Das Beste an Oebisfelde ist die B 188 nach Wolfsburg. Das könnte man jedenfalls meinen, wenn man diesen beschaulichen Ort in Sachsen-Anhalt besucht, in dem selbst das Hotel in der historischen Altstadt damit wirbt, ganz nah dran zu sein an der Autostadt in Niedersachsen. Aber so einfach ist es natürlich nicht.
Beginnen wir von vorn, an einer Bushaltestelle in Wolfsburg. Eigentlich fährt eine Regio innerhalb von acht Minuten aus der Großstadt in Niedersachsen in den kleinen Ort Oebisfelde in Sachsen-Anhalt. Aber heute ist Schienenersatzverkehr. Der Bus ist gut gefüllt, und beim Blick aus dem Fenster sind jetzt die vier riesigen Schornsteine des VW-Werks zu sehen, darauf ein Banner mit dem neuen Slogan des Bundeslandes: „NIEDERSACHSEN. DAS IST GROẞ.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Als der Bus auf die B 188 abbiegt, sind einige der Passagiere bereits eingeschlafen. Manche von ihnen stecken noch in ihrer Arbeitskluft. Wenn es in den Kurven heftig ruckelt, werden sie kurz wieder wach. Doch ihre Augen sind schwer, fallen sofort wieder zu. Nach rund zwanzig Minuten ist es dann so weit. Erster Halt: Oebisfelde.
Wie blicken die Menschen hier auf die Landtagswahl?
Rund 80 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt leben im „ländlichen Raum“ – nämlich in dem Gebiet, das nicht Halle oder Magdeburg ist. Die Landtagswahl am 6. September entscheidet sich also nicht maßgeblich in den großen Städten, sondern in den vielen kleinen Orten. Zum Beispiel in Oebisfelde. Stellt sich die Frage: Wie geht es den Menschen hier? Wie blicken sie auf die bevorstehende Landtagswahl?

Insgesamt wohnen in Oebisfelde rund 5000 Menschen, wobei Oebisfelde genau genommen nur noch ein Ortsteil der Einheitsgemeinde Oebisfelde-Weferlingen ist, zu der wiederum weitere umliegende Dörfer gehören. Beim Weg durch die Unterführung am Bahnhof werden die ersten Themen sichtbar, die die Menschen hier beschäftigen. An die Wand ist eine Friedenstaube gesprüht, „Stop War“. Und immer wieder „FCK AfD“. Dann, kaum aus der Unterführung raus, fährt ein älterer Mann auf einem Moped aus DDR-Zeiten, einer Simson, vorbei. Um die Ecke steht ein Geschäft leer: „Zu verkaufen“. Drei weitere Männer auf Simsons.
Einen von ihnen treffen wir später zufällig auf dem Edeka-Parkplatz wieder. Michael Frank, 65 Jahre alt, in Oebisfelde geboren, will sich gerade nur kurz eine Cola kaufen. Er trägt eine Kappe und eine kurze, orangefarbene Warnschutzhose voller Schmiere. Frank repariert Rangierlokomotiven, mittlerweile ist er eigentlich in Rente, aber die Lokomotiven seien seine Berufung. Deshalb habe er sich damit vor einigen Jahren selbständig gemacht.
Früher war Oebisfelde eine Eisenbahnstadt. Erst Knotenpunkt in Sachsen-Anhalt, nach dem Zweiten Weltkrieg dann war hier ein Grenzbahnhof zwischen DDR und BRD. Frank erzählt, er habe früher bei der Deutschen Reichsbahn gearbeitet, der Staatsbahn der DDR. Er öffnet seine Colaflasche mit einem Schraubenzieher. Gerade sei er auf dem Weg zum Arzt. Auf einer Simson? Ja, er habe kein eigenes Auto, und in Oebisfelde brauche er nur seine Simson.
Über die Landtagswahl, sagt Frank, mache er sich keine Gedanken. Aber als Selbstständigen störe ihn das „Drumherum“ mit den Steuern. Jeder wolle was vom Kuchen abhaben. „Ich mache jetzt ganz entspannt.“ So richtig über Politik reden möchte Frank nicht. Stattdessen kommt er immer wieder auf seine Lokomotiven zu sprechen. Und wen er wählen wird, wisse er ohnehin noch nicht.
Die VW-Krise drückt auch hier auf die Stimmung
In den landesweiten Umfragen vor der Landtagswahl liegt die AfD deutlich vorn. Und auch Oebisfelde-Weferlingen gehört zu einem Wahlkreis, in dem die AfD bei der vergangenen Bundestagswahl 36,4 Prozent aller Zweitstimmen holte. Die SPD, zeitweise stärkste Kraft, stürzte von 28,1 im Jahr 2021 auf 12,7 Prozent. Die CDU wurde mit 20,9 Prozent zweitstärkste Kraft.
Im Park schräg gegenüber sitzt ein Mann auf einer Bank. Er raucht und trinkt Dosenbier. Eigentlich, erzählt er, arbeite er in Wolfsburg bei VW im Logistikzentrum, aber heute hat er frei. Der Mann möchte anonym bleiben. Er ist 46 Jahre alt und in Oebisfelde geboren. Fragt man ihn, was ihn derzeit am meisten beschäftigt, dann erwähnt er zuallererst „die Arbeitsmoral“. Die sei gesunken. Gleichzeitig fehle es hier an Arbeitsplätzen. Und jetzt stecke auch noch VW in der Krise.

