleinen Öffnungen in der Stadtmauer zu sehen.
Einmal im Jahr, im Sommer, werden noch immer große Töpfe mit Brei aus Getreide und Butter für die Hyänen herausgestellt. Wenn sie davon fressen, gilt das als gutes Zeichen. Dann ist die Stadt im kommenden Jahr sicher – vor Hyänen, vor Krieg, vor Dürre, vor bösen Geistern. Viele Menschen in Harar glauben, die Tiere beschützten sie vor den Dschinn, jenen unsichtbaren Wesen, die von den Stadtbewohnern Besitz ergreifen können. „Die Hyänen fressen die Dschinn und würgen sie wieder aus“, sagt Saleh. „Dann hört man ein lautes Kreischen.“
Was passiert, wenn das Futter ausgeht?
Hyänen, heißt es in Harar, besitzen übernatürliche Kräfte. Sie können mit den Toten sprechen, Botschaften überbringen, zwischen den Welten vermitteln. „Waraba“ nennt man sie hier: Nachrichtenüberbringer. Wenn man einer Hyäne gegenübersteht, die mit schräg gelegtem Kopf zu einem aufblickt, klingt das plötzlich gar nicht mehr so abwegig. Manchmal wirken die Tiere tatsächlich, als bewegten sie sich in einer anderen Schicht der Wirklichkeit. Als sähen sie Dinge, die für das menschliche Auge unsichtbar sind.

In Salehs Familie begann die Tradition eher zufällig. Sein Vater habe seinen Hund mit Fleischresten gefüttert. Die Hyänen rochen das Fleisch und kamen näher. Er habe dann auch angefangen, sie zu füttern – vermutlich nicht ganz uneigennützig. Nach ein paar Wochen hörte er auf, denn Fleisch war teuer. Die Hyänen aber kamen weiter. Und als sie verstanden, dass es hier nichts mehr zu holen gab, kein Futter mehr ausgegeben wurde, fingen sie an, an den Fundamenten des Hauses zu graben, um hineinzukommen.
Mehr als hundert Hyänen leben heute in und um Harar. Ein Drittel davon kennt Saleh beim Namen. „Sie sind ausgesprochen freundlich“, sagt er. „Sie greifen nicht einmal meine Hunde an.“ Im Laufe der Jahre ist aus der Fütterung ein Familienbetrieb geworden. Manchmal füttert Saleh die Tiere noch selbst, aber häufig übernehmen das sein Sohn oder sein Neffe. Selbst der Enkel hilft gelegentlich.
Ein spezieller Hyänen-Dialekt
Salehs Bindung zu den Hyänen sei so stark, sagt er, dass er einen speziellen Dialekt entwickelt habe, um mit ihnen zu kommunizieren. Einmal hätten ihn Hyänen zu zwei Arbeitern auf seinem Feld geführt, weil sie die Männer wohl für Diebe hielten. Ein anderes Mal hätten sie ihn zu ihrem Bau gebracht, wo gerade Junge geboren worden waren.
Bis vor einigen Jahren fütterte Saleh die Tiere noch auf einem Stück Brachland, das zuvor eine Müllhalde gewesen war. Inzwischen hat die Kommunalregierung für umgerechnet zwei Millionen Euro ein Amphitheater in einem sogenannten Ökopark gebaut, samt bislang leer stehenden Geschäften, einem Café und einem Museum.
Der Grund ist nicht nur touristischer Ehrgeiz: Harar wächst längst über seine alten Mauern hinaus und drängt immer weiter in den Lebensraum der Hyänen. Für 500 Birr, umgerechnet knapp drei Euro, kann man sich neben die Hyänenmänner setzen. Die Familie betont, sie mache es nicht des Geldes wegen. Touristen verirren sich ohnehin nur selten hierher, in diese Gegend nahe der Grenze zu Somaliland.
So nah, dass man ihren Atem im Gesicht spürt
An diesem Abend ist eine Gruppe kenianischer Besucher gekommen. „Ich wollte das unbedingt sehen“, sagt Zeydi Asad, 24. „Wann kommt man wilden Tieren schon einmal so nah?“ Dann lächelt er unsicher. „Ein bisschen Angst habe ich schon. Hyänen haben ja nicht den besten Ruf.“ Bonsa Hafiz Ahmed winkt ihn zu sich heran und gibt ihm ein Stöckchen mit Fleisch.
Die Hyänen warten erstaunlich geduldig, bis sie an der Reihe sind. Dann lässt Bonsa ein Stück Fleisch über dem Kopf des Touristen baumeln. Eine Hyäne springt hoch, stützt sich mit den Vorderpfoten gegen seinen Oberkörper und schnappt danach. Schließlich soll Asad den Stock mit einem Stück Fleisch in den Mund nehmen. Die Hyäne kommt so nah, dass er ihren Atem im Gesicht spürt und erschrickt.
Der Tourismus, sagt Saleh, schade den Hyänen nicht. Er bringe Geld in die Stadt, und er könne jetzt mehr Futter kaufen. Trotz des Wachstums der Stadt werde die Zahl der Hyänen nicht weniger und die Verbindung zu ihnen sogar noch stärker. Aufhören könne er ohnehin nicht. „Dann werden die Tiere uns bestrafen“, sagt Yusuf. „Sie würden großes Unglück über uns bringen.“ Er werde sie füttern, bis er tot ist.

