
Die menschengroßen Büsten, die Gao Zhen zusammen mit seinem Bruder vor mehr als anderthalb Jahrzehnten von Mao Tse-tung anfertigte, sind eindeutig: Mao, wie er niederkniet, die Hand vor dem Herzen, so als würde er Buße tun. Oder Chinas kommunistischer Staatsgründer, wie er in vielfacher Ausfertigung das Gewehr anlegt und auf eine Jesusfigur zielt.
Dafür ist der siebzig Jahre alte Künstler von einem Gericht im chinesischen Sanhe am Dienstag zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Grundlage ist ein Gesetz, das die „Verunglimpfung nationaler Helden und Märtyrer“ unter Strafe stellt. Die Richter wendeten es rückwirkend an. Denn das Gesetz gilt seit 2018 und wurde 2021 verschärft, wurde also eingeführt, nachdem Gao die Bildnisse hergestellt hatte.
Vor der Amtsübernahme von Staats- und Parteichef Xi Jinping 2012 war das Anfertigen kritischer Kunst noch eher möglich gewesen. Jetzt ist mit Gao eine Symbolfigur der Kunstszene verurteilt worden. Beobachter vermuten eine abschreckende Wirkungsabsicht bis weit in die verbliebene chinesische Kunstszene hinein. Dazu gehört, dass Gao auch seine amerikanische Aufenthaltserlaubnis nicht schützte.
Auch US-Aufenthaltserlaubnis schützte nicht
Der in New York wohnhafte Gao sitzt in China bereits seit zwei Jahren in Haft. 2024 nahmen ihn chinesische Sicherheitskräfte in seinem Pekinger Atelier fest, als er in die Volksrepublik gereist war, um unter anderem Verwandte zu besuchen. Seine mitreisende Frau und sein Sohn wurden mit Ausreisesperren belegt. Mehreren Beobachtern und Diplomaten wurde der Einlass ins Gericht verwehrt.
Auch veröffentlichte das Volksgericht der Stadt Sanhe in der Provinz Hebei das Urteil gegen Gao nicht. Aus dem von Menschenrechtlern verbreiteten Urteilstext geht indes hervor, dass die Richter feststellten, dass Gaos Skulpturen „über den normalen Rahmen der Kunst hinausgehen“ würden und er diese „aus Groll gegen ehemalige Staatsführer“ in Peking angefertigt und später in Sanhe gelagert habe. Die Richter betonen, dass Gao seine Werke über Plattformen und soziale Medien ins Ausland verbreitete. Bis August 2027 muss er nun im Gefängnis bleiben.
Kritik an Mao wird streng überwacht, eine Aufarbeitung seines Wirkens etwa in Bezug auf den „Großen Sprung nach vorn“ oder die Kulturrevolution mit Millionen von Toten findet kaum statt. Eine Entmaoisierung gibt es nicht. Offizielle historische Darstellungen infrage zu stellen, wird vielmehr wieder zunehmend streng geahndet. Mao ist Legitimationsquelle und zentral gefeierte Gründungsfigur, sein Porträt prangt am Himmelstor der Verbotenen Stadt in Peking. Seine Überreste werden gegenüber in einem Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens geehrt, laut Behörden die wichtigste Gedenkstätte von Partei und Staat.
„Wir sind empört“, sagte Gaos Gattin Zhao Yaliang der Nachrichtenagentur Reuters nach dem Urteil. Er soll in Berufung gehen wollen.