Erst im Juni war bekannt geworden, dass der Konzern weltweit bis zu 100.000 Stellen streichen will. Und die Krise von VW drückt eben auch in Oebisfelde die Stimmung. Eigentlich gibt die Nähe zu Niedersachsen vielen hier Sicherheit. Sie profitieren von vergleichsweise guten Löhnen in Niedersachsen und den recht niedrigen Mieten in Sachsen-Anhalt. Brechen in Wolfsburg die Arbeitsplätze weg, kann aber nicht eben so auf einen Job in Oebisfelde und Umgebung ausgewichen werden. Im Zweifel bleiben dann nur noch Braunschweig, 50 Kilometer, Magdeburg, 70 Kilometer, oder Hannover, 100 Kilometer entfernt. In solchen Abhängigkeiten macht sich die Strukturschwäche vieler Regionen Sachsen-Anhalts besonders bemerkbar.
Und Strukturschwäche heißt hier auch: Kneipensterben. Der Mann erzählt, es fehle nicht nur an Jobs, sondern auch an solchen Orten der Zusammenkunft. Vor zehn Jahren habe es hier noch zehn Kneipen gegeben. Jetzt keine einzige mehr. Auch das ist ein landesweites Problem, seit 2010 hat jede dritte Kneipe in Sachsen-Anhalt geschlossen. Kleinstädte und Dörfer sind besonders betroffen.
Dönerladen statt Kneipe
Schließlich sagt der Mann, er sei für „die Wagenknecht“. Dann beginnt er noch von Migration zu sprechen. Er sagt, „die“ beziehen Stütze vom Staat, doch würden nichts dafür tun. Nur die Ukrainer arbeiteten hart, und es gebe noch drei Dönerläden und da „bezahlen alle Steuern“. In Oebisfelde-Weferlingen liegt der Ausländeranteil bei fünf Prozent. Weit unter dem Bundesdurchschnitt.
Wir ziehen weiter. Am Rand einer großen Wohnsiedlung der ansässigen Wohnungsbau GmbH liegt einer der Dönerläden. Der Mitarbeiter kann nichts zur Wahl sagen. Er wohne in Wolfsburg und arbeite hier, weil das ein Familienbetrieb sei. In Oebisfelde habe er sich noch nie umgeschaut. „Alle sagen, hier ist nichts.“ Zu dem Laden gehört eine Terrasse, mit grellem Kunstrasen überzogen, und es gibt ein paar Bänke.
Nach Ladenschluss erlaube er es Jugendlichen, hier draußen noch abzuhängen. Die holten sich dann noch was zu essen, hätten ihre Musikbox dabei und säßen bis in die späten Stunden dort. Ab und zu gebe es welche, die ein AfD-Shirt tragen. Aber Stress habe es noch nie gegeben.

