
Im Februar 2023 stand auf der Berliner Straße Unter den Linden das Wrack eines russischen Panzers. Zwei Museumsmacher hatten ihn aus Kiew hertransportieren lassen, dort war er auf eine Mine gefahren und zerstört worden. Der Koloss aus verschmortem Stahl, dessen Rohr auf die russische Botschaft zeigte, brachte die Realität des russischen Angriffskriegs für ein paar Tage mitten in die deutsche Hauptstadt, und doch verursachte die Zurschaustellung Unbehagen. In dem Panzer waren höchstwahrscheinlich Menschen gestorben, Soldaten, sehr junge vielleicht.
Nicht weit entfernt mahnt nun erneut eine Installation, nicht zu vergessen, was es heißt, in der Ukraine zu leben. Sie ist nicht nur uneingeschränkt tauglich als Appell zur Empathie mit den im fünften Kriegsjahr erschöpften Menschen dort, sie zeigt auch, wie schnell sich die Kriegsführung in kurzer Zeit verändert hat, was künftige militärische Strategien auch der NATO beeinflussen wird. Vor dem Brandenburger Tor ragt seit gestern ein Netz in die Luft, vier Meter hoch, zehn Meter lang. Für Menschen, die in der Ukraine nahe der Front leben, ein vertrauter Anblick, solche Netze spannen sich über Wege, Tankstellen, Straßen, manchmal kilometerlang. Unter ihnen ist man vor Drohnen geschützt, die verfangen sich in dem Material.
Nachschub kommt von den Tulpenbauern
Mit weichen, geknüpften Fasern gegen die waffenbewehrte Technologie des Aggressors: Ein sympathischeres Bild für die erfindungsreiche Widerstandskraft eines angegriffenen Landes lässt sich kaum denken. Nachschub kommt unter anderem aus den Niederlanden, wo Netze im Boden bei der Tulpenzucht verwendet werden, und von einem deutschen Verein, der ausrangierte Fischernetze sammelt und in die Ukraine bringt.
Zur Installation am Pariser Platz gehören Plakate, die Drohnenangriffe auf Zivilisten in den vergangenen Monaten dokumentieren und auch, wie die Ukraine solche Flugkörper und andere unbemannte Gefährte selbst zunehmend einsetzt: zu Aufklärung, Abwehr, Angriff, Kommunikation und Transport. Die Geschichte einer Familie wird erzählt, die nach der Zerstörung des Kachowka-Damms in ihrem überfluteten Haus festsaß und per Drohne die Botschaft bekam, dass Hilfe auf dem Weg sei. Auch von der 77-Jährigen wird berichtet, die im Mai bei der Flucht aus einer umkämpften Frontstadt so langsam vorankam, dass Soldaten einen Bodenroboter schickten und die Aufforderung: „Setz dich, Oma“.
Mancher Passant auf dem Pariser Platz drehte den Kopf nach oben. Vielleicht, um beklommen sicherzugehen, dass es unter dem Berliner Himmel nichts zu fürchten gibt. Wahrscheinlich aber nur für einen prüfenden Blick in die Wolken, die an diesem kühlen Montag die Sonne immer wieder verdeckten.
