Es ist keine gute Woche, um ein kanadischer Imker zu sein. Oder ein Hersteller von Eishockeyschlägern. Oder von Zement, Wein, Swimmingpools und Staubsaugern. All diese Produkte sind im jüngsten Handelsstreit mit den USA ins Visier von Donald Trump geraten – jetzt werden sie mit Zöllen von 50 Prozent belegt. Zusammen mit weiteren Waren geht es insgesamt um umgerechnet 17 Milliarden Euro, was rund fünf Prozent aller Exporte des Landes in die USA entspricht. Für Kanadas Unternehmen beginnt damit ein weiteres schwieriges Kapitel im Verhältnis mit den Vereinigten Staaten.
Dem Paukenschlag waren wochenlange Verhandlungen zwischen beiden Ländern vorausgegangen. Im Juli hatte der US-Präsident neue Zölle angedroht, weil er amerikanische Autos, alkoholische Getränke und Milchprodukte auf dem kanadischen Markt benachteiligt sah. Am Freitagabend dann, weniger als eine Stunde vor Fristablauf, scheiterten die Verhandlungen. Kanadas Premierminister Mark Carney fand am Wochenende scharfe Worte: „Man ist im Krieg, wenn man angegriffen wird. Wir wurden angegriffen.“ Im Zollstreit, den man in den vergangenen Monaten in Kanada mit einer Mischung aus Trotz und Resignation hingenommen hatte, stehen die Zeichen nun auf Eskalation: Vom 8. September an will Kanada Vergeltungszölle erheben.
Made in China macht es billiger
„Das alles ist einfach nur noch bizarr“, sagt Joey Walsh. Der 43-Jährige ist Gründer und Chef von Hockey Stick Man, einem Hersteller von Eishockeyschlägern in der kanadischen Provinz Ontario. Die Ellbogenmentalität, die Carney proklamiere, finde er eigentlich nicht gut – aber die amerikanische Regierung lasse Kanada keine Wahl. Rund die Hälfte seines Umsatzes von umgerechnet rund 16 Millionen Euro erzielt Walsh in den USA. Allerdings treffen ihn die Zölle anders, als Trump sich das womöglich vorstellt: Denn Walsh produziert den Großteil seiner Schläger aus Kostengründen in China, ein paar auch in der Ukraine. Auf die meisten seiner Produkte, die er in den USA verkauft, werden daher „nur“ Zölle von rund 20 Prozent fällig. „Aber wir werden Hunderttausende Dollar in die Hand nehmen müssen, um die Kunden in den Vereinigten Staaten zu erreichen und ihnen genau das klarzumachen.“ Mit seinem Team bereitet er schon eine entsprechende Kampagne in den sozialen Medien vor.

Dass Trump ausgerechnet die Hockeyschläger ins Visier nimmt, zeigt für Walsh vor allem eines: Die Amerikaner wollen Salz in die Wunde streuen. Auch seine kanadische Konkurrenz produziert weit überwiegend in China, sagt Walsh, ebenso die US-Hersteller. „Da stellt sich die Frage, welche amerikanischen Fabriken die Regierung überhaupt schützen will und vor wem.“ Er ist überzeugt: „Das ist eine politische Sache. Sie haben ein Produkt gewählt, das ein Symbol unserer kanadischen Identität ist.“ Wie stark die amerikanischen Kunden auf die Zollankündigung reagieren, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Aber Walsh ist sicher: „Das wird uns definitiv wehtun.“
Die kanadische Regierung will in den kommenden Tagen näher erläutern, wie sie die Unternehmen in einem länger andauernden Handelskrieg unterstützen will. „Wir werden die Unternehmen unterstützen, solange es nötig ist“, so Carney. „In anderen Worten: Auch über die Dauer der US-Regierung hinaus.“ Diverse Hilfsprogramme existieren schon, zuletzt lancierte Kanada im Mai eines für die Metallindustrie, das zinsgünstige Darlehen bereitstellt. Die Zölle zielen vor allem auf Industrien in den bevölkerungsreichen Provinzen Ontario, Quebec und British Columbia. Bisher gelingt es Carney, die Regierungen der Provinzen hinter sich zu versammeln. Es stehe außer Frage, dass das Ganze wirtschaftlich schmerzhaft sein werde, sagte David Eby, Premier von British Columbia im Westen des Landes. Das sei es bereits jetzt. „Aber es ist nötig, um einem Mobber die Stirn zu bieten.“
Kleine Unternehmen leiden am meisten
Unter den neuen Zöllen könnten vor allem kleine Betriebe leiden. 40 Prozent der kleinen Exporteure seien vom Zoll betroffen, schreibt die Canadian Federation of Independent Business, ein Verband mit mehr als 100.000 überwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen, auf ihrer Website. Fast ein Drittel rechne deshalb mit einem Umsatzrückgang von mindestens 50 Prozent. Die neuen Zölle träfen deutlich mehr Unternehmen, und das deutlich härter als in bisherigen Runden. Dennoch stelle man die Entscheidung der Regierung, die Verhandlungen zu beenden, nicht infrage.