Es geht weiter Richtung historische Altstadt inklusive Burg und den vielen kleinen Fachwerkhäusern. Aber Oebisfelde ist leer gefegt. Nur aus einer der Gartenlauben tönt Musik. Ausgerechnet „Forever Young“ von Alphaville. Marian Gold singt da „Hoping for the best, but expecting the worst“. Irgendwie passend.
Gegenüber ist ein Scheunentor, an dem geschätzt dreißig Schilder hängen. Darauf stehen Sprüche wie „Mit leerem Hirn spricht man nicht!“ oder „Heute: Betreutes Trinken“. Und dazwischen finden wir dann noch diese Botschaften: „Keiner mag die Grünen“ und einen Reichsadler mit eisernem Kreuz auf der Brust und der Schrift „Deutsches Reich“.
Wo sind die AfD-Wahlplakate?
Ansonsten ist an diesem Mittwoch kaum etwas zu sehen, dass auf eine starke AfD hinweisen würde. Vor allem aber hängt hier kein einziges Wahlplakat der Partei. Nachfrage beim Bürgermeister: Wo sind die AfD-Wahlplakate?
Marc Blanck ist 44 Jahre alt und seit Januar 2025 CDU-Bürgermeister von Oebisfelde-Weferlingen. Also die Sache mit den AfD-Plakaten. Blanck seufzt. Die seien so stark beschmiert worden, dass die AfD kurzerhand alle abgehängt habe. Aber nächste Woche veranstalte die Partei einen Bürgerdialog, und Blanck ist sich sicher, dass davor wieder alle Plakate hängen werden.
Und wie geht es hier sonst so? Blanck erzählt von den klassischen Problemen in den ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts: dem ÖPNV und dem demographischen Wandel. In Oebisfelde-Weferlingen sind im vergangenen Jahr nur knapp 60 Kinder auf die Welt gekommen. „Das reicht in Zukunft nicht für vier Grundschulen und zehn Kitas und die ganzen Vereine“, sagt Blanck. Die Kitas verteilen sich zwar auf die umliegenden Ortschaften, aber allein der „Knirpsentreff“ in Oebisfelde hat Platz für 55 Kinder. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich die Geburtenrate fast halbiert.

Blanck erzählt auch, dass er immer wieder im Austausch mit Wählern der AfD sei. „Die sagen dann: ‚Du bist ein Netter, aber ich wähle trotzdem die AfD.‘ Wenn man fragt warum, dann geht es um Existenzängste. Sie haben Angst, ihre Arbeit zu verlieren.“ Die hohen Spritpreise, die Migration. All das spiele eine Rolle. „Aber da sind wir ganz schnell bei Themen, die wir in der Kommune und auch in Sachsen-Anhalt nicht beantworten können“, sagt Blanck.
Immer wieder geht es um die großen Themen
Und es stimmt. Fragt man die Menschen hier, was sie beschäftigt, landet man schnell bei den großen Themen. Eine Strategie, die auch die AfD gerne verfolgt, während sie gleichzeitig Wahlkampf auf der Basis ostdeutscher Identität betreibt. Oder Sven Schulze, der sich während seines Wahlkampfes mit Friedrich Merz anlegt, um sich von der Bundespolitik abzugrenzen, aber schlimmstenfalls genau das Gegenteil bewirkt. Nämlich, dass der Fokus während dieser Landtagswahl am Ende doch wieder beim Bund liegt.
Blanck meint deshalb, wichtig sei, dass die Wähler im September unseren Landtag wählen und nicht den Bundestag. Es gehe nicht um Merz oder Weidel. „Wir brauchen Stabilität und Berechenbarkeit in der Landespolitik, damit wir unsere Kommunen voranbringen können.“