Für andere Firmen, deren Produkte nicht auf der neuen Liste stehen, ist mit den geplatzten Verhandlungen die Hoffnung auf niedrigere Zölle enttäuscht worden. Kanadischen Medienberichten zufolge hätte das neue vorläufige Abkommen Entlastung für die Holzbranche gebracht und die Zölle auf Autos sowie ihre Komponenten von 25 auf 15 Prozent reduziert. Nun drohte Trump für Letztere jüngst sogar mit einer Erhöhung auf 50 Prozent von Januar an. Für die Stahlbranche, die bisher mit 50 Prozent Zöllen konfrontiert ist, sollten es 25 Prozent werden, zumindest für ein bestimmtes Kontingent. Nun bleibt es bei 50 Prozent.
„Ich bin sehr froh, dass der Deal geplatzt ist“
Doch der Rückhalt für die Regierung ist vielerorts groß. „Es war richtig, dass Kanada standhaft geblieben ist, statt einem Abkommen zuzustimmen, das kanadische Arbeitnehmer, Arbeitsplätze und Gemeinschaften nicht ausreichend geschützt hätte“, heißt es in einem Statement der größten Stahlgewerkschaft des Landes. „Wir haben im Laufe der Verhandlungen immer wieder gesagt: Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal.“
Dieser Meinung schließt sich auch Unternehmer Robert Mandel an: „Ich bin sehr froh, dass der Deal geplatzt ist.“ Es sei im Gespräch gewesen, dass auf die US-amerikanischen Stahlimporte nach Kanada gar kein Zoll mehr anfällt, statt wie bisher 25 Prozent. Die Amerikaner hätten den kanadischen Markt mit ihrem Stahl überschwemmt, glaubt Mandel. Im Gegensatz dazu hätten die kanadischen Hersteller weiterhin Zoll in den USA bezahlt, nach Ausschöpfen des Kontingents sogar wieder 50 Prozent.

Mit seinem Unternehmen Welded Tube of Canada beliefert Mandel seine Kunden, zu denen etwa Baufirmen und große Hersteller von Landmaschinen zählen, mit speziellen Rohren. Außerdem hat er ein zweites Geschäftsfeld mit Leitungen, die in der Gas- und Ölförderung zum Einsatz kommen.
Mandel weiß, dass er es mit einer politischen Branche zu tun hat. Donald Trump ist nicht der Erste, der sie ins Visier nimmt, etliche amerikanische Arbeitsplätze hängen an ihr. Als Mandel 2011 überlegte, wo er eine weitere Fabrik errichten sollte, hat er sich in Erwartung künftiger Handelskonflikte für eine kleine Industriestadt im US-Bundesstaat New York entschieden. Von dort aus bedient er inzwischen den größten Teil seines Geschäfts im Energiesektor.
Durch ausbleibende Importe steigt der Preis in den USA
Und trotzdem haben die Zölle von 50 Prozent seinem Unternehmen sehr geschadet. Als Donald Trump in seiner ersten Amtszeit im Juni 2018 erstmals Zölle auf Stahl erhoben hat, konnte Mandel die höheren Preise noch fast vollständig an seine amerikanischen Kunden weitergeben. Seine Produkte waren nicht so leicht zu ersetzen. Doch diese Zeiten sind vorbei, im Schatten des amerikanischen Protektionismus haben sich neue Wettbewerber breitgemacht. Seit Donald Trump im vergangenen Jahr für Stahlprodukte aus Kanada Zölle in Höhe von 50 Prozent festgelegt hat, sind die Umsatzrückgänge besonders herb. Von den rund 850 Mitarbeitern, die er Anfang 2025 hatte, musste er rund 100 entlassen, sagt er.
In diesem Jahr gibt es einen zarten Hoffnungsschimmer, denn durch die ausbleibenden Importe wurden die Preise in den USA kräftig in die Höhe getrieben. Der Nebeneffekt für Mandels Stahlbetrieb: „Seit vier oder fünf Monaten verkaufen wir wieder mehr industrielle Rohre in die USA, wir zahlen den Zoll und verdienen am Ende immer noch etwas an dem Geschäft.“
Dass Kanada und die USA die Verhandlungen zeitnah wieder aufnehmen könnten, gilt als unwahrscheinlich. Die Fronten sind verhärtet, und mit den neuen Zöllen sind erstmals sogar Waren betroffen, die eigentlich unter das Freihandelsabkommen zwischen Kanada, den USA und Mexiko fallen. Viele Unternehmen fahren auf Sicht, hoffen auf ein baldiges Ende der Ära Trump. Einen Plan, wie die Verluste im amerikanischen Markt dauerhaft ausgeglichen werden könnten, haben die meisten nicht. „Klar ist nur: Wir können uns nicht länger auf die USA verlassen“, sagt Joey Walsh von Hockey Stick Man. Er will jetzt noch mehr tun, um seine Geschäfte außerhalb Nordamerikas auszubauen. Einen Markt hat er dabei besonders ins Auge gefasst: Deutschland. Bisher verkauft er dort nur 3000 Schläger im Jahr. Aber die Zahl geht beständig nach oben. Bald soll es sogar eine deutsche Homepage geben.