Wenn Blanck von seiner Gemeinde spricht, dann betont er außerdem immer wieder die vielen positiven Sachen. Etwa die starke Gemeinschaft in den Vereinen und das ehrenamtliche Engagement. „Da kann man stolz drauf sein“, sagt er.
Und tatsächlich laufen wir in eines dieser ehrenamtlichen Engagements hinein. Zurück auf dem Edeka-Parkplatz finden wir einen Ort, an dem wir so viele Menschen sehen wie an keinem anderen Platz in Oebisfelde. Sie stehen zwischen Klamottenbergen, Geschirr, Büchern, elektronischen Geräten, begutachten und probieren an. Das alles sind Spenden. Und alles ist für die, die es brauchen, kostenlos. Der Bedarf ist offenbar groß.

Die Hilfseinrichtung ist nach Beginn des Ukrainekriegs entstanden. Einige der Gründerinnen sind selbst aus der Ukraine geflüchtet. Heute stehen die Spenden allen Bedürftigen zur Verfügung, auch Deutschen mit kleiner Rente. Immer wieder kämen auch Menschen aus Wolfsburg, sagt Tatjana Pfennig, eine der Organisatorinnen. Über die Regierung und die bevorstehenden Landtagswahlen sagt sie: „Nur weil etwas nicht perfekt ist, sollte man es nicht aufgeben.“
Einfach nach Niedersachsen ziehen?
Am Abend treffen wir dann noch Sarah, Nikita, Stefan, Nina und Ingo. Wir sitzen auf einer Wiese im Park. Die fünf sind Teil der Initiative „Oebisfelde bleibt bunt“, alle zwischen 34 und 44 Jahre alt. Ihre Nachnamen möchten sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Sie erzählen von ihrer Initiative, wie sie Bäume pflanzen, Müll aufsammeln und Feste organisieren. „Wir wollen alle abholen. Uns geht es nicht um Parteien, sondern um die Gemeinschaft und demokratische Grundsätze“, sagt Nikita. Auf ihren Schuhen steht „Kein Bock auf Nazis“. In ihrer Initiative gebe es Wähler aller Parteien – außer der AfD.

Stefan erzählt, dass vieles hier gut laufe. Die Initiative habe ein gutes Image. Generell wirke Oebisfelde „stabil“. „Nur ein paar jugendliche Mopedfahrer bedienen sich rechter Symbolik.“ Stefan spielt auf den Hype um die Simson unter jungen Menschen an und die sogenannte „Ostalgie“. Anfang vergangenen Jahres seien sie in der Initiative zusammengekommen. Und während es vergangenes Jahr noch viele Hakenkreuze in Oebisfelde gegeben habe, seien die heute verschwunden. „Die verlieren die Lust, wenn man immer wieder hinterher ist und die Schmierereien entfernt“, sagt Sarah und dreht sich eine Zigarette.
Sie erzählt, sie mache sich Sorgen um ihren Sohn aufgrund seiner Hautfarbe. Sie habe Angst, ihn allein rauszulassen. Manchmal überlege sie, ob es nicht besser wäre, wenige Hundert Meter weiter rüber zu ziehen, nach Niedersachsen, damit ihr Sohn dort in die Schule gehen könne. Aber so einfach sei es eben auch nicht. Allein wegen der Mieten. Und außerdem kämen die Probleme am Ende hinterher. Die AfD sei nicht nur ein ostdeutsches Problem. Und die Wirtschaftskrise auch nicht.
Aber trotz allem, sagt Nikita, gebe es hier keine von Angst zerfressene Stimmung vor der Landtagswahl. „Viele AfD-Wähler leben hier halt so mit.“ Man treffe sie in der Nachbarschaft und in den Vereinen. Sich einfach aus dem Weg gehen, das geht in Oebisfelde nicht.
Ein wenig Angst gibt es aber doch. Etwa vor Gewalt. Oder vor dem Älterwerden bei niedrigen Renten und der Frage, ob die Miete später immer noch bezahlbar ist. Und doch sind sie sich einig. Ohnmacht hilft nicht. Man müsse etwas für seinen Ort tun.
Wir gehen zurück zum Bahnhof. Dieses Mal fährt die Regio.
